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Warum Polen ein gespaltenes Land ist | BR24

© Anna Szkoda

Emilia Smechowski

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Warum Polen ein gespaltenes Land ist

Es gibt nicht ein Polen, sondern zwei, sagt Emilia Smechowski: eins konservativ, eins liberal. Bekannt wurde die Autorin mit "Wir Strebermigranten", nun legt sie Reportagen aus Polen vor – und erzählt vom skurrilen Besuch bei einer lebenden Legende.

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"Wer behauptet, Deutschland sei gespalten, der sollte nach Polen schauen. Hier gibt es den gesellschaftlichen Riss wirklich. Er reicