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"Die nächste Generation wird sich das nicht bieten lassen" | BR24

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Die österreichische Autorin und Aktivistin Erica Fischer blickt auf fünf Jahrzehnte Feminismus zurück. In ihrem neuen Buch ruft sie in Erinnerung, was erreicht ist. Jetzt geht es für sie um die Verbindung von Feminismus und sozialer Gerechtigkeit.

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"Die nächste Generation wird sich das nicht bieten lassen"

Die österreichische Autorin und Aktivistin Erica Fischer blickt auf fünf Jahrzehnte Feminismus zurück. In ihrem neuen Buch ruft sie in Erinnerung, was erreicht ist. Jetzt geht es für sie um die Verbindung von Feminismus und sozialer Gerechtigkeit.

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Die Journalistin, Autorin und Übersetzerin Erica Fischer ist mit ihrem Bestseller "Aimée & Jaguar" bekannt geworden. Darin erzählt sie von der Liebe zwischen einer Jüdin, die sich verstecken muss, und der Ehefrau eines Wehrmachtssoldaten in Nazi-Deutschland. Fischer, deren Eltern aus Wien emigriert waren, wurde 1943 in der Nähe von London geboren, Anfang der 70er-Jahre gehörte sie zu den Mitbegründerinnen der autonomen Frauenbewegung in Wien. In ihrem neuen Buch "Feminismus Revisited" schreibt sie über ihr Leben und ihr feministisches Engagement. Und lässt Feministinnen der nachfolgenden Generation wie Mithu M. Sanyal und Hengameh Yaghoobifara zu Wort kommen. Beate Meierfrankenfeld hat mit Erica Fischer gesprochen.

Beate Meierfrankenfeld: Frau Fischer, “Feminismus Revisited“ nennen Sie Ihr Buch, Sie blicken ja auf fünf Jahrzehnte Frauenbewegung zurück. Und Sie konstatieren, dass der Begriff "Feminismus", dieses heikle "F-Wort", seinen negativen Beiklang inzwischen verloren habe. Ist Feminismus heute tatsächlich positiv besetzt?

Erica Fischer: Ich habe ich den Eindruck, ja. Es gibt natürlich solche und solche, aber wenn Feminismus auf T-Shirts gedruckt wird von Dior oder auf Schals, dann scheint es doch so zu sein, dass es cool ist, eine Feministin zu sein. Ich habe gerade eine E-Mail bekommen auf einen Artikel, in der ich beschimpft werde – und natürlich gibt es auch diese Abteilung von autoritären Männern, die es überhaupt nicht ertragen können, dass jetzt die Frauen in aller Munde sind.

Sie haben sich seit den 60er-, 70er-Jahren in der Frauenbewegung als Publizistin und Aktivistin engagiert. Was waren damals die wichtigsten Themen für Sie und Ihre Mitstreiterinnen?

Ich bin ja Österreicherin, und das wichtigste Thema war damals die Abtreibung, die kurz vor der Liberalisierung stand. Und dann haben wir allmählich begonnen, andere Diskriminierungen zu entdecken, und das große Thema war natürlich Gewalt, sexueller Missbrauch. Aber letztlich waren es dieselben Themen, die auch heute junge Frauen beschäftigen.

Zugleich rufen Sie viele sehr konkrete Dinge in Erinnerung, die ein Frauenleben bestimmt haben und die man sich heute kaum noch vorstellen kann. Ganz praktische Sachen wie den fehlenden Zugang zu Verhütungsmitteln zum Beispiel, die ständige Angst vor Schwangerschaft, aber auch eine Erziehung, die Frauen beibrachte in der Trambahn die "Knie zusammenzuhalten". Selbst in einem Elternhaus wie Ihrem, das politisch durchaus progressiv war.

Da sieht man, dass sich sehr viel getan hat seitdem. Ich muss das jungen Frauen immer wieder sagen, die ungeduldig sind: Kulturell hat sich unglaublich viel verändert. Ich kann mich erinnern, dass wir nach einem Treffen im Frauenzentrum in ein Gasthaus gegangen sind, eine Gruppe von Frauen, und es gab einen Aufruhr. Das hatte man überhaupt noch nie gesehen, dass so viele Frauen in eine Kneipe gehen. Wenn ich heute in ein Restaurant gehe, dann sehe ich mehr Frauen als Männer. Frauen sind äußerst kommunikativ, haben Freundinnen und gehen unheimlich gern aus, das ist ein kultureller Unterschied, der gar nicht hoch genug einzuschätzen ist. Und natürlich der Umgang mit dem Körper, der Umgang mit der Sexualität, das ist eine Veränderung, die ungeheuerlich ist und die sich natürlich auch auf das gesamte Selbstbewusstsein und auf das gesamte Verhalten von jungen Frauen auswirkt: Wenn man keine Angst mehr haben muss vor Schwangerschaft, wenn man Verhütungsmittel nehmen kann, dann hat man natürlich einen ganz anderen Umgang mit seinem Körper.

