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Erinnern und erzählen: Erfolgsautor Uwe Timm wird 80 | BR24

© Audio: Bayern 2 / Bild: Cornelia Zetzsche

Erinnern und Erzählen. Cornelia Zetzsche zum 80. Geburtstag von Bestseller-Autor UweTimm

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Erinnern und erzählen: Erfolgsautor Uwe Timm wird 80

Ob "Die Entdeckung der Currywurst" oder "Am Beispiel meines Bruders": Uwe Timm schreibt anhand individueller Geschichten über die deutsche Geschichte. Ein Archäologe des Alltags – seit fast 50 Jahren. Auch die Corona-Krise beobachtet er aufmerksam.

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"Schreiben ist für mich die Form, in der ich am besten über mich selbst nachdenken kann", sagt Uwe Timm. "Und das heißt ja nicht nur ich über mich, sondern über die Schreibtischkante hinaus auch über das, was draußen passiert." So bilanziert ein Schriftsteller sein Schreiben, in den gegenwärtigen Krisenzeiten allerdings weniger draußen als in seinem Arbeitszimmer. Ein heller, fast karger Raum, der Biedermeierschrank mit persönlichen Reliquien: dem Tagebuch des Bruders etwa, den er kaum kannte. Auf zwei Holzböcken eine Erlenholzplatte aus Italien, seit 40 Jahren der Schreibtisch des Bestseller-Autors.

Die Ängste der Kindheit und das Schreiben

Timm ist ein Feldforscher verschütteter Gefühlswelten und historischer Figuren. Der Humus seines Schreibens sei die Familie, sagt er, sei der strenge Vater, seien die Ängste der Kindheit, die Probleme in der Schule, mit dieser ganz auf Gehorsam ausgerichteten Erziehung. Mit dieser Unzufriedenheit habe er begonnen zu schreiben, hilflos anfangs: "Es war für mich wirklich die Form, mich dagegen zu wehren."

Erinnern und Erzählen sind Programm für den Chronisten, der anhand persönlicher Lebensentwürfe deutsche Geschichte erzählt. Im Debüt "Heißer Sommer", dem Entwicklungsroman von 1974, schickt Uwe Timm seinen Romanhelden Ulrich Krause durchs studentenbewegte München. Schon damals verband er, in der ihm eigenen Collagetechnik, Aufbruch und politische Analyse vor historischer Kulisse. Herausragend ist "Rot", die Lebensbilanz des Beerdigungsredners Thomas Linde, der vor ein Auto gelaufen ist und nun im Sterben liegt. In der Tasche das Dynamit, mit dem ein Freund die Berliner Siegessäule sprengen wollte. Hoch oben: Der Engel der Geschichte.

© privat: Dagmar Ploetz

Uwe Timm und Cornelia Zetzsche im Corona-Abstand beim Interview im Arbeitszimmer des Schriftstellers

Im Schatten deutscher Geschichte

"Am Beispiel meines Bruders", sein wohl am meisten verkauftes Buch, stellt Fragen an den Bruder Karl-Heinz Timm, der sich mit 18 zur Waffen-SS gemeldet hatte und mit 19 Jahren in der Ukraine fiel. Die zentrale Frage dieser Biografie ist für Uwe Timm: "Wie waren die, mit Blick auf feindliche Soldaten, befähigt zu sagen: 75 Meter, ein Fressen für ein MG? Was musste da ausgeschaltet werden, wo die Emotionen so abgetötet werden, wo es Sprachfetzen gibt, die eben verhindern, dass ein Nachdenken oder Mitfühlen möglich ist? Die alltägliche Zurichtung von Menschen, die gehorchen, die zu wenig Zivilcourage zeigen, das ist ja nicht unaktuell, das gilt ja auch heute.“

Die Verführbarkeit des Einzelnen, die gesellschaftliche Relevanz von Utopien interessieren Uwe Timm bis heute. Und die Frage, wie aus Idealismus schuldhaftes Versagen wird. Wie in "Ikarien" bei dem Mediziner Alfred Ploetz, der mit sozialistischen Ideen vom besseren Menschen begann und am Ende die vermeintlich wissenschaftliche Basis für den mörderischen Rassenwahn der Nationalsozialisten lieferte, vor den Toren Münchens, am Ammersee.

Dem deutschen Rassismus spürte Uwe Timm schon 1978 in seinem großartigen Kolonialroman "Morenga" nach: "Also diese unfassliche Blindheit gegenüber dem, was anderes Leben sein kann, dass dies ideologisch verdrängt wird; dass ein Mensch, der eine andere Hautfarbe hat, nicht als liebenswerter Mensch gesehen wird, sondern als etwas Vernichtenswertes." Morenga, ein Führer der aufständischen Hottentotten und Hereros, ist der unsichtbare Held. Erzählt wird in vielen Stimmen, eines jungen deutschen Veterinärs, deutscher Militärs und Kolonialbeamter, ja, sogar Zugochsen haben das Wort.

Von Stoffen, Texten und Texturen

"Morenga" am Anfang der Karriere als Bestseller-Autor und zuletzt das große Lebensbuch "Ikarien" – die beiden großen Romane zeigen Uwe Timms Erzählweise, das Fragende und Selbstbefragende, die Stimmenvielfalt ohne Wertung, die elegante Collage aus Fakten, historischen Quellen und Fiktion. Bahn für Bahn, wie er einst die Felle als Kürschner bearbeitete, der er in den 1950er-Jahren werden musste, um den Vater zu ersetzen. Noch heute, beim Schreiben, geht es um Stoffe, Texturen, Strukturen, aber auch um Klang: "Ich schreibe ja immer um und habe dabei immer meine Stimme im Kopf, und dann muss es auch gut klingen. Dieses Zusammentreffen von gutem Klang und dem inhaltlich Anvisierten, das ist eine Sache der Arbeit."

Uwe Timm, groß, schmal, agil auch mit 80 Jahren. Ein Cäsarenkopf. Ein Erzähler, der weiß, das Zuhören ist Voraussetzung, das Erkennen von Geschichten. 1940 in Hamburg geboren, der preußischen Strenge entflohen in die Studentenbewegung und sozialistische Kreise, später nach Paris, Rom, den Rest der Welt. In München zu Hause, Hamburger geblieben, aber ohnehin immer unterwegs.

Corona als Dystopie

Zwei neue Romane hat er schon im Kopf. "Der Verrückte in den Dünen. Über Utopie und Literatur" ist gerade erschienen. Und auch da finden sich Geschichten darüber, wie Utopien ins Gegenteil umschlagen, sagt Uwe Timm: "Utopie meint soziale Gerechtigkeit, meint Freiheit, meint eine Gesellschaft, die auf gegenseitiger Hilfe, auf Solidarität beruht. Und das ist im Augenblick genau das Gegenteil. Es ist eine Seuche, aber anders, als Camus die Pest beschrieben hat. Die Pest hat alle gleichgemacht. Das Vertrackte und Dystopische an dieser Form der Corona ist, dass sie ungleich macht, es sind die Alten und die Verletzten, die Probleme haben. Dieses Corona-Virus könnte eine Form sein, den sich ein Eugeniker ausgedacht hat, für eine wirklich radikale neoliberale Gesellschaft."

Das Werk Uwe Timms erschien bei Kiepenheuer & Witsch, die neue Ausgabe von "Morenga" bei dtv, mit einem Nachwort von Robert Habeck.

© dtv

Buchcover der Neuausgabe von "Morenga"

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