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"Christina and Crystal" von Endia Beal (Ausschnitt)
© Endia Beal/Amerikahaus München
© Endia Beal/Amerikahaus München

"Christina and Crystal" von Endia Beal (Ausschnitt)

Junge, schwarze Uni-Absolventinnen geben sich so skeptisch wie hoffnungsvoll und kämpferisch, wenn es um den Berufseinstieg geht. Sie sagen: "Mich macht der Eintritt ins Geschäftsleben nervös – trotzdem will ich als schwarze Frau Erfolg haben." "Allerdings habe ich als Afro-Amerikanerin das Gefühl, dass ich doppelt so hart kämpfen muss – für Respekt und angemessene Bezahlung." "Vergangenen Sommer durfte ich den Betrieb in einer Firma mal miterleben: Mein Arbeitsplatz war ohne Fenster, immer kalt, ich musste mich angemessen kleiden."

"Unglaublich unwohl gefühlt" im Büro-Gang

Erfahrungen, die die Fotografin Endia Beal bestätigt: "Ich habe meinen Kunststudentinnen das Projekt vorgeschlagen und ihnen gesagt: Lasst uns bei euch daheim Bewerbungsfotos inszenieren, egal wo ihr aufgewachsen seid in North-Carolina. Ich möchte, dass ihr euch so zurechtmacht, wie ihr es für professionell haltet. Für die Aufnahmen bringe ich als Hintergrund das Foto von einem Bürogang mit, in dem ich mich selbst immer unglaublich unwohl gefühlt habe. Davor stellt ihr euch – und stellt euch vor, ihr seid echte Bewerberinnen!" Jetzt hängen sie, die Porträts der 28 Kandidatinnen, im Foyer des Amerikahauses in München. Eine beeindruckende Galerie junger schwarzer Frauen, zusammengestellt von Endia Beal. Viele blicken stolz in die Kamera, andere unsicher, gequält, manche schauen verlegen zur Seite.

"Christine" von Endia Beal (Ausschnitt)

"Christine" von Endia Beal (Ausschnitt)

Einige haben sich herausgeputzt wie für den Abschlussball, figurbetont, knallige Farben, afrikanische Muster, glänzende Stoffe. Dazu hohe Schuhe, lackierte Fingernägel, gefährlich spitz. Die Haare sind zum Dutt gedreht oder rahmen als wilde Afromähne das Gesicht. Daneben verweisen, in guter Porträt-Manier, antike Gipsfiguren, Pokale, Sofas und Lampenschirme auf den Geschmack des Elternhauses, die Mittelschicht, aus der sie stammen. Was ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt aber nicht erhöht. Endia Beal erzählt: "Wir haben an der Uni viel über Karrieren und Bewerbungsgespräche gesprochen, bei denen die Arbeitgeber wollten, dass meine Studentinnen ihre schwer auszusprechenden Namen wechseln, es ging um Kinder, ihr Erscheinungsbild, nicht um Qualifikationen. Sie haben dabei die gleiche Form von Diskriminierung erlebt wie meine Großmutter, meine Mutter und ich selbst in einer Firma."

Trifft der Betrachter die richtige Entscheidung?

Rassismus und Chauvinismus in der amerikanischen Arbeitswelt – Endia Beal macht das gerne zum Thema. Sie liebt Inszenierungen in der Tradition des Harlem-Porträtisten James van der Zee. Oder der Fotoserie Storyville mit Prostituierten-Porträts von E.J. Bellorq. In einem früheren Projekt ("Can I Touch It?") lässt Beal Frauen Mitte 40 vor der Kamera posieren: Verzweifelte Versuche, für die auf jugendlich getrimmte Geschäftswelt professionell auszusehen. Und Beal konterkariert das noch und verpasst den weißen Frauen Afro-Frisuren.

"Jessica" von Endia Beal (Ausschnitt)

"Jessica" von Endia Beal (Ausschnitt)

Diesmal, im Münchner Amerikahaus fühlt sich der Betrachter umstellt von jungen Jobsuchenden. "Bin ich die geeignete Kandidatin für die Stelle?" fragen die knapp einen Meter messenden, farbigen Ganzkörperporträts. Nur: Trifft der Betrachter in seiner fiktiven Rolle als Boss auch die richtige Entscheidung? Endia Beal: "Bei Bewerbungen werden Frauen – insbesondere schwarze Frauen – mit besonders vielen Vorurteilen konfrontiert. Mein Projekt fordert den Arbeitgeber heraus, seine Voreingenommenheit zu hinterfragen. Seine Einstellung in Sachen Integration und Vielfalt. Er muss überlegen, ob ihn seine Vorurteile nicht daran hindern, die talentierteste Bewerberin zu finden. Und natürlich muss ihm klar sein: Wenn er sich für mich entscheidet, dann bekommt er mich voll und ganz, mit meinem gesamten kulturellen Background, meiner Vergangenheit, meiner Identität, meinem Geschlecht."

Mut haben, unbequem zu sein

Endia Beal ist selbst Afro-Amerikanerin. Und Karrierefrau: Als Fotokünstlerin, Galeristin, Magnum-Stipendiatin und Lehrbeauftragte für Kunst an der Uni hat sie mit Mitte dreißig viel erreicht. Aber sie weiß auch, wie es ist, in einer Firma zu arbeiten, in der einen keiner wahrnimmt. Wie es sich anfühlt, der Alien im Team zu sein: Keiner spricht mit dir, aber alle reden über dich – Erfahrungen, die sie in "Am I What You Are Looking For?" mit ihren Kunststudentinnen verarbeitet hat. Lässt sich damit der strukturelle Rassismus im konservativen North Carolina bekämpfen?

"Kiara" von Endia Beal (Ausschnitt)

"Kiara" von Endia Beal (Ausschnitt)

Seit den 1960er Jahren waren in dem Bundesstaat im Bibel Belt fast immer die Republikaner an der Macht. Auf dem Arbeitsmarkt treffen weiße Bosse die Entscheidungen. Welche Bewerbungstipps hat Endia Beal? "Ich hab vor einiger Zeit verstanden, dass ich unbequem sein muss, um es im Job bequemer zu haben. Mein einziger Rat wäre also: Den Mut haben, unbequem zu sein, die Wahrheit zu sagen, etwas anzustoßen. Denn am Ende folgt dir im Job jemand nach, mit den gleichen Zielen und Hoffnungen wie meine jungen Studentinnen. Und du hast ihnen den beruflichen Weg nach oben bereitet, für sie die gläserne Decke durchbrochen und gibst ihnen wieder einen Stimme!"

Endia Beal versteht ihr Projekt nicht als empirische Feldstudie, es soll eine Plattform sein für den Chor ihrer Kandidatinnen. Ein Bewerbungsverfahren, bei dem keine der jungen Frauen heraussticht, keine das Rennen macht, aber alle mehr sie selbst sein dürfen, als später in ihren Jobs.

Ausstellung Endia Beal: "Am I What You Are Looking For?", Amerikahaus München, seit 1. Februar bis 2. Juni.

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