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Historiker: Wie die EU vom Neoliberalismus zerstört wird | BR24

© Bayern 2

Wirtschaftliche Verwerfungen, soziale Schieflagen, handlungsunfähige Institutionen: Der Sozialwissenschaftler Emmanuel Todd sieht die Europäische Union auf einem "Marsch in die Knechtschaft". Schuld sie der Neoliberalismus – und Deutschland.

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Historiker: Wie die EU vom Neoliberalismus zerstört wird

Wirtschaftliche Verwerfungen, soziale Schieflagen, handlungsunfähige Institutionen: Der Sozialwissenschaftler Emmanuel Todd sieht die Europäische Union auf einem "Marsch in die Knechtschaft". Schuld sei der Neoliberalismus - und Deutschland.

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Aus Sicht des französischen Sozialwissenschaftlers und Historikers Emmanuel Todd leben wir längst in den Zeiten einer großen Umkehr. Einerseits ist unsere Welt hochentwickelt, in hohem Maße technisiert. Andererseits gibt es so viele Anzeichen für neue Abhängigkeiten, insbesondere in den wohlhabenden Ländern: ein mehr und mehr sinkender Lebensstandard, eine wachsende Arbeitsplatz-Unsicherheit und schließlich eine zurückgehende Lebenserwartung, zu verzeichnen etwa unter weißen Amerikanern zwischen Mitte 40 und Mitte 50. Für Todd alles Folgen einer entfesselten Wirtschaft, die – im Glauben an grenzenlosen Handel und permanente Profit-Maximierung – den Menschen aus den Augen verloren hat.

Emmanuel Todd erinnert an den berühmten Satz der früheren britischen Premierministerin Margaret Thatcher: "Es gibt keine Gesellschaft, es gibt nur Individuen." Er glaubt, wenn wir die Idee der Gesellschaft – des gesellschaftlichen Zusammenhaltes – aufgeben, haben wir am Ende nur noch schwache, selbstbezogene und kleine Individuen. "Ich bin unbedingt für politische Freiheit," so Todd. "Und auch als Wissenschaftler brauche ich Freiheit für die Forschung. Aber wir müssen auch einsehen, dass es keine absolute Freiheit gibt. Das ist Nonsens. Wir werden alt und krank. Wir sterben. Wir können nicht fliegen wie die Vögel. Warum glauben wir beständig, dass uns die Abkehr von der Gesellschaft zur absoluten Freiheit führen kann?"

Die Familie entscheidend für die Entwicklung der Gesellschaft

Die Moderne im frühen 21. Jahrhundert gleicht Todd zufolge einem Marsch in die Knechtschaft. Todd gehört seit vielen Jahren zu den großen Kritikern der neoliberalen Wirtschafts-Theorien, des Neoliberalismus überhaupt. Noch länger beschäftigt er sich mit der Frage, inwieweit das Bildungsniveau wie auch die Prägungen durch Familienstrukturen entscheidend für die Geschichte, für die Entwicklung einer Gesellschaft sind. Todds jüngstes Buch "Traurige Moderne", eine Synthese seiner jahrzehntelangen Forschungen, konfrontiert die Leserinnen und Leser mit einer Vielzahl von Familientypen und -modellen, beginnend in der Steinzeit. Aufgrund der damit verbundenen unterschiedlichen Prägungen sollten wir uns besser von universalistischen Modellen verabschieden, sagt Todd. Das gelte auch mit Blick auf die Idee der Demokratie.

"Es gibt unterschiedliche Wertesysteme und Einstellungen, in England, Frankreich, Deutschland, Russland und auch anderswo", erklärt Emmanuel Todd. "Diese und viele andere Unterschiede müssen wir ernst nehmen. Ich bin ein guter Franzose, ich glaube unbedingt an die Idee einer universalen Menschheit. Hingegen glaube ich nicht, dass die eine universale Gesellschaftsform existiert. Wir müssen akzeptieren, dass es – im Vergleich zu unseren Nachbarn – kleinere bis größere Unterschiede gibt. Und wir sollten es tunlichst unterlassen, verschiedene Gesellschaften zu vereinheitlichen, zum Beispiel mit einer abstrakten Währung wie dem Euro. Es ist leicht zu verstehen, warum der Euro ein Misserfolg geworden ist."

