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Englands Presse in Aufruhr: Nächster Rücktritt wegen Meghan | BR24

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Schlagzeilen ohne Ende: Britische Presse ringt mit Rassismus-Vorwürfen

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    Englands Presse in Aufruhr: Nächster Rücktritt wegen Meghan

    Der Chef des britischen Journalistenverbands "Society of Editors", Ian Murray, nahm seinen Hut: Er hatte abgestritten, dass es in den Zeitungen der Insel Rassismus gibt. Inzwischen tobt eine Debatte um politische Korrektheit und Meinungsfreiheit.

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    Von
    • Peter Jungblut

    Einen Tag, nachdem der Star-Moderator Piers Morgan seine Sendung "Good Morning Britain" aufgeben musste, weil er nach Meinung zahlreicher Zuschauer unpassende Kommentare über Meghan abgegeben hatte, gibt es auf der Insel den nächsten Rücktritt: Ian Murray, der Geschäftsführer der "Society of Editors", einer Vereinigung, in der rund 400 Redakteure, Medienanwälte und Professoren der Kommunikationswissenschaften Mitglied sind, gab sein Amt auf. Grund dafür: Er hatte noch gestern abgestritten, dass die britische Presse ein Rassismus-Problem habe. Daraufhin hatten zahlreiche Gäste der kommenden Gala der National Press Awards, auf der Journalisten und Zeitungen ausgezeichnet werden, ihre Teilnahme abgesagt.

    Murray hatte am Montag nach dem so aufsehenerregenden wie umstrittenen Fernsehinterview von Harry und Meghan geäußert, deren Behauptungen seien "nicht hinnehmbar" und "haltlos". Die britischen Medien hätten eine "stolze Bilanz beim Kampf gegen Rassismus". Die Berichterstattung der Boulevardpresse verteidigte Murray mit dem Hinweis, es gehe schließlich um Personen, die Macht, Prominenz und Einfluss hätten.

    Murray ging "schweren Herzens"

    Der Geschäftsführer reagierte auf die Empörung über sein erstes Statement mit einem weiteren, wonach sein Verband "heftig angefeindet" worden sei: "Obwohl ich nicht der Meinung bin, dass das Statement unseres Verbandes in irgendeiner Weise Rassismus verteidigte, akzeptiere ich, dass es in der Ablehnung jeder Art von Bigotterie hätte deutlich klarer sein können und dadurch unangenehme Folgen hatte. Als Geschäftsführer leite ich die Society und muss als solcher die Verantwortung übernehmen, und daher habe ich entschieden, dass es das Beste für Vorstand und Mitglieder ist, dass ich zurücktrete, damit unsere Organisation damit beginnen kann, Vertrauen wiederherzustellen." Er gehe "schweren Herzens", so Murray, zumal er sich seit drei Jahren für die Pressefreiheit und mehr personelle Vielfalt in den Medien eingesetzt habe.

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    Bildrechte: Yui Mok/Picture Alliance

    Aufruhr könnte nicht größer sein

    Murray blieb aber wohl keine Wahl, nachdem der Vorstand seines eigenen Verbands in einer Pressemitteilung geschrieben hatte, dass dessen pauschale Abwiegelung, wonach die Medien in Großbritannien "nicht bigott" seien, nicht das wiedergebe, was jeder wisse, dass die Medien nämlich viel Arbeit vor sich hätten, um ihre Vielfalt und die Einbeziehung von diskriminierten Minderheiten zu verbessern. Führende Mitglieder sollen von einer "haarsträubenden" Situation gesprochen haben, berichtet der "Guardian", andere seien "sehr wütend" und 236 Redakteure wichtiger Blätter hätten einen Offenen Brief unterschrieben, wonach die Korrektur zu spät gekommen sei. Ausschlaggebend war dann wohl, dass wichtige Sponsoren Druck machten, darunter Zeitungen, die die Preis-Gala unterstützen.

    Piers Morgan bleibt kämpferisch

    Die als Moderatorin für das Event ins Auge gefasste Charlene White hatte an Murray geschrieben: "Vielleicht ist es besser, Sie sehen sich nach jemand anderen um für ihre Gala. Möglicherweise einen, der ihre Ansichten teilt, dass die Presse die einzige Institution im ganzen Land ist, die in Sachen Rassismus völlig ohne Makel ist."

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    Bildrechte: Steve Parsons/Picture Alliance

    Hoheitsvoll: Die Queen vor Commonwealth-Flaggen

    Unterdessen zeigte sich der vom Sender ITV geschasste Piers Morgan kämpferisch. Am späten Mittwochabend twitterte er: "Wenn solche Dinge passieren, eilen echte Freunde zu dir, falsche laufen in die andere Richtung." Damit bedankte er sich für eine Solidaritätsadresse von Moderationskollegin und TV-Promi Sharon Osbourne, der Frau des Musiker Ozzy Osbourne. Morgan schien von den 41.000 Beschwerden, die gegen seine Beschimpfung von Meghan bei der britischen Medienaufsicht eingelaufen waren, in keiner Weise beeindruckt. Auch die teils scharfen Kommentaren gegen sein Auftreten waren für ihn offenbar kein Grund zur Selbstkritik.

    Morgan sieht sich selbst als "Opfer von Rassismus"

    Morgan hatte seinen Rausschmiss zunächst lediglich mit dem Bild einer tickenden Uhr kommentiert. Am Mittwochmorgen twitterte er: "Ich sagte am Montag, dass ich Meghan Markle nichts glaube von dem, was sie im Oprah-Interview sagte. Ich hatte Zeit, über diese Ansicht nachzudenken und glaube ihr immer noch nicht. Wenn Sie es anders sehen, ok. Ich bin glücklich, auf dem Hügel der Meinungsfreiheit zu sterben. Danke für all die Liebe und den Hass. Ich bin weg, um mehr Zeit mit meiner Meinung zu verbringen." Dazu stellte er ein Bild des früheren Premierministers Winston Churchill mit dessen Zitat, manche beriefen sich auf die Meinungsfreiheit, hielte jede Art von Gegenrede jedoch für einen Frevel.

    Er selbst sieht sich als Opfer "rassistischer Unflätigkeiten", der von der "Woke"-Bewegung zum Schweigen gebracht werden solle. "Wokeness" meint besondere Sensibilität im Umgang mit diskriminierten Personen. Unverdrossen schmähte er Meghan als lügenhafte "Pinocchio-Prinzessin". Ihr Auftritt sei ein "absolut niederträchtiger Verrat an der Königin" gewesen. Den Sender ITV kostete der Rausschmiss des eigenwilligen Moderators bereits 200 Millionen Pfund: Der Aktienkurs sank um knapp vier Prozent.

    Im Netz und in den Kommentarspalten der Zeitungen tobt mittlerweile ein erbitterter Streit über politische Korrektheit, "Cancel Culture", Glaubwürdigkeit, Monarchie und Rassismus. Der Aufruhr, den Harry und Meghan ausgelöst haben, könnte nicht größer sein. Der "Independent" kommentierte, Morgan sei inzwischen "richtiggehend gefährlich": "Genug ist genug." Dagegen schmähte die auflagenstarke "Sun" abermals Harry und Meghan als "selbst ernannte Mitleids-Champions", die ein "hinterhältiges Interview" gegeben hätten, während die Queen wahrlich hoheitsvoll reagiert habe.

    Meghan soll sich zwischenzeitlich offiziell über Piers Morgan beschwert haben, berichteten britische Medien übereinstimmend.

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