Kardinal Gerhard Ludwig Müller
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Kardinal Gerhard Ludwig Müller

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    Entsetzen über Verschwörungstheorien von Kardinal Müller

    Entsetzen über Verschwörungstheorien von Kardinal Müller

    Die Menschen sollen "gleichgeschaltet", ein Überwachungsstaat etabliert werden. Solche Verschwörungstheorien hat Kardinal Müller verbreitet. Jetzt hagelt es Kritik: Ministerpräsident Söder äußert Unverständnis, die Grünen zeigen sich schockiert.

    Bayerns Ministerpräsident Markus Söder hat mit Unverständnis auf Verschwörungsmythen des früheren Regensburger Bischofs, Kardinal Gerhard Ludwig Müller, zur Corona-Krise reagiert. "Ich verstehe es nicht", sagte der CSU-Chef nach einer Sitzung des bayerischen Kabinetts in München.

    Söder äußert Unverständnis - "seltsamste Theorien"

    Der Schutz der Menschen müsse in der Pandemie in den Vordergrund gerückt werden, zugleich erlebe man aber auch "einen Rückfall in eine Abkehr von Wissenschaft mit seltsamsten Theorien". Nachdem sich - "soweit ich das gelesen habe" - auch Papst Franziskus gegen Corona habe impfen lassen, sollten auch seine Bischöfe und Kardinäle dem Beispiel folgen, betonte Söder.

    Müller hatte in einem Interview Verschwörungsmythen über eine angeblich geplante Gleichschaltung der Menschen und einen Überwachungsstaat verbreitet. Er sprach davon, dass hinter den Maßnahmen eine finanzkräftige Elite stecken würde. Auch gebe es Ideen für einen "Great Reset", also einen Sturz der Demokratie.

    Grünen-Bundestagsabgeordnete: "schockierende Äußerungen"

    Entsetzte Reaktionen kamen auch aus Ostbayern, der ehemaligen Wirkstätte von Müller. Die Äußerungen seien "schockierend", schrieben die vier Grünen-Bundestagsabgeordneten Erhard Grundl, Stefan Schmidt, Marlene Schönberger und Tina Winklmann in einem offenen Brief an Müller und dessen Nachfolger in Regensburg, Bischof Rudolf Voderholzer.

    "Gerade bei einem ranghohen und prominenten Diener der katholischen Kirche hätten wir es nicht für möglich gehalten, dass dermaßen krude und demokratiefeindliche Verschwörungstheorien ganz offen und ungehemmt zu Tage treten." Offener Brief von vier Grünen-Bundestagsabgeordneten

    Müller bediene sich auch "brandgefährlicher antisemitischer Chiffren". Weiter schrieben die Politiker: "Sie vergessen oder schlimmer ignorieren dabei, dass es Menschen gibt, die den Aussagen eines Kardinals eine hohe Glaubwürdigkeit schenken. Der damit einhergehenden Verantwortung werden Sie leider nicht gerecht. Das ist schwer erträglich."

    Antisemitismus-Beauftragter: Kirchen haben besondere Verantwortung in Pandemie

    Nach Worten des Antisemitismus-Beauftragten der Bundesregierung, Felix Klein, kommt den Kirchen während der Pandemie eine besondere Verantwortung zu. Mit Besonnenheit könnten sie insbesondere jenen Menschen helfen, die mit Unsicherheit offenbar nicht zurechtkämen und sich an "simple, irrationale Erklärungsmodelle" klammerten, sagte Klein dem RedaktionsNetzwerk Deutschland.

    Der Kardinal habe "das genaue Gegenteil" getan, "indem er absurde, antisemitische Verschwörungsmythen verbreitet, die schädlich für unsere Gesellschaft sind und bestehende Probleme nur verstärken". Der Antisemitimus-Beauftragte forderte eine "klare, unmissverständliche Distanzierung" durch die katholische Kirche: "Gerade auch der Vatikan ist hier gefordert."

    Bischofskonferenz distanziert sich von Kardinal Müller

    Die Deutsche Bischofskonferenz ging via Twitter auf Distanz. "Man wundert sich sehr über diese Theorien", erklärte Sprecher Matthias Kopp: "Kardinal Müller spricht hier - davon gehe ich aus - als Privatperson." Der Vatikan reagierte auf dpa-Anfrage zunächst nicht.

    Spaenle fordert Entschuldigung

    Bayerns Antisemitismusbeauftragter Ludwig Spaenle warf Müller vor, "antijüdische Klischees zu bedienen und damit antisemitische Fantastereien bei einem Teil der Katholiken wieder hoffähig zu machen". Es sei unverständlich und nicht akzeptabel, dass Müller mit Aussagen über vermeintliche Nutznießer der Pandemie Antisemiten das Wort rede. Der CSU-Landtagsabgeordnete forderte den Kardinal auf, sich klar zu distanzieren und zu entschuldigen.

    Religionswissenschaftler: Schwelle zu Verschwörungsmythen erreicht

    Von theologischer Seite kritisierte der Stuttgarter Religionswissenschaftler Michael Blume den Kardinal. "Ich habe mehrfach ausdrücklich davor gewarnt, dass auch kirchliche Autoritäten wieder Verschwörungsmythen verbreiten werden. Die Schwelle dazu sehe ich bei Kardinal Müller jetzt erreicht", sagte Blume der Katholischen Nachrichten-Agentur.

    Zur Wahrheit gehöre aber auch, dass "sich die Deutsche Bischofskonferenz und der Papst klar für das Impfen und Pandemie-Maßnahmen in christlicher Verantwortung bekannt haben. Einzelne Verschwörungsgläubige auf allen Ebenen stehen nicht für die Kirchen als Ganzes", so Blume.

    "Rechtspopulistische Gefahr für die Demokratie"

    Blume sagte, Anhänger des "Great Reset"-Verschwörungsmythos leugneten sowohl die Gefahren der Covid-19-Pandemie wie auch der Klimakrise und seien letztlich eine "rechtspopulistische Gefahr für die Demokratie". Häufig flössen auch antisemitische Motive ein, etwa wenn "der Verschwörungsmythos nicht nur mit Klischees über 'Finanzeliten', sondern auch konkret mit jüdischen Personen wie der Familie Soros, den Rothschilds, Henry Kissinger und dem impfenden Staat Israel verbunden" werde.

    Schuster kritisiert Kardinal Müller: "Nicht akzeptabel"

    Deshalb kritisierte nun auch der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, den Kardinal für seine Äußerungen. Müller habe "klar antisemitische Chiffren bedient", sagte Schuster dem Portal katholisch.de am Dienstag. "Das war vor allem angesichts der derzeit aufgeheizten Stimmung verantwortungslos und nicht akzeptabel." Die Kirche solle in dieser Lage befriedend wirken.

    Auch die Konferenz Europäischer Rabbiner (CER) kritisiert den Kardinal für seine Aussagen scharf. Der CER-Präsident, Oberrabbiner Pinchas Goldschmidt, forderte den Vatikan und die Deutsche Bischofskonferenz auf, "sich von solchen kruden Aussagen und Positionen klar distanzieren".

    Religionen müssten sich gegen Verschwörungen und Hass stellen

    "Religionsvertreter sollten gerade in dieser Zeitphase, in der mit Verschwörungsmythen, falschen Narrativen und Hass versucht wird, unsere Gesellschaft zu spalten und sie gegen Demokratie und Pluralismus aufzuhetzen, mäßigend wirken und entschieden für den gesellschaftlichen Zusammenhalt eintreten und sich gegen Verschwörungen, Hass und Verleumdungen stellen", sagte Goldschmidt laut Mitteilung vom Mittwoch.

    Der 73-Jährige Kardinal Müller war vom damaligen Papst Benedikt XVI. als Chef der Glaubenskongregation in den Vatikan geholt worden. Doch Papst Franziskus trennte sich nach nur einer Amtszeit von fünf Jahren wieder von ihm. Im vergangenen Juni bekam Müller dann einen Posten an der Apostolischen Signatur, dem höchsten Gericht der römischen Kurie.

    Schon 2020 Corona-Verschwörungstheorie verbreitet

    Der Kardinal hatte schon im Mai 2020 ein Manifest eines Erzbischofs gegen die Corona-Beschränkungen unterschrieben, in dem Narrative aus Verschwörungstheorien vorkommen. Die Rede war vom "Auftakt zur Schaffung einer Weltregierung, die sich jeder Kontrolle entzieht".

    Müller sagte danach, dass der Text bewusst missverstanden worden sei. Für Empörung hatte seine Kritik am Synodalen Weg der katholischen Kirche in Deutschland gesorgt, deren Entscheidungsfindung der Kardinal mit dem Ermächtigungsgesetz der Nationalsozialisten verglichen hatte.

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