© Massimo Cortini

Erica Fischer

Sie erzählen in Ihrem Buch, dass Sie am Dolmetscher-Institut in Wien studiert und nicht den dort üblichen Faltenrock getragen haben, sondern eine Hose. Und dass ein Bibliothekar darüber Bemerkungen gemacht hat, die sie damals nicht als sexistisch eingeordnet haben, weil es diesen Begriff noch nicht gab. Ist das genau eines der Projekte des Feminismus: Begriffe zu schärfen, um die Probleme überhaupt sehen zu können?

Ja. Schon der Begriff "Feminismus" war in meiner ersten Zeit eher verpönt, auch von uns selbst. Wir haben gesagt: Feministinnen, das sind diese bürgerlichen amerikanischen Frauen, so wollen wir nicht sein, denn wir sind Linke, und wir wollen die gesamte Gesellschaft verändern. Erst allmählich haben wir den Begriff "Feminismus" für uns adaptiert und uns zu eigen gemacht. Den Begriff "Gender" gab es natürlich in meiner Zeit überhaupt nicht. "Sexuelle Belästigung", auch das Wort wurde damals nicht verwendet, obwohl es selbstverständlich sexuelle Belästigung gab. Wir haben zum ersten Mal öffentlich über Vergewaltigung gesprochen, das war auch etwas völlig Neues und wurde zunächst abgelehnt. Die Tatsache, dass Gewalt gegen Frauen ein alltäglicher Vorgang ist, musste den Leuten erst klargemacht werden, indem dieses Wort immer wieder verwendet wurde.

Und heute spricht einiges dafür, zu sagen: Feminismus ist nicht mehr "nur" Frauenpolitik, sondern eben Genderpolitik, oder?

Absolut, ja. Feminismus heute ist wesentlich weiter gefasst als eine Polarisierung zwischen Männern und Frauen oder eine eng gefasste Kritik am Patriarchat. Die Frauen, mit denen ich für mein Buch gesprochen habe, waren alle sehr engagiert, was Rassismus anbelangt, was Nationalismus anbelangt, und ich verstehe das auch: Rassismus und Sexismus sind eigentlich dieselben Denkweisen, die kommen zusammen, das kann man in der Politik beobachten. Das sind Dinge, die uns damals gar nicht so beschäftigt haben, als linke Frauen waren das alles natürlich schon unsere Themen, aber wir waren so damit beschäftigt, erst mal überhaupt zu kapieren, was da läuft im Patriarchat, was mit uns gemacht wird, was mit unseren Körpern gemacht wird, dass wir für die anderen Themen vielleicht etwas weniger Platz hatten.

Das heißt, der breitere politische Kontext, den der Feminismus heute aufmacht, ist auch darauf zurückzuführen, dass dieser praktische Kampf gegen patriarchale Strukturen seit den 70er-Jahren eine Erfolgsgeschichte ist?

Ich würde das schon so sehen, ja. Die jungen Männer haben sich verändert, vielleicht nicht massenhaft, aber doch schon. Wenn ich zu Veranstaltungen zu Genderpolitik gehe, dann sind immer auch junge Männer dabei, die sich zu Wort melden, und da entsteht auch kein Sturm der Empörung, wie wir das früher hatten, wenn ein Mann das Wort ergriffen hat. Aber Männer waren damals zu Veranstaltungen gar nicht zugelassen. Frauen sind heute so selbstbewusst, dass eine männliche Stimme sie überhaupt nicht verunsichern kann. Und natürlich: Durch die Verfügbarkeit von Verhütungsmitteln hat sich die Sexualität entspannt und ist – das ist dem Kampf der Homosexuellen-Bewegung zu verdanken – fluide geworden: Im Laufe des Lebens einer Person kann es sein, dass sie von der Heterosexualität zur Homosexualität wechselt oder auch beides gleichzeitig praktiziert. Das ist übrigens auch nichts Neues: Ich habe gerade ein Buch über Simone de Beauvoir gelesen, sie hat das ihr ganzes Leben praktiziert, war aber natürlich eine Ausnahmefrau.

Trotzdem gibt es ja auch heute noch einen großen Unterschied zwischen einer Avantgarde und dem Mainstream der Gesellschaft. Und da hat man manchmal doch wieder den Eindruck, dass die gesellschaftliche Entwicklung der Gegenwart ein bisschen hinter den Aufbruch von damals zurückfällt. Würden Sie das auch so sehen?

