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Er lebte für den Dialog und die Literatur - Nachruf auf Amos Oz | BR24

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Er war Soldat und Friedensaktivist, ein glänzender Redner und facettenreicher Erzähler, bibelfest, aber ein säkularer Jude, der das traditionelle Hebräisch zur modernen Literatursprache machte. Nun starb Amos Oz, eine der wichtigsten Stimmen Israels.

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Er lebte für den Dialog und die Literatur - Nachruf auf Amos Oz

Er war Soldat und Friedensaktivist, ein glänzender Redner und facettenreicher Erzähler, bibelfest, aber ein säkularer Jude, der das traditionelle Hebräisch zur modernen Literatursprache machte. Nun starb Amos Oz, eine der wichtigsten Stimmen Israels.

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Er wuchs auf in einer Kellerwohnung, unter Zionisten und Tolstojanern, geboren am 4.Mai 1939 in einem Vorort von Jerusalem, der heute in ultraorthodoxer Hand ist; als Amos Klausner in eine Familie gebildeter zionistischer Einwanderer aus Odessa und Polen. Der Großonkel: Literaturprofessor und eine geistige Großmacht; der Vater: ein Universalgelehrter und Bibliothekar, der 16 Sprachen las und 11 sprach; die Mutter: eine slawische Schönheit, die im neuen Land an ihrer Schwermut zerbrach, sich das Leben nahm und Amos als Zwölfjährigen allein zurückließ. Sie alle waren Russen, Polen, Kosmopoliten, die Europa liebten, aber von Europa verfolgt und verstoßen wurden. Europa bleib ihr Sehnsuchtsort.

Persönliche Geschichten gespiegelt in der großen Geschichte

Auf seinem Schreibtisch am Rande der Negev-Wüste stand ein Foto dieser Familie, ohne die Amos Oz nicht zu denken war. „Ich bin im Schatten ihrer emotionalen Verletzung aufgewachsen“, sagte er und setzte dieser Familie ein literarisches Denkmal mit seinem Opus Magnum „Eine Geschichte von Liebe und Finsternis“. Ein autobiografischer Roman, bezeichnend für Amos Oz, der Erlebtes und Erfundenes verband, persönliche Geschichten in der großen Geschichte spiegelte, individuelle Schwächen zeigte vor dem Hintergrund allgemein menschlicher psychischer Strukturen, den Erfahrungsraum einzelner mit großen Debatten, Ideen, Auseinandersetzungen öffnete und die Realität weitete. Ein „guter Leser“ sei der, der auf die Fiktion vertraue, auf den Raum zwischen Text und Leser, schrieb Oz. Die Realität war nur das Sprungbrett für diese große Symphonie aus Figuren, Zeiten, Räumen, 769 Seiten mit langem historischem Atem.

Literatur als Dialog

Immer haben seine Bücher diesen dialogischen Charakter. Essays wie „Juden und Worte“ oder preisgekrönte Romane wie „Judas“, worin vier Menschen unterschiedlichster Couleur in einem Haus zusammenkommen, miteinander leben, ringen, ihre konträren Ansichten verteidigen. Amos Oz setzte auf den Diskurs, auf die Kraft der Literatur als Aufklärung, auf den Mikrokosmos Familie. Und natürlich steckte für ihn im Mysterium Familie „Erez Israel“. Immer wieder sind seine Familien-Tableaus Panoramen der Gesellschaft, Porträts dieses Patchworks namens Israel.

Oz wie Kraft

Die Figuren im Erzählband „Unter Freunden“ sind so eine – freiwillige – Patchwork-Gemeinschaft, Gestrandete, Einsame, Fremde im eigenen Land, verwundete Seelen. Zusammengekommen in einem Kibbuz. Lange hatte Amos Oz in so einem Kibbuz gelebt, seit er mit 15 Jahren gegen den Vater rebelliert, die Familie verlassen und sich statt Amos Klausner Amos Oz genannt hatte, Oz wie Kraft, gerade recht für den jungen „Sabre“, der kein „Überlebender“ des Holocaust war, sondern sich als starker, „neuer“ Jude sah. Und der als Schriftsteller doch gebrochene Biografien beschrieb wie die sieben Israelis im Meisterwerk „Allein das Meer“. Dazu sagte Oz im Interview: "Das Glück bedarf keiner Geschichte, es spricht für sich selbst. Es ist der Unglückliche, der Einsame, der Trost und Mitgefühl vom Leser braucht. Deshalb habe ich immer über unglückliche Menschen geschrieben."

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Der Schriftsteller und Friedensaktivist Amos Oz

Ein Haus mit zwei Wohnungen

Amos Oz kämpfte im Sechs-Tage-Krieg, im Jom-Kippur-Krieg, aber später wußte er, weder die Palästinenser noch die Juden würden dieses umkämpfte Land verlassen. Als Intellektueller und Gründungsmitglied der Peace-Now-Bewegung warb er jahrzehntelang für zwei Wohnungen in diesem einen Haus, die Zwei-Staaten-Lösung, die beide Völker – unzufrieden vielleicht, aber – doch leben lässt. Dass er dafür in Israel auch scharf kritisiert, sogar als „Verräter“ diffamiert wurde, änderte nichts an seinem konsequent mutigen Weg und dem Wissen, nur Humor und Empathie, dieses Sich-in-den Andern-Hineinversetzen, kann Menschen und Völker einander näherbringen. Und die Literatur ist dafür das beste Übungsfeld.

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