© Louise Todd

Der französische Historiker und Sozialwissenschaftler Emmanuel Todd

Kritischer Blick auf Europas Gegenwart

Angesichts der Kritik am Primat einer neoliberalen Wirtschaftstheorie und einer zunehmenden gesellschaftlichen Spaltung dürfte kaum verwundern, wie Emmanuel Todd auf Europa, auf die Europäische Union blickt. In "Traurige Moderne" schreibt er von einem gewaltigen hierarchischen System, das noch fanatischer als die USA auf wirtschaftliche Globalisierung setze – und das übrigens trotz allen einschneidenden Verwerfungen im vergangenen Jahrzehnt seit der weltweiten Finanzkrise von 2008. Todd kritisiert die gegenwärtige Verfassung der EU. Er reibt sich unter anderem an der wirtschaftlichen Vormachtstellung Deutschlands innerhalb der politischen Union. Man möge ihn nicht falsch verstehen, betont er, er kritisiere nicht Deutschland. Aber das Übergewicht finanzieller und damit wirtschaftlicher Fragen sei zutiefst besorgniserregend.

"Die sozialen Unterschiede innerhalb Europas sind zu markant", argumentiert Todd. "Schwächere Volkswirtschaften kommen schwerlich in die Lage, sich vor den Effizienzkriterien zu schützen, die die Deutschen beständig einfordern. Die Bundesrepublik ist verantwortlich für einen Kampf um die Effizienz. In meinen Augen ist es Ausdruck einer besonderen Qualität, dass Franzosen, Italiener, Spanier und andere nicht wie die Deutschen agieren. Das 'Euro-Ding' hat zu einem wirtschaftlichen Kampf unter den europäischen Nationen geführt. Die Idee, ein gemeinsames Europa und auch eine gemeinsame Währung würden dem Frieden dienlich sein, zielt völlig ins Leere. Die negativen Auswirkungen der Globalisierung sind heute innerhalb der Euro-Zone konzentriert."

© C.H. Beck

Buchcover: Emmanuel Todds Buch "Traurige Moderne. Eine Geschichte der Menschheit von der Steinzeit bis zum Homo Americanus"

Die Illusion eines besseren Europa

Auch mit Blick auf wichtige politische Fragen innerhalb Europas äußert sich Emmanuel Todd skeptisch. Den Umgang mit den nationalen Abstimmungen über die Einführung einer Europäischen Verfassung vor nun schon 15 Jahren etwa kommentiert er kritisch. Die ablehnenden Voten von Niederländern, Franzosen und auch Griechen seien letztlich ignoriert worden, so Todd. Und das von einer politischen Gemeinschaft, in der beständig die Werte der liberalen Demokratie beschwört werden. Für ihn ein tiefer Widerspruch. Und auch ein Ausdruck von allzu großer Selbstgerechtigkeit. Emmanuel Todd glaubt nicht, dass die EU in ihrer jetzigen Form über das Potential für eine Reform verfügt. Ein besseres Europa, das ist, unter den jetzigen Voraussetzungen, allenfalls eine schöne Illusion.

"Europa ist viel zu komplex," so Tood. "Die vielen nationalen Interessen führen dazu, dass sich nichts ändern wird. Wir sind wie paralysiert. Und das ist eine Folge des komplexen europäischen Systems. Es gibt keine Mehrheit und erst recht keine Einstimmigkeit bei wichtigen politischen Entscheidungen. Allein die Zahl der Nationalstaaten innerhalb der EU sorgt dafür, dass sich nichts ändert – und zwar auf längere Zeit. Der Kampf um eine führende Rolle innerhalb der Europäischen Union lähmt uns völlig. Wir wissen, dass wir eigentlich kooperieren müssen. Die Idee der Annäherung der Staaten hat aber überhaupt keine Priorität. Immerhin gibt es in den einzelnen Staaten Prozesse der Annäherung zwischen den Eliten auf der einen und der breiten Bevölkerung auf der anderen Seite."

Emmanuel Todds Buch "Traurige Moderne. Eine Geschichte der Menschheit von der Steinzeit bis zum Homo Americanus" ist bei C.H. Beck erschienen, übersetzt aus dem Französischen von Werner Damson und Enrico Heinemann.

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