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Die Wirkung von energetisiertem Wasser: heilende Wirkung oder Irrglaube?

Bildrechte: dpa-Bildfunk/Sebastian Gollnow
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Energetisiertes Wasser: Irrglaube oder heilende Wirkung?

In der Naturheilkunde, der Esoterik und in der Volksfrömmigkeit wird Wasser aus bestimmten Quellen besondere Heilkräfte zugeschrieben: Es soll etwa Knochenbrüche und Augenleiden lindern. Wissenschaftliche Belege dafür gibt es keine.

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Nadja StempelNadja StempelBR24  RedaktionBR24 RedaktionAndrea NeumeierAndrea Neumeier
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Obwohl das Leitungswasser zu den am besten kontrollierten Lebensmitteln in Deutschland zählt, reicht das vielen Menschen nicht. Das Angebot an Mineralwasser ist groß: Heilquellen, Vulkanwasser aus den Vogesen und Quellwasser von den Fiji-Inseln steht in den Supermarkt-Regalen. Besonders die Naturheilkunde glaubt an eine besondere Wirkung des Trinkwassers.

Frauenbründl bei Glonn: Pilger kommen wegen Wasser

Südöstlich von München in der Nähe von Glonn befindet sich das Frauenbründl – eine Quelle, die unter einer Marienkapelle am Waldrand entspringt. Auf einem Schild wird ausdrücklich darauf hingewiesen, dass es sich nicht um Trinkwasser handelt. Ein rechtlicher Hinweis, weil das Gesundheitsamt das Wasser nicht regelmäßig kontrolliert. Trotzdem nehmen manche weite Wege auf sich, um sich hier Wasser zu holen. "Das sind unsere Kanister, und die holen wir immer ab. Es ist ein besonderes Wasser", sagt eine Frau. Viele, die kommen, sind von der Heilwirkung des Quellwassers überzeugt: "Ich glaube diese Kapelle energetisiert das Wasser. Das ist eine Kraft, die man nicht beschreiben kann, aber die trotzdem da ist. Aber man muss schon dran glauben", meint jemand, der hier regelmäßig Wasser holt.

Den Überlieferungen nach soll das Wasser speziell bei Augenleiden helfen, die Lebenskraft und das Immunsystem stärken. Einen wissenschaftlichen Nachweis dafür gibt es nicht. Trotzdem glauben die Menschen daran. Die kleine Kapelle, unter der die Quelle entspringt, ist geschmückt mit vielen Kruzifixen und Votivdarstellungen, die die Wunderheilungen durch das Quellwasser bezeugen sollen.

Filtern, destillieren: Man findet keine Unterschiede

Die Universität Wien hat 2005 in einer Studie beispielsweise Granderwasser untersucht, das als "belebtes" Wasser verkauft wird, und es mit normalem Leitungswasser verglichen. In der Zusammenfassung heißt es: "Es konnten in zwei Versuchsdurchläufen keine Unterschiede festgestellt werden – wie auch schon bei vorangegangenen Untersuchungen an verschiedenen Instituten." Weiter heißt es "Messungen des pH-Wertes, der Leitfähigkeit und des Sauerstoffgehaltes zeigten keine Unterschiede zwischen 'belebtem' und 'unbelebtem' Wasser auf."

Der Journalist und Wissenschaftler Florian Aigner beschäftigt sich schon lange mit angeblich "energetisiertem" und "belebtem" Wasser. Nicht selten werde eine Flasche belebtes Wasser so teuer wie eine Flasche Wein verkauft, obwohl es keinen wissenschaftlichen Unterschied zum Leitungswasser gebe. "Trotzdem enthält sie bloß genau das, was auch gratis aus der Leitung kommt: Wasser, H2O, mit ein paar der üblichen Mineralstoffe. Man kann es chemisch untersuchen, man kann es mit Strahlen durchleuchten, man kann es filtern, destillieren oder zentrifugieren – Unterschiede wird man keine finden. Wasser ist Wasser ist Wasser", schreibt Aigner in einem seiner Kommentare. Aus wissenschaftlicher Sicht könne man das alles nicht ernst nehmen.

Teil der Volksfrömmigkeit: Glaube an Heilkraft des Wassers

Nicht nur in der Volksfrömmigkeit ist der Glaube an die Heilkraft des Wassers weit verbreitet – vor allem im Bereich der Naturheilkunde und der Homöopathie spielt die Wirkung des Wassers auf den Menschen eine große Rolle: Wasser wird als lebendig betrachtet, soll über eine natürliche Energie verfügen, die auch heilsam wirken könne. Leitungswasser dagegen ist dieser Ansicht nach "totes" Wasser: Weil es unter hohem Druck durch dunkle Rohrleitungen gepresst wird und dann lange in Vorratsbehältern oder im Inneren von Wasserleitungen steht. Auch die Beigabe von Chlor, mit dem Leitungswasser an manchen Orten gereinigt wird, schadet in den Augen vieler der Natürlichkeit des Wassers.