Nein, das würde ich nicht so sehen. Wir waren damals eine sehr kleine Minderheit. Wir haben zwar viel Aufmerksamkeit bekommen, weil das, was wir gesagt haben, neu war und teilweise empörend für viele Menschen. Aber wir waren wenige – und heute definieren sich wesentlich mehr junge Frauen als Feministinnen, ohne jetzt besonders engagiert zu sein. Der gesellschaftliche Mainstream akzeptiert die Gleichberechtigung. Wir haben einerseits nach wie vor eine unglaubliche Kluft zwischen den Einkommen von Männern und Frauen, ganz zu schweigen von den Renten. Andererseits aber habe ich das Gefühl, dass niemand sich hinstellen und sagen würde: Es ist richtig, dass Frauen weniger bezahlt bekommen. Deutschland hat seit ewigen Zeiten eine Bundeskanzlerin, vielleicht werden wir noch mal eine Bundeskanzlerin haben: Frauen sind heute ganz woanders angekommen als in meiner Jugend. Ich hatte keine erfolgreichen Frauen, denen ich nacheifern konnte. Immer blieb nur Simone de Beauvoir als großartige Intellektuelle und Schriftstellerin, aber in der Politik hatte ich keine Vorbilder. Und deswegen – ich war ja eine politisch sehr engagierte junge Frau – habe ich mich dazu entschieden, Dolmetschen zu studieren. Das war das Absolute, was ich mir vorstellen konnte: dass ich vermittle, um für den Frieden zu arbeiten. Aber dass ich selbst in einer Kommission hätte tätig sein, dass ich selbst ein politisches Amt hätte haben können, das war für mich damals undenkbar.

Daran sieht man, dass einen feministischen Akt zu unternehmen in unterschiedlichen Zeiten und unterschiedlichen Kontexten etwas sehr anderes sein kann. Das ist natürlich wesentlich, gerade wenn man die Geschichte einer solchen Bewegung betrachtet …

Ja, überhaupt die Selbstverständlichkeit zu studieren, war in meiner Generation noch nicht normal. Das habe ich meinen Eltern zu verdanken, für die das nie ein Thema war. Aber heutzutage, denke ich, ist es generell kein Thema mehr – abgesehen davon, dass es sich ärmere Schichten nicht leisten können. Wir haben eine Kluft zwischen den kulturellen Fortschritten und den sehr zäh gebliebenen gesellschaftlichen und ökonomischen Verhältnissen, die ja teilweise schlechter geworden sind. In Österreich in den 70er-Jahren hatte ich ein soziales Netz, von dem wir heute nur träumen können. Das sind eindeutige Rückschritte. Aber meine Hoffnung ist, dass die Frauen mittlerweile so viel begriffen haben, so gebildet sind, so selbstbewusst sind, dass sie sich nicht alles gefallen lassen werden. Auch die alten Frauen nicht, die 60 Prozent weniger Rente bekommen als die Männer. Vielleicht ist es in meiner Generation noch relativ ruhig, aber die nächste Generation wird sich das nicht bieten lassen.

Da hätten wir wieder die Verschränkung der Genderfrage mit den größeren politischen Kontexten. In diesem Zusammenhang ist ja in letzter Zeit der Linken häufig vorgeworfen worden, dass sie ihre eigentliche Klientel, die Arbeiterschaft, vergessen und stattdessen eben zu viel Identitätspolitik, Minderheitenpolitik, Genderpolitik betrieben habe. Das ist vielleicht ein Echo der Debatte um Haupt- und Nebenwiderspruch im Marxismus der 70er-Jahre, von der Sie ja auch berichten. Ist das für Sie ein sinnvoller Vorwurf an die Linke?

Ich denke, dass der Vorwurf durchaus sinnvoll ist, den hat man uns schon damals gemacht. Aber politische Bewegungen, die etwas Neues anstoßen, werden meistens von einer Avantgarde getragen. Doch das Thema liegt mir schon am Herzen, denn natürlich spielt sich auch die gesamte Debatte um Gender und Queerness in einer winzigen intellektuellen Elite ab. Ich glaube trotzdem: Das, was breit weitersickert, ist ein erhöhtes Bewusstsein der Frauen. Und ich habe große Hoffnung, dass auch Arbeiterinnen oder zum Beispiel Pflegepersonal oder Kindergärtnerinnen es sich langfristig nicht gefallen lassen werden, dass ihre Arbeit so minderbewertet wird. Das ist etwas, was sich kulturell letztlich von alleine entwickeln wird. Und die Idee, die die Linken in den 70er-Jahren hatten, vor die Fabriken zu gehen und Flugblätter zu verteilen, das funktioniert nicht. Das macht auch heute keiner mehr.

Und das hat ja auch etwas sehr Didaktisches an sich …

Heute haben wir die sozialen Medien, die praktisch die gesamte Gesellschaft erreichen, und dort wird ungeheuer viel diskutiert. Ich denke, dass die Möglichkeiten, etwas Neues zu lernen, heute wesentlich besser sind als damals, wo wir mühsam Flugblätter drucken und dann auf der Straße verteilen mussten.

© Berlin Verlag

Buchcover "Feminismus Revisited" von Erica Fischer

"Feminismus Revisited" von Erica Fischer ist im Berlin Verlag erschienen.

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  • Beate Meierfrankenfeld
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