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Ersatzteillager Tier: das Dilemma der Xenotransplantation | BR24

© dpa/picture alliance/BSIP

Organe des Schweins

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    Ersatzteillager Tier: das Dilemma der Xenotransplantation

    Dass ein Tierherz irgendwann in einem Menschen schlägt, ist noch Zukunftsmusik. Doch durch die Forschung zur sogenannten Xenotransplantation rückt es in greifbare Nähe. Das wirft aber auch ethische Fragen auf.

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    Bruno Reichart ist Herzchirurg, einer der bekanntesten in Deutschland und will als Mediziner Leben retten, das betont er immer wieder. Und kommt auch schnell auf das größte Problem daran zu sprechen: Es fehlt an Spenderorganen. Deshalb hat sich der Humanmediziner für einen ungewöhnlichen Weg entschieden. Seit rund 20 Jahren arbeitet er mit einem Forscherteam an der sogenannten Xenotransplantation, also der Übertragung eines Organs über Spezies-Grenzen hinweg. Mit dem Ziel, irgendwann das Herz eines Schweines einem kranken Menschen zu transplantieren.

    Pavian überlebte mit Schweineherz

    Ende 2018 ging das Forschungsteam um Bruno Reichart und den Tiermediziner und Biotechnologen Eckhard Wolf mit ihren Ergebnissen an die Öffentlichkeit: Ihnen war es gelungen, Pavianen genveränderte Schweineherzen zu transplantieren. Einer der Pavian überlebte 195 Tage mit dem fremden Herz, bevor er eingeschläfert wurde.

    Die Organe des Schweins eignen sich aus Sicht von Medizinern besonders gut für die Transplantation: Sie sind ähnlich groß wie beim Menschen, die Organfunktion ist vergleichbar. Allerdings lässt sich ein Schweineherz nicht ohne weiteres transplantieren: Damit es zu keiner Abstossungsreaktion kommt und sich keine Gerinnsel bilden, hat man das Erbmaterial der Tiere verändert. Optisch unterscheiden sie sich nicht von gewöhnlichen Hausschweinen, sagt Bruno Reichart: "Sie benehmen sich genauso und habe keine Schädigungen. Unsere Strategie ist, mit möglichst wenig Veränderungen auszukommen, aber trotzdem optimale Ergebnisse zu erzielen."

    Tiere als Ersatzteillager für den Menschen?

    Es sind Versuche, die die Fachwelt als "Meilenstein" und "bahnbrechend" beurteilt. Noch gibt es allerdings keine klinischen Studien, noch wird an Tieren geforscht. Und immer wieder werden auch kritische Stimmen laut. Denn sowohl die Forschung an Tieren als auch eine mögliche Transplantation von tierischen Organen in den Menschen wirft ethische Fragen auf.

    "Tiere werden eigens dafür gezüchtet, um als Ersatzteillager vorzuhalten. Klingt negativ und ist auch negativ", so der Theologe Arnulf von Scheliha von der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. "Aber es ist einzige medizinische Möglichkeit, die Tiere für solche Transplantationen vorzubereiten." Denn es sei nicht möglich, Gewebe oder Zellen von wild lebenden Tieren zu transplantieren. "Man muss sich aber auch klar machen, dass die Tiere, die wir als Nahrungsmittel verzehren, eigens dafür gezüchtet werden."

    Georg Marckmann, Medizinethiker an der Ludwig-Maximilians-Universität geht es bei der ethischen Bewertung zunächst um die Frage der Tierhaltung: "Wie ist das mit den Belastungen für die Tiere? Und da muss man sagen, dass die unter den gleichen Standards gehalten werden wie Nutztiere, die wir zur Nahrungsgewinnung nutzen, wahrscheinlich sogar besser, weil die mehr wert sind." Trotzdem müsse die Gesellschaft darüber diskutieren, ob Tiere als Organspender genutzt werden sollen.

    "Es gibt Menschen, die sagen, wir dürfen Tiere gar nicht nutzen, auch nicht für die Nahrungsgewinnung. Dann ist es klar, dass man dann auch die Xenotransplantation nicht durchführen darf. Wenn wir aber sagen, es gibt bestimmte Zwecke, für die es gerechtfertigt ist, Tiere zu nutzen, dann finde ich, ist auch die Nutzung von Tieren für die Gewinnung von Organen relativ gut gerechtfertigt." Georg Marckmann

    Ein Tierleben für ein Menschenleben?

    Am Ende geht es um die Frage: Leben gegen Leben? Darf man ein Lebewesen instrumentalisieren, um ein anderes zu retten? Soll das Herz im Tier weiter schlagen dürfen oder soll das Herz einem Menschen eine neue Lebensperspektive geben? Darüber ist ein gesellschaftliche Diskussion notwendig und der führt unweigerlich zu der Frage: Wie würde ich mich selbst entschieden, wenn ich ein Spenderherz benötige?

    Die Sendung über die Xenotransplantation hören Sie am 12. Januar 2020 in der Sendung "Evangelische Perspektiven" um 8:30 Uhr auf Bayern 2 und um 9:30 Uhr auf BR Heimat oder als Podcast.