Der russische Präsident sitzt neben einem Piloten im Cockpit
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Putin im Flug-Simulator

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"Er glaubt es wirklich": Bizarrer Putin-Auftritt verwirrt Russen

Er stürzte im Flugsimulator ab, verbreitete wirre Ansichten über die Sowjetunion und empfahl seinen ängstlichen Landsleuten, das Bett zu hüten: Mit einem Auftritt in einem fernöstlichen Hubschrauber-Werk sorgte der russische Präsident für viel Häme.

Über dieses Thema berichtet: BR24 am .

Beim Besuch einer Hubschrauber-Fabrik im sibirischen Ulan-Ude ließ es sich der russische Präsident Wladimir Putin nicht nehmen, eine Viertelstunde im Flugsimulator zu verbringen. "Gestartet" sei er dort mit Hilfe eines Co-Piloten ja noch ganz beeindruckend, so Berichterstatter Andrej Kolesnikow für das liberale Wirtschaftsblatt "Kommersant". Für eine ordnungsgemäße "Landung" habe Putin allerdings die Geduld gefehlt: Er sei kurzerhand auf dem Deck eines Flugzeugträgers "abgestürzt". Dieser spöttische Ton zieht sich durch den gesamten Artikel des für seine satirische Ader gefürchteten Autors.

"Ja, es ist ein Problem"

Nachdem Putin lang und breit beteuert hatte, dass die russische Wirtschaft viel widerstandsfähiger sei als der Westen erwartet habe, fasste eine Zuhörerin seine Botschaft in dem knappen Satz zusammen: "Was uns nicht umbringt, macht uns stark." Putins Antwort laut offiziellem Kreml-Text: "So ungefähr." Als ob das nicht schon genug Real-Satire war, kommentierte Kolesnikow die Anekdote mit der entgeisterten Bemerkung: "Je mehr Wladimir Putin sprach, desto klarer wurde es: Er glaubt jetzt wirklich, dass es in der modernen Welt möglich ist, in einem einzelnen Land eine glückliche, souveräne [Insel-]Wirtschaft schaffen zu können."

Besonders skurril war Putins Umgang mit dem von ihm selbst festgestellten Fachkräftemangel in der Rüstungsbranche. Er versuchte, das möglicherweise kriegsentscheidende Problem mit einem verunglückten Scherz beiseite zu wischen: "Ja, es ist ein Problem, aber wissen Sie, wenn Sie sicher gehen wollen, dass nichts Unvorhergesehenes dazwischen kommt, müssen Sie das Bett hüten. Dann ist alles in bester Ordnung und Sie können zufrieden grunzen. Wenn etwas in die Quere kommt, muss man das aber anpacken, man muss an der Lösung dieser Probleme arbeiten."

"Völliger Zerfall der Persönlichkeit"

"Er ist wirklich dumm", kommentierte ein Blogger die Äußerung. "Ich werde jetzt grunzen und meiner Frau sagen, dass es der Präsident erlaubt hat", ließ ein anderer das Netz wissen. Deutlich ernsthafter schrieb jemand über Putins Einlassungen: "Er versteht nicht mal, dass man in der Flugzeugindustrie, um anständiger Monteur zu werden, von der Pike auf zehn Jahre lang in der Branche arbeiten muss, unter der Anleitung eines erfahrenen Mentors. Jetzt sind die personellen Ausfälle so groß, dass kein Geld der Welt reicht, um das auszugleichen."

"Viel Glück bei der Suche nach Spezialisten in Ulan-Ude, Sie können sich kostenlose Unterkünfte sparen, die Klügeren tendieren zu wärmeren und schöneren Orten", war zu lesen. "Gerade der, der das ganze Personal ruiniert hat, spricht von Personalmangel", wagte ein Blogger zu schreiben, es war auch davon die Rede, dass der "völlige Zerfall der Persönlichkeit schlimmer als bei Breschnew" sei. Selbst Kreml-Fans gaben zu, die "Sprachbilder" Putins nicht mehr nachvollziehen zu können.

"Sie haben wenigstens überlebt"

"Übrigens war unter den Sowjets die Flugzeugindustrie in Moskau eine führende Branche. Alle Designbüros und Forschungsinstitute waren hier. Iljuschin, Tupolew, Suchoi und viele andere. Jetzt wurden da, wo die Fabriken standen, Wohnanlagen errichtet und erfolgreich zu hohen Preisen verhökert. Wo er das Personal hernehmen will, ist nicht klar. Die alten Mitarbeiter sind nicht mehr, die jüngeren gingen dauerhaft ins Ausland oder sattelten beruflich um", analysierte ein Kenner die Lage.

Der bekannte Rechtsextreme Igor Strelkow textete: "Putin schwieg sich bescheiden wie immer über die Hauptsache aus. Das erstaunliche und alternativlose Team, das er leitet, ist an nichts schuld! Und da es an nichts schuld ist, müssen wir ihm, obwohl es uns jahrelang an der Nase herumgeführt hat, verständnisvoll begegnen und ihm die Möglichkeit geben, die Situation nach eigenem Ermessen in Ordnung zu bringen, ohne dass wir uns bei irgendjemandem beschweren."

Einer der Blogger sprach Putin in seinem Post direkt an: "Wladimir Wladimirowitsch, Sie selbst haben in den frühen 2000er Jahren die Karriere von Spezialisten der Ingenieur- und Luftfahrtindustrie zerstört, als Sie sie mit Cent-Beträgen abspeisten und diese daraufhin zu privatwirtschaftlichen Unternehmen abwanderten. Techniker bekamen lächerliche Gehälter, mussten sich an Banken verkaufen und damit durchschlagen, Kabinen für Geldautomaten und Sicherheitstüren für Tresore zu entwerfen. Aber damit haben sie wenigstens überlebt."

"Oink, oink, oink"

Dreißig Jahre habe Russland im Bett gelegen und "friedlich gegrunzt", spottete ein Kommentator. Ein anderer wollte von der Netzgemeinde wissen, wer eigentlich in den vergangenen Jahren für den Niedergang der beruflichen Ausbildung verantwortlich sei. "Er wirkt nicht gerade wie das Oberhaupt eines großen Staates, er ist nicht sonderlich hell, kein Alpha-Tier", machte ein Russe seinem Ärger Luft. Die Misere sei das "Ergebnis chronisch niedriger Löhne in der Branche seit den neunziger Jahren", hieß es lapidar in einem der zahllosen Kommentare.

"Es ist beängstigend, darüber nachzudenken, was wir überhaupt noch hinbekommen", meinte ein frustrierter Landsmann. Mit Mut zur Lautmalerei reagierte ein weiterer: "Wie wenig es braucht, um glücklich zu sein - oink, oink, oink."

Moskau plant Kriegsanleihen

Allerdings forderte auch Putins Bestandsaufnahme, wonach "natürlich alle Probleme mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion" begonnen hätten, zum vielfachen Widerspruch und Spott heraus. Der russische Präsident ließ durchblicken, dass die Haushaltslage tatsächlich besorgniserregend ist: "Ja, wir müssen zugeben, dass unsere Gegner damit rechnen, dass sie uns mittelfristig Probleme bereiten werden. Diese Gefahr besteht wirklich, das ist uns klar."

Dazu passt die Meldung, wonach Moskau demnächst aus Geldnot "Kriegsanleihen" ausgeben will. Auch das hat eine höchst tragikomische Seite: Unter Stalin wurden solche "patriotischen" Sonderabgaben ab 1942 zwangsweise von der Bevölkerung einkassiert, wie die "Moscow Times" berichtet. Zurückgezahlt wurden die Anleihen demnach nie, obwohl die Sowjetunion den Krieg gewann. Stattdessen bekamen einige wenige glückliche "Gewinner" Auszahlungen nach dem Lotterie-Verfahren. Deutschland legte im Ersten Weltkrieg neun Kriegsanleihen über einen Gesamtbetrag von damals ungeheuren 98 Milliarden Mark auf. Da die Papiere bis 1924 unkündbar waren, sank ihr Wert durch die Hyper-Inflation auf nahe null.

Putin bilanzierte seine Ausführungen mit den Worten: "Ich denke, dass alles gut wird." Das sei ja "beruhigend", meinte dazu "Kommersant"-Kolumnist Kolesnikow: "Außerdem war er seinem Volk ganz nahe. Sie standen im Halbkreis neben ihm, wahrscheinlich nach nur einer Woche Quarantäne."

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