Verschiedene Verfahren sollen helfen, das vermeintlich "tote" Wasser wieder zu beleben, zu "vitalisieren" oder zu "energetisieren". Wissenschaftlich erwiesen ist eine Wirkung solcher Praktiken nicht. Ulrike Bassler, Betreiberin eines Reiki-Zentrums in München, setzt zum Beispiel auf die Kraft von Steinen, die sie ins Wasser legt. Auf ihrem YouTube-Kanal gibt sie Anweisungen, wie totes Wasser aus der Leitung mit Edelsteinen wieder "energetisiert" werden könne.

Viele berufen sich auf Hildegard von Bingen

Wenn es um "Energetisierung" des Wassers mit Hilfe von Edelsteinen geht, berufen sich viele auf die Ordensfrau Hildegard von Bingen. Denn die Benediktinerin schreibt in ihrer Naturheilkunde bestimmten Steinen eine Heilkraft zu. Warum viele auf die Kraft des Wassers schwören, auch wenn diese Kraft nicht erwiesen ist, dafür hat Pfarrer Matthias Pöhlmann, Beauftragter für Weltanschauungsfragen der evangelischen Kirche, eine Erklärung: "Die Suggestionskraft und die Subjektzentrierung spielen eine große Rolle. Das kann man in der Esoterik-Szene beobachten. Das heißt, dass man eher seinen eigenen Gefühlen vertraut, als das, was die Wissenschaft sagt."

Belebung verändert nichts an den Eigenschaften des Wassers

Naturwissenschaftler sind sich einig, dass Wasser nicht durch solche Verfahren verändert werden kann. "Belebtes Wasser und normales, unbelebtes Leitungswasser ist dasselbe", sagt Physiker und Wissenschaftsjournalist Florian Aigner. Es gibt keine wissenschaftliche Methode, die beiden Dinge zu unterscheiden. Weder chemisch noch physikalisch wird am Wasser durch die angebliche "Belebung" irgendetwas verändert, das Wasser hat danach ganz genau dieselben Eigenschaften wie vorher. Wasserbelebung basiert rein auf magischem Denken. Aus Sicht von Wissenschaftlern ist es nicht möglich, die chemische Struktur von Wassermolekülen dauerhaft zu verändern.

Da es keine wissenschaftlichen Belege für den Einfluss des Wassers auf den Menschen gibt, verorten Wissenschaftler mehrheitlich Verfahren wie die "Energetisierung" von Trinkwasser in den Bereich der Esoterik. Dabei sind die Grenzen zwischen Naturheilkunde, Esoterik und Volksfrömmigkeit oft fließend, sagt Matthias Pöhlmann. "Denken wir an den Teich von Siloah, wo erwartet wurde, dass davon eine Heilkraft ausgeht. Diese Vorstellung von besonderen Kraftorten gibt es schon von jeher in der Menschheitsgeschichte. Und das verbindet sich mit Formen der Volksfrömmigkeit und esoterischen Deutungen", sagt der evangelische Pfarrer.

"Vollmondwasser" mit drei Mal höherem "energetischen Wert"

So zum Beispiel auch die Leonhardsquelle im oberbayerischen Stephanskirchen: In der Wallfahrtskapelle zum Heiligen Leonhard sprudelt sie: Bei Knochenbrüchen, Gelenkbeschwerden, Augenleiden oder Schwangerschaftsbeschwerden verspricht das Wasser die Beschwerden zu lindern. Dort abgefüllt wird von einem ortsansässigen Unternehmer auch sogenanntes "Vollmondwasser" verkauft. Dabei handelt es sich um Quellwasser, das nur bei Vollmond abgeschöpft wird. Am Tag des Vollmonds soll der "energetische Wert" des Wassers drei Mal so hoch sein. Der Preis pro Flasche ist dafür auch doppelt so hoch wie Wasser, das zu anderen Mondphasen geschöpft wird. Wasser kann also nicht nur eine Energiequelle, sondern auch eine Geldquelle sein.

Der Wissenschaftsjournalist Florian Aigner kritisiert, dass mit dem besonderen Wasser häufig nur Geld verdient werden will: "Wenn man Wasser mit Begriffen wie belebt, energetisiert oder informiert schmückt, dann verkauft es sich blendend, und das ist doch das Wichtigste." Problematisch könnte diese Entwicklung laut Florian Aigner besonders dann werden, wenn immer mehr staatliche Institutionen und Verwaltungen diese Wässer nutzen: "Ich glaube, dass wir als demokratische Gesellschaft sinnvoll zusammenleben können, wenn wir uns auf bestimmte Fakten einigen. Und wenn es dann von der Politik, von öffentlichen Einrichtungen eben Signale gibt an die Gesellschaft: Ja das ist alles vielleicht nicht so sicher, und die Wissenschaft hat das zwar widerlegt, aber wir finden das gut und finanzieren das trotzdem, dann höhlt das diesen gesellschaftlichen Konsens aus."

21. Juni 2022; 10.51 Uhr: Wir haben die frühere Version des Artikels durch die Studien-Ergebnisse der Universität Wien und die Einschätzungen des Wissenschaftsjournalisten Florian Aigner ergänzt. Grundlage dieses Artikels war ein Radio-Beitrag. In der Sendung folgten dann nach dem Beitrag weitere Interviews und Beiträge zur Einordnung. Diese Stimmen fehlten in dem ursprünglichen Artikel.

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