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Traditionalist oder doch Liberaler? Joseph Ratzinger verwirrt mit einem Interview.

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    Erstaunliches Interview: Joseph Ratzinger (er)findet sich neu

    In den 1950er-Jahren war Joseph Ratzinger Kaplan in einer Münchner Gemeinde. Nun hat er sich in einem Interview an diese Zeit erinnert. In den Erinnerungen tritt ein völlig anderer Joseph Ratzinger zutage – ein überraschend liberaler.

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    Von
    • Friederike Weede

    "Eine Lehre, die wie ein Naturschutzpark abgetrennt von der täglichen Welt des Glaubens und seiner Nöte bestehen würde, wäre zugleich ein Verzicht auf den Glauben selbst. Die Lehre muss sich in und aus dem Glauben entwickeln, nicht neben ihm stehen." Diese Worte stammen nicht, wie man vielleicht vermuten könnte, von Papst Franziskus, sondern von dessen Vorgänger – dem emeritierten Papst Benedikt XVI., Joseph Ratzinger – und zwar aus dem Jahr 2021.

    Ratzinger gibt Interview über seine Münchner Kaplanszeit

    Ein Jahr lang arbeitete Joseph Ratzinger in den 1950er-Jahren, damals frisch von der Universität, als Kaplan in der Gemeinde Heilig Blut in München-Bogenhausen. In einem schriftlich geführten Interview, veröffentlicht in der Zeitschrift Herder Korrespondenz, hat Joseph Ratzinger sich nun an diese Zeit erinnert, in der er theologisch noch deutlich liberalere Positionen vertrat, als später als Chef der römischen Glaubenskongregation oder als Papst.

    Fazit: Der alte Papst klingt überraschend neu

    Mit seinen liberalen Ansichten von damals macht sich Joseph Ratzinger in dem Interview nun allerdings so selbstverständlich gemein, als lägen zwischen seiner Haltung als 24-jähriger Universitätsabsolvent und heute nicht Jahrzehnte einer traditionalistisch orientierten Theologie, die ihm immer wieder den Vorwurf der Rückwärtsgewandtheit einbrachte.

    Bodenständiger Alltag: Kindermessen und Religionsunterricht

    Kindergottesdienste, Religionsunterricht, Erstkommunions-Vorbereitung – so sah Joseph Ratzingers Gemeindealltag in seiner Zeit als Kaplan aus. So volksnah und bodenständig sein Aufgabengebiet, so geerdet war scheinbar damals auch seine Theologie, zum Beispiel der von Papst Benedikt später so oft ins Feld geführte Begriff einer "Entweltlichung" der Kirche, besonders prominent platziert in der viel kritisierten Freiburger Rede Benedikts aus dem Jahr 2011.

    Von wegen "Entweltlichung" der Kirche?

    Von seinem heutigen Standpunkt aus erläutert, klingt die Grundidee dahinter deutlich weniger klerikal, als man dies von Joseph Ratzinger erwarten würde: "Was die Kirche von Amts wegen sagen muss, sagt ein Amt, nicht eine Person", schreibt der emeritierte Papst. "Solange bei kirchenamtlichen Texten nur das Amt, aber nicht das Herz und der Geist sprechen, so lange wird der Auszug aus der Welt des Glaubens anhalten. Deswegen schien es mir damals wie heute wichtig, die Person aus der Deckung des Amts herauszuholen und ein wirkliches persönliches Glaubenszeugnis von den Sprechern der Kirche zu erwarten."

    Kritische Stimmen wie die der Kirchenvolksbewegung "Wir sind Kirche" unterstellen Ratzinger allerdings durch die Aussagen des Interviews den Versuch einer lebensgeschichtlichen Klitterung, die eigene Geschichte gerade rücken zu wollen in den Augen der Weltöffentlichkeit.

    Kritiker vermuten Entschuldungsversuch hinter der Veröffentlichung

    "Angesichts des in Kürze zu erwartenden neuen Missbrauchsberichts für die Erzdiözese München und Freising, deren Erzbischof er zwischen 1977 und 1981 war", schreibt die Laienvereinigung in einer Pressemitteilung, könne die Gesprächsaussage "zum Bischofsamt sollten nur Leute zugelassen werden, die ohne Flecken aus der Verfolgungszeit sich den Gläubigen als Glaubende darstellten" als Entschuldungsversuch gedeutet werden.

    Ein Versuch, so wörtlich, "sein möglicherweise dann offenbar werdendes eigenes Versagen zu entschuldigen". Gemeint ist die für dieses Jahr angekündigte Veröffentlichung eines juristischen Gutachtens zum Umgang mit Missbrauchsfällen durch das Erzbistum München und Freising in der Vergangenheit, das möglicherweise ein schlechtes Licht auf die Person Joseph Ratzingers und dessen Zeit als Erzbischof werfen könnte.

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