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Erdställe: Orte agrar-religiöser Kulte? | BR24

© BR / Michael Reithmeier

Blick in Erdstall

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    Erdställe: Orte agrar-religiöser Kulte?

    In Bayern gibt es eine unterirdische Welt, von der kaum jemand weiß. Rund 200 Erdställe sind hier ins Erdreich gegraben, und selbst Experten rätseln über ihren Zweck. Nun gibt es eine neue Theorie.

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    Angenehm kühl, ein wenig modrig und durchaus geborgen, so fühlt es sich an, wenn man durch einen Erdstall kriecht. Gleichzeitig taucht man in eine kaum bekannte Welt ein. Denn sicher ist nur, dass die meisten Erdställe in Bayern aus dem Hochmittelalter stammen und dass sie von Menschenhand geschaffen wurden. Dabei waren ganz offensichtlich Fachleute am Werk, erzählt Erdstallforscher Dieter Ahlborn. Die Architektur der unterirdischen Labyrinthe folgt den ältesten Bergbauregeln. So wurden die Gänge etwa in S-Form angelegt, um den Seitendruck zu nehmen und Stabilität zu schaffen. Es gibt sich kreuzende Gänge, Stufenpassagen, Rundgänge und Kammern. Eine häufige Besonderheit sind Engstellen, sogenannte Schlupfe, die einzelne Räume oder unterschiedliche Ebenen miteinander verbinden.

    Von Schlupfriten und Fruchtbarkeitskulten

    Über die Nutzung der Erdställe wird dagegen immer noch gerätselt. Waren es Verstecke? Leergräber? Seelenkammern? Hobbyforscher Dieter Ahlborn sieht einen möglichen Zusammenhang mit einem Schlupfritus, durch den Böses beim Durchschlüpfen der engen Gänge abgestreift wurde. Ähnliche Durchschlüpfe hat man beispielsweise unter Altären in Kirchen gefunden. Inzwischen hat Ahlborn eine weitere These aufgestellt. So sei auch eine Verbindung zu vorchristlichen Sagen von den drei Schicksals-Schwestern Geburt, Leben und Tod denkbar.

    Neuer Deutungsansatz

    Dieter Ahlborn verweist dazu auf den Erdstall im oberbayerischen Reichersdorf. Hier hat die Kirche bald nach Entdeckung des unterirdischen Gangsystems an derselben Stelle eine Kapelle errichtet. Geweiht wurde sie der Heiligen Barbara, die bei Fruchtbarkeits- und Schwangerschaftsproblemen angerufen wird. Agrar-religiöses Brauchtum und christliche Sagen hätten sich hier möglicherweise übereinander gelegt, so der Erdstall-Forscher. Ein interessanter Ansatz, für den es bislang allerdings keine Belege gibt.

    Die meisten Erdställe wurden zufällig entdeckt. Heute kennt man in Bayern etwa 200 dieser Gangsysteme, dazu kommen Hinweise aus Sagen, die auf weitere rund 500 Erdställe hinweisen. Dass man nicht genau weiß, wozu sie ins bayerische Erdreich gegraben wurden, macht einen Teil ihrer Faszination aus.