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"Eng wie im Hühnerstall": Publikum rebelliert in Madrider Oper | BR24

© Juan Carlos Rojas/Picture Alliance

So sollte es sein: Teatro Real

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    "Eng wie im Hühnerstall": Publikum rebelliert in Madrider Oper

    Dramatische Szenen im Teatro Real: Zuschauer protestierten so lautstark gegen mangelnde Sicherheitsabstände, dass eine Vorstellung von Verdis "Maskenball" abgebrochen werden musste. Die Geschäftsleitung ist sich keiner Schuld bewusst.

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    Rund fünfzig Minuten tobte im feinen (und teuren) Opernhaus von Madrid am vergangenen Samstag eine bizarre Schlacht zwischen Teilen des Publikums und der Geschäftsleitung. Weil nach Meinung vieler Zuschauer auf den billigen Plätzen, dem sogenannten "Paradies", die Sitzabstände nicht eingehalten waren, kam es zu wilden Schreiereien mit "Aufhören!" und "Raus, raus!"-Rufen. Angeblich hatten sich zahlreiche Abonnenten umgesetzt und dadurch die ordnungsgemäße Aufteilung der Plätze durcheinander gebracht. Ungeachtet der Proteste machte das Theater eine Lautsprecher-Durchsage, wonach jeder Anwesende seine Karte an der Abendkasse zurückgeben könne. Von diesem Angebot machte aber offenkundig kaum jemand Gebrauch.

    Polizei bestätigte ordnungsgemäße Zahlen

    Danach fing das Orchester unter der Leitung von Nicola Luisotti mit der Ouvertüre von Giuseppe Verdis "Maskenball" an und ließ sich zunächst vom Radau im "Paradies" auch nicht weiter stören. Erst nach einer Unterbrechung, einem weiteren "Startversuch" und knapp einer Stunde endete der Abend vorzeitig. Zuvor hatte Luisotti noch versucht, die Störer mit seinem Humor zur Räson zu bringen. Die örtliche Polizei soll nach spanischen Zeitungsberichten bei einer sofortigen Besichtigung der Örtlichkeit zum Ergebnis gekommen sein, dass rein zahlenmäßig alles seine Richtigkeit hatte. Die Intendanz teilte mit, es seien 905 Tickets verkauft worden, was 51,5 Prozent der Kapazität entspreche. Die aktuellen Regeln ließen sogar 75 Prozent Auslastung zu. Tags zuvor, am Freitagabend, war das Königspaar bei der Premiere des "Maskenballs" anwesend gewesen.

    © Juan Carlos Rojas/Picture Alliance

    Zu wenig Sorgfalt? Zuschauerin desinfiziert sich

    Die Oper will jetzt über Konsequenzen nachdenken. Keinesfalls soll sich der Zwischenfall wiederholen. Es sei nur eine "sehr kleine Gruppe" von Unzufriedenen gewesen, so das Teatro Real in einer Stellungnahme. Theatermitarbeiter wollten sogar nur fünfzehn Randalierer ausgemacht haben. Die Schriftstellerin Rosa Montero, die unter den Zuschauern war, klagte dagegen auf Twitter: "Ich war da und es war eine Schande. Es gab überhaupt keine Sicherheitsabstände. Ich fürchte, es war eher totales Unvermögen denn Diskriminierung." Andere Augenzeugen stellten Fotos ins Netz und kritisierten, es sei "eng wie im Hühnerstall" zugegangen.

    Oper ist in Madrid ein teures Vergnügen

    Oper ist in Madrid generell ein sehr teures Vergnügen, die Kartenpreise reichen bis 400 Euro. Unter dem Dach, hoch über dem Parkett, wurde mit viel Aufwand ein steil ansteigender Zuschauerbereich, das "Paradies" eingerichtet, von dem aus die Anwesenden das Geschehen auf der Bühne hauptsächlich per Leinwand und Live-Übertragung mitverfolgen können. Diese Plätze gelten als vergleichsweise erschwinglich.

    Mit mehr als 640.000 Infektionen und fast 30.500 Toten ist Spanien das von der Corona-Pandemie am schlimmsten getroffene Land Westeuropas. Die größten Sorgen bereitet aber Madrid. Auf die Region um die Hauptstadt entfällt seit Wochen mehr als ein Drittel aller Neuinfektionen. Am Montag traten in Madrid Absperrungen von zahlreichen vorwiegend einkommenschwachen und von Corona besonders in Mitleidenschaft gezogenen Gebieten in Kraft. Die Abriegelungen sollen zunächst für die kommenden zwei Wochen gelten.

    Nach diesem Vorfall in einem der prestigeträchtigsten Opernhäuser der Welt wird die Debatte über Theatervorstellungen in Pandemie-Zeiten womöglich neu befeuert. Bei manchem Zuschauer und wohl auch bei einigen Verantwortlichen liegen die Nerven blank. Konflikte auch innerhalb des Publikums dürften daher künftig häufiger werden.

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