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Tagebuch-Edition: Erich Mühsam, der zweifelnde Revolutionär | BR24

© Bayern 2

Erich Mühsam war Bohemien, Gesinnungsbayer und Revolutionär, seine Tagebücher sind ein einzigartiges Zeitdokument. Nun liegen sie in einer neuen Edition komplett vor – auf Papier und im Netz. Ein großes Werk, in dem man Mühsam erstaunlich nahekommt.

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Tagebuch-Edition: Erich Mühsam, der zweifelnde Revolutionär

Erich Mühsam war Bohemien, Gesinnungsbayer und Revolutionär, seine Tagebücher sind ein einzigartiges Zeitdokument. Nun liegen sie in einer neuen Edition komplett vor – auf Papier und im Netz. Ein großes Werk, in dem man Mühsam erstaunlich nahekommt.

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In München-Schwabing erinnert ein Platz an ihn: den Dichter, Anarchisten und Revolutionär Erich Mühsam, der vor hundert Jahren, 1919, maßgeblich an der Ausrufung der Münchner Räterepublik beteiligt war. Dafür wurde er zu 15 Jahren Festungshaft in Bayern verurteilt, aus der er 1924 nach fünf Jahren freikam. Das Jahr 1924 ist auch jenes, in dem er zuletzt Tagebuch geführt hat, weshalb die soeben abgeschlossene Edition der Tagebücher Erich Mühsams in eben jenem Jahr 1924 endet. Dieses 15-bändige Tagebuch-Edition liegt nun vollständig im Berliner Verbrecher Verlag und im Netz vor. Ein Gespräch mit dem Verleger Jörg Sundermeier.

Knut Cordsen: 2011 haben Sie mit den beiden Herausgebern Chris Hirte und Conrad Piens dieses Mammut-Projekt der Gesamtedition in Angriff genommen, 2019 nun haben Sie es abschließen können. Was hat Sie an den Tagebüchern Mühsams so begeistert?

Jörg Sundermeier: Zum einen hat man gemerkt – und es gibt dafür auch einige überlieferte Schriftsätze von ihm –, dass er selber diese Tagebücher durchaus als eines seiner Hauptwerke, wenn nicht sogar als sein Hauptwerk betrachtet hat. In den Tagebüchern ist eine unglaubliche Wandlung sichtbar. Man hat den immer schon anarchistischen Geist Mühsam, aber auch den Bohemien Mühsam in den ersten Jahren 1910 bis 1914, der sehr den Frauen hinterherläuft, der sehr viel konsumiert und eigentlich das für seine Freiheit hält, und der sich dann immer stärker und immer klarer zu einem politischen Kopf entwickelt und schließlich auch in der Räterepublik kurzzeitig führend wird. Ein Großteil der überlieferten Hefte sind die Hefte aus der Gefängniszelle von 1919 bis 1924. Dort erleben wir einen ganz stark politisch reflektierenden Kopf. Der versucht zu analysieren, was mit der Räterepublik nicht geklappt hat, und der merkt: Hier verändert sich etwas. Die Strukturen der Macht werden andere, das Entmenschlichen von politischen Gefangenen wird ein anderes. Er hat, wenn man so will, gewisse Vorahnungen, und er präsentiert uns das in einer ganz wunderbaren erzählerischen Weise. Er benutzt kaum Abkürzungen. Er schreibt über seine Selbstzweifel, so dass man oft auch sehr widersprüchliche Einträge hat. Das alles ist ungemein spannend zu lesen.

Hat Erich Mühsam seine Tagebücher Ihrer Meinung nach schielend auf die Nachwelt verfasst oder wie lesen Sie diese rund 7.000 Seiten?

Auf die Nachwelt schielend – das würde ich nicht unbedingt sagen, dazu sind zu viele intime Sachen darin. Man weiß aber, dass er zu seinen Lebzeiten öfter mal aus seinen Tagebüchern vorgelesen hat, und er hatte immer wieder vor, mit den Tagebüchern zu arbeiten, um daraus dann Werke zu schaffen, also sozusagen bearbeitete Tagebücher zu veröffentlichen. Das ist ihm nie gelungen. Ein Werk hat er zusammengestellt, das leider auch verschollen ist, und insofern liegen jetzt nur diese Tagebücher vor. Sie sind gewissermaßen der Kern dessen, was er hätte veröffentlichen wollen.

Sie haben kürzlich in der Münchner Monacensia zusammen mit Ihrer Frau Kristine Listau Auszüge aus diesen Tagebüchern vorgetragen. Darin ging es dann natürlich auch um die ganze Schwabinger Boheme, in der sich Mühsam bewegt hat: Frank Wedekind, Franziska zu Reventlow, Thomas Mann, den er nicht mochte, Heinrich Mann, den er sehr mochte, Oskar Maria Graf, Ernst Toller und viele andere. Nach seiner Entlassung aus der Festungshaft 1924 ist Mühsam auch Ernst Jünger begegnet, der sicherlich eine politische Antipode war – und doch haben sich die beiden ganz gut verstanden. Jünger zeigt sich in seinen Tagebüchern angetan von Mühsam und beschreibt ihn in seinem flatternden Mantel als "eine seltsame Erscheinung, die an einen großen, unbeholfenen Vogel erinnerte" und wild gestikulierte beim Reden. Erich Mühsam scheint, wenn er mit Jünger geredet hat, ideologische Barrieren nicht gekannt zu haben. Er war offenkundig nicht verbohrt.

Naja, Jünger selbst hat sich ja als der Anarch gesehen. Sicherlich wird das Soldatische, das Jünger auch immer vor sich her getragen hat, Mühsam nicht gefallen haben. Aber er war durchaus interessiert daran, immer wieder auch über den Tellerrand zu schauen und zu gucken, wen es da noch gibt, der möglicherweise interessant ist und mit dem man noch in irgendeiner Weise zusammenarbeiten kann. Dass es zu keinem politischen Bündnis mit Ernst Jünger gekommen ist, ist ja bekannt.

© Nane Diehl

Jörg Sundermeier

Die "bayerisch-klerikal-konservative 'Staatsgesinnung'", von der Mühsam im Gefängnis in Niederschönenfeld schreibt, muss dem Preußen Mühsam zuwider gewesen sein, oder?

Naja, er war schon ein Gesinnungs-Bayer, denn das obrigkeitsstaatliche Preußen war dem Preußen Mühsam eigentlich zuwider. Er war kein großer Freund des Berlinerischen, des Preußisch-Soldatischen. Mühsam wusste, dass er nach der Festungshaft als Mensch, der sich so politisch exponiert hat, in Bayern nicht mehr leben kann. Es wurden ihm gegenüber Todesdrohungen ausgesprochen, insofern musste er dann 1924 nach Berlin gehen. Er war aber keine Herzens-Berliner.

Was zeichnet die Tagebücher aus? Werfen Sie ein neues Licht auf die historischen Ereignisse damals, in denen Mühsam ja so etwas wie ein Zentralgestirn war?

Sicherlich sind diese Tagebücher neben ihrer literarischen Qualität auch einfach ein enormes Zeitdokument. Schon jetzt wird diese Edition genutzt, wir bekommen immer wieder Feedback darauf, vor allem die beiden Herausgeber Conrad Piens und Chris Hirte bekommen Rückmeldungen, in denen ihnen gesagt wird, wie wertvoll das ist, wie viele Leute schon damit arbeiten können. Und es ist eine gewisse Tragödie, dass ausgerechnet die Tagebücher aus den Jahren 1918/19 fehlen. Offiziell sind sie verschollen, wir gehen davon aus, dass sie aus politischen Gründen in der Sowjetunion, wo der Nachlass Mühsams verwahrt wurde, entfernt worden sind. Deswegen haben wir auch ein ergänzendes Buch gemacht: "Sechs Tage im April" von Markus Liske. Er hat Mühsam-Texte montiert, um zu schauen, was in den sechs Tagen im April 1919, in denen Mühsam dann aktiv an der Räterepublik teilnehmen konnte, passiert ist, was Mühsam dort wollte und wie er es auch im Nachhinein bewertet hat. Denn er hatte durchaus, wie gesagt, Selbstzweifel, und war eben auch selbstkritisch seiner eigenen Rolle gegenüber.

Die Tagebücher Erich Mühsams sind vom ersten Eintrag 1910 bis zum letzten 1924 auch digital verfügbar, auf der Seite www.muehsam-tagebuch.de. Warum bringt man etwas, das auch komplett im Netz verfügbar ist, noch mal in Buchform heraus?

Weil es tatsächlich – das bietet sich bei diesen Tagebüchern ganz besonders an – auch einfach schöne Lesestücke sind. Und trotzdem brauchten wir gleichzeitig einen Apparat. Wir brauchten die Verlinkungen auf die jeweiligen Personen. Wer ist dieser, wer ist jene – sofern wir das herausfinden konnten. Und dann wurde auf die entsprechenden Wikipedia-Einträge et cetera verlinkt, teilweise auch erklärt, was für eine Bedeutung diese Personen im Leben Mühsams hatten. Neben diesem Anmerkungsapparat gibt es noch die Original-Handschriften im Netz anzuschauen, damit man auch überprüfen kann, ob Piens und Hirte wirklich originalgetreu übertragen oder ob sie Fehler gemacht haben, so dass das Ganze dann eine historisch-kritische Ausgabe ist. Ich kann Ihnen versichern, wenn Sie das versuchen, im Netz zu lesen, geht das zwar einerseits, andererseits werden Sie dauernd abgelenkt sein, weil Sie so viele neue Personen kennenlernen und so vielen Links folgen, dass Sie sich teilweise verirren und überhaupt nicht mehr im Originaltext sind.

Also birgt die Vernetzung von Buchausgabe und Online-Ausgabe sogar Vorteile, denn es sind ja keine Konkurrenten, sondern die beiden Dinge ergänzen einander.

So werden die Standards an eine historisch-kritische Werkausgabe erfüllt. Hätten wir das alles drucken müssen, wären das zwanzig- oder dreißigtausend Seiten gewesen, und jeder wäre damit überfordert gewesen.

Die Tagebücher von Erich Mühsam sind in 15 Bänden, herausgegeben von Chris Hirte und Conrad Piens, im Verbrecher Verlag erschienen.

Dort liegt auch der Band "Sechs Tage im April. Erich Mühsams Räterepublik" von Markus Liske vor.

Die Online-Edition findet sich hier: www.muehsam-tagebuch.de. Sie enthält einen Anmerkungsapparat mit kommentiertem Namenregister, Sacherklärungen und ergänzende Materialien.

© Verbrecher Verlag

Buchcover Erich Mühsam, Tagebücher Band 15

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