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Cornelia Koppetsch

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    Erneuter Plagiatsverdacht gegen Soziologin Cornelia Koppetsch

    2020 hat die Soziologin Cornelia Koppetsch das Buch "Rechtspopulismus als Protest" veröffentlicht. Mängel im wissenschaftlichen Arbeiten sollten in dieser Ausgabe behoben sein. Jetzt gibt es erneut Plagiatsvorwürfe – umfangreicher als bisher bekannt.

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    Von
    • Marie Schoeß
    • Knut Cordsen

    Anfang Juni erreichte die Kultur-Redaktion des Bayerischen Rundfunks eine E-Mail anonymer Absender, unterschrieben vom "Team für gute wissenschaftliche Praxis". Die Soziologie-Professorin Cornelia Koppetsch werde, so erklärten uns die Absender, trotz der ihr im August 2020 nachgewiesenen Plagiate durch eine eigens eingesetzte Untersuchungskommission der TU Darmstadt, trotz eines laufenden Disziplinarverfahrens, "klammheimlich" die Lehre an der TU Darmstadt wieder aufnehmen.

    Aus diesem Grund hätten sie, Studierende und junge Forscher "aus dem Rhein-Main-Gebiet und Berlin", sich entschieden, Plagiatsrecherchen öffentlich zu machen, die Koppetschs 2020 erschienenes Buch "Rechtspopulismus als Protest" betreffen.

    Neue Vorwürfe zum Buch "Rechtspopulismus als Protest"

    Schon im Februar 2021 hat Jochen Zenthöfer in der FAZ auf "Übernahmen fremder Gedanken ohne notwendige Kennzeichnung" in Koppetschs Buch "Rechtspopulismus als Protest" hingewiesen. Zenthöfer berichtete von "mindestens neun nicht oder unzulänglich gekennzeichnete[n] Übernahmen aus sechs unterschiedlichen Quellen".

    Die dem Bayerischen Rundfunk zugespielte Stellensammlung legt nun ein noch größeres Ausmaß nahe: Sie umfasst insgesamt rund 20 Fundstellen mit wörtlichen oder überwiegend wörtlichen Übernahmen ohne ausreichende Quellennennung.

    Weitere Stellen im zweistelligen Bereich sind mit anderen, diffizileren Fragen wissenschaftlichen Arbeitens verbunden, die einer wissenschaftlichen Prüfung bedürfen: Begriffsarbeit, inhaltliche, nicht aber wörtliche Übernahmen von fremden Gedanken ohne klare Kennzeichnung sowie der Verweis auf vorherige Bücher der Autorin Cornelia Koppetsch, die von den Verlagen aufgrund von Plagiatsvorwürfen bereits vom Markt genommen wurden.

    Die Recherchen liegen dem BR in Gänze vor. An dieser Stelle sollen drei Beispiele deren Stichhaltigkeit belegen. Zwei davon sowie weitere Stellen aus dem betreffenden Kapitel ("Aufstand der Etablierten?") haben wir Autorin wie Verlag (VSA) zugänglich gemacht, sie auf die Originalstellen hingewiesen und um Stellungnahme gebeten.

    Beispiel 1: Sabine Hark

    Cornelia Koppetsch schreibt in ihrem Buch: "Herausgefordert wird das staatliche Deutungsmonopol des Establishments, von dem behauptet wird, dass es durch die liberalen Eliten, die 'Genderfrauen' und die politisch korrekten Vertreter des 'pädagogischen Establishments' vertreten würde."

    Hierbei handelt es sich nach Meinung des "Teams für gute wissenschaftliche Praxis" um ein "sinnverfälschendes" Plagiat einer Stelle aus dem Essay "Kontingente Fundierungen" von Sabine Hark ("Soziopolis"), in dem es heißt: "Herausgefordert wird das staatliche Deutungsmonopol des Establishments, von dem behauptet wird, dass es von den liberalen Eliten, den 'Genderfrauen' und den politisch korrekten Vertretern des 'pädagogischen Establishments' gekapert worden sei."

    In einem Plagiat ausgerechnet das Freibeuter-Verb "kapern" durch ein anderes zu ersetzen entbehrt nicht einer gewissen Ironie – bezeichnet es doch einen "bewussten Akt der Übernahme", wie das "Team für gute wissenschaftliche Praxis" anmerkt.

    Beispiel 2: Hans-Peter Müller

    Im selben Kapitel schreibt Cornelia Koppetsch: "Neben dem materiellen Klassenkampf, also einem Kampf um knappe Ressourcen und Positionen, ist nach Bourdieu stets auch der symbolische Klassifikationskampf, also der Kampf um Sichtweisen und Positionierungen, zu berücksichtigen. Stellungen und Stellungnahmen, Positionen und gesellschaftliche Positionierungen sind in der Klassenanalyse Bourdieus eng aufeinander bezogen."

    Diese Ausführung bleibt ohne Hinweis auf das Buch von Hans-Peter Müller "Pierre Bourdieu. Eine Systematische Einführung", das im Suhrkamp Verlag erschienen ist. Dort heißt es: "Neben dem materiellen Klassenkampf, also dem Kampf um knappe Ressourcen und Positionen, muss man stets auch den symbolischen Klassifikationskampf, also den Kampf um Sichtweisen und Positionierungen, betrachten. Gerade weil Stellung und Stellungnahme, Position und Positionierung so eng zusammengehören, darf die Soziologie nicht auf Klassen- und Klassifikationsanalysen verzichten, wenn sie die Prozesslogiken der gesellschaftlichen Ordnung aufdecken will."

    Beispiel 3: Sighard Neckel

    In einer Fußnote auf Seite 102 schreibt Cornelia Koppetsch: "Denn inmitten sozialer Verhältnisse, die durch einen hohen Grad wechselseitiger Interdependenzen geprägt sind, ist es für den Einzelnen existenziell bedrohlich geworden, den Impulsen zu folgen, die der Augenblick ihm eingibt, während derjenige im Vorteil sein wird, der sich zwingt oder es schon erlernt hat, sich durch Selbstdisziplin und Langsicht auf die größer werdende Komplexität seiner Umwelt einzustellen."

    In der Fußnote wird keine Quelle genannt. Sighard Neckel aber schreibt in seinem 1991 erschienenen Text "Status und Scham": "Inmitten sozialer Verhältnisse, die durch einen hohen Grad wechselseitiger Interdependenzen geprägt sind, ist es für den einzelnen existenziell bedrohlich geworden, den Impulsen zu folgen, die der Augenblick ihm eingibt, während derjenige im Vorteil sein wird, der sich zwingt oder es schon erlernt hat, sich durch Selbstdisziplin und Langsicht auf die größer werdende Komplexität seiner Umwelt einzustellen."

    Neben diesen Stellen hat das "Team für gute wissenschaftliche Praxis" weitere wörtliche Übernahmen ausgemacht – etwa aus Texten des Soziologen Andreas Reckwitz.

    Stellungnahme des Verlags und der Autorin

    Koppetschs Hamburger Verleger Gerd Siebecke (VSA Verlag), selbst Diplom-Soziologe, erklärt in seiner Stellungnahme dem BR gegenüber, warum er das Buch – aus inhaltlichen Gründen – ins Programm genommen habe und weiter für aufschlussreich halte. Zu den von uns aufgeführten Stellen und dem damit verbundenen konkreten Vorwurf der ungenügenden Praxis zitiert er die Autorin mit einer allgemeinen Erklärung ihrer Arbeitsweise und lässt uns wissen: "Selbstverständlich werden wir Frau Koppetsch bitten, sich mit den neuerlichen Kritiken an ihrem Ansatz auseinanderzusetzen."

    Auch Cornelia Koppetsch bezieht sich nicht konkret auf die vorgelegten Stellen, sondern schreibt, sie stütze sich "natürlich auf die Untersuchung anderer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler und weise die zusammenfassende Auseinandersetzung mit deren Positionen auch aus, ohne einzelne Wörter oder Halbsätze zu zitieren".

    Auch sie liefert eine ausführliche Erklärung der Arbeitsweise und der Argumentation, aber eine Einordnung der konkreten Stellen bleibt sie in der Stellungnahme schuldig. Dabei beziehen sich die Vorwürfe einzig auf die Zitierweise der Wissenschaftlerin und gerade nicht auf die Bedeutung ihrer Thesen und des von ihr behandelten Themas.

    Die Rolle der TU Darmstadt

    Auch die Universitätsleitung der TU Darmstadt haben wir mit der Frage konfrontiert, warum Cornelia Koppetsch in diesen Tagen die Lehre wiederaufnimmt und zwei Seminare anbietet, ohne dass die Auswertung des Disziplinarverfahrens zugänglich sei und damit auch für die Studierenden Klarheit bestehe. Laut aktuellem Vorlesungsverzeichnis der TU Darmstadt bietet Cornelia Koppetsch in dem laufenden Semester die Seminare "Sozialtheorie und Emotionen" sowie "Gegenwartsdiagnosen I" an.

    Zum Hintergrund muss man wissen: 2020 leitete die TU Darmstadt ein Disziplinarverfahren gegen die dort lehrende Professorin für Soziologie ein, nachdem eine Untersuchungskommission zwei Monografien und vier Aufsätze der Professorin auf mögliche Plagiatsstellen überprüft und "eine gravierende Missachtung guter wissenschaftlicher Praxis" festgestellt hatte.

    Das Ergebnis war auch deshalb mit großem Interesse erwartet worden, weil 2019 bei der Verleihung des Bayerischen Buchpreises erstmals Plagiatsvorwürfe bekannt wurden. Damals zog Sandra Kegel, Literaturkritikerin und Jurorin des Preises, Cornelia Koppetschs "Die Gesellschaft des Zorns" aus dem Wettbewerb zurück – und das vor Publikum. Der Grund: Zweifel an der korrekten Zitierweise der Autorin.

    Vor der Veranstaltung hatte Sandra Kegel der Autorin angeboten, das Buch freiwillig zurückzuziehen, um diese öffentliche Situation zu vermeiden. Das lehnte Cornelia Koppetsch ab. Der BR hatte anschließend seine Recherchen öffentlich gemacht. Der Fall hatte deutschlandweit für Aufsehen gesorgt.

    Klarstellung der Universität

    In ihrem Abschlussbericht kam die Kommission zum Ergebnis, dass 111 von 117 untersuchten Stellen als Plagiat beziehungsweise als Verstoß eingestuft werden müssten: "Es bleibt das Bild einer Fragen der fremden Autorschaft gegenüber über Jahre hinweg im Ergebnis rücksichtslosen Autorin, die sich über Regeln der guten wissenschaftlichen Praxis hinwegsetzt."

    Die TU Darmstadt stellte auf unsere Anfrage hin nun klar: "Die Entscheidung, dass Frau Prof. Dr. Koppetsch wieder Lehrveranstaltungen an der TU Darmstadt anbietet, ist keineswegs ein Ergebnis des Disziplinarverfahrens gegen Frau Koppetsch."

    Gerichtlicher Beschluss zu Lehrveranstaltungen

    Die Entscheidung erfolge vielmehr aufgrund eines Beschlusses des Verwaltungsgerichts Darmstadt, "welches Frau Koppetsch in einem Eilverfahren angerufen hatte. Demnach ist die TU Darmstadt mit sofortiger Wirkung verpflichtet, Frau Koppetsch wieder das Abhalten von Lehrveranstaltungen zu ermöglichen."

    Das Disziplinarverfahren stehe unmittelbar vor dem Abschluss, nur könnten aus rechtlichen Gründen bis zur Verkündung des Ergebnisses keine Details mitgeteilt werden. Seit April 2021 prüfe eine Untersuchungskommission der TU Darmstadt außerdem neue Vorwürfe und Anhaltspunkte, wonach die Soziologie-Professorin in weiteren Publikationen gegen die Regeln guter wissenschaftlicher Praxis verstoßen habe.

    Auch die uns vorliegende Stellensammlung wird – in Übereinkunft mit unserer Quelle – der Universität noch heute übermittelt. Heute Nachmittag um 16:15 Uhr hält Cornelia Koppetsch an der TU Darmstadt ihre erste digitale Lehrveranstaltung des Semesters ab.

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