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Aktivistin und Autorin: Mit "Entlarvung" legt Pia Klemp ihren zweiten Roman vor

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    "Entlarvung": So ist der Roman der Umweltaktivistin Pia Klemp

    Bekannt ist Pia Klemp vor allem durch ihr Engagement in der zivilen Seenotrettung. Die Kapitänin schreibt aber auch. In ihrem Roman "Entlarvung" erzählt sie vom Werden einer Aktivistin – sprachlich ungewöhnlich und mit Sinn fürs Absurde.

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    Von
    • Laura Freisberg

    Auf dem Cover von "Entlarvung" prangt ein riesiger Käfer – es ist das Bild eines Goliath-Käfers. Exemplare dieser Gattung werden etwa handtellergroß. Der Käfer und auch der Titel "Entlarvung" wecken Assoziationen zu Franz Kafkas Erzählung "Die Verwandlung". Doch die Protagonistin dieses Romans wacht nicht eines Tages als Käfer auf, sondern erfährt einen Zusammenbruch ihrer Welt, nachdem sie von einer Aktivistin einen Stapel an DVDs in die Hand gedrückt bekommt. Das darauf gezeigte Leid von Tieren in Labors und Schlachthöfen erschüttert sie zutiefst.

    Von der Tierpräparatorin zur Umweltaktivistin

    Rubi, die Romanheldin, ist Tierpräparatorin und begeistert sich eigentlich nur für Goliath-Käfer. Erst durch die gleichaltrige Iana entdeckt sie das Aktivistinnen-Dasein. Es folgen mehr oder weniger erfolgreiche Versuche, Tiere aus einem Schlachthof zu retten, einen Wald zu besetzen oder wandernde Kröten mit Hilfe einer Straßensperrung zu schützen.

    Die Stärke dieses Romans steckt in den Diskussionen, die Rubi und Iana führen: Diskussionen um existentielle Fragen, die Autorin Pia Klemp aber gar nicht abschließend beantworten will. "Das Problem mit dem Mensch-Sein hatte der Mensch ja schon immer", meint die Autorin im Interview, "aber was jetzt dazu gekommen ist, ist die existenziell bedrohende Gefahr von außen, die wir selbst heraufbeschworen haben. Wir unterhalten ein Gesellschafts- und Wirtschaftssystem, das die Natur zerstört und ausbeutet, anstatt zu begreifen, dass man auf diesem Planeten nur mit diesem Planeten leben kann."

    Alles lebt!

    Auffällig an "Entlarvung" ist vor allem die Sprache. Alles scheint ein Eigenleben zu besitzen, gleich ob Mauern, Straßenlampen oder Spinnweben. Was passiert, wenn man die unbelebte Welt als belebt wahrnimmt? Pia Klemp kommentiert alles und schafft dadurch eine Distanz zu den Figuren. So entlarvt sie etwa die Verlogenheit von Rubis Schwester und ihrem Mann, die sich selbst für gute Menschen halten, ihre Umwelt aber vor allem konsumieren. Yoga-Seminar, Bio-Fleisch, farbenfrohe Funktionskleidung – das alles soll ein gutes Gefühl für einen selbst geben. Aber auch die existenzielle Krise von Rubi verfolgt man beim Lesen mit einer gewissen Distanz – als würde man einen Käfer beobachten, der auf den Rücken gefallen ist und es einfach nicht mehr auf die Beine schafft.

    Trotz oder gerade wegen des Themas, sei es ihr wichtig, "dass man zwischendurch auch einfach mal über die Absurdität des Geschehens schmunzeln darf", betont Pia Klemp. "Es ist ja auch irre, wie wir uns verhalten. Und da darf auch mal ein satirischer Unterton dabei sein, um es erträglich zu machen. Oder um klarzumachen, wo wir uns in unsere eigenen Klischees verheddern."

    Natürlich macht sich Pia Klemp nicht nur über Bio-Yoga-Yuppies lustig, sondern auch über die Aktivistinnen selbst. Allerdings mit mehr Sympathie. Iana, die "Veganarchistin", die im Bauwagen lebt, nennt ihren Freundeskreis zärtlich ihr "Heterotopia". Nach dem Philosophen Michael Foucault bieten Heterotopien durch ihr Anderssein die Möglichkeit zur Reflexion und Problematisierung gegebener Normen.

    Ungewöhnliche Sprache

    Auch Pia Klemps Vokabular treibt wilde Blüten: Es gibt "Gebirgsketten, die an Herzen klammern"; Rubis Schwester seufzt und "wird dabei fast zum Dörrobst"; verknöcherte Münder ziehen sich zu Rosetten zusammen und der Chef glotzt mit "Wackelpuddingaugen", während die Aktivistin von einer "faustischen Narretei" angestachelt wird. Mitunter sind Formulierungen dabei, die unter Naturschutz gestellt werden sollten. Zum Beispiel Ianas "misanstrophisches Rumgeprökel“, das der Weltrettung unnötig im Weg stehe. Steckt hinter dieser ungewöhnlichen Sprache ein Verweis auf die Absurdität des Daseins? Oder will sich die Autorin Pia Klemp der Konsumierbarkeit verweigern?

    Weder noch – gibt die Autorin zur Antwort: "Ich habe beim Schreiben kein großes Sendungsbewusstsein. Entscheidend ist vielmehr, dass mir die Sprache gefällt. Für mich ist das Schreiben eine sehr egoistische Angelegenheit. Da denke ich in dem Moment nicht darüber nach, wie sehr die deutschsprachige Menschheit sich an konkreten Worten oder Halbsätzen erfreut – oder nicht."

    Der Roman "Entlarvung" von Pia Klemp ist im Ventil Verlag erschienen und kostet 20 Euro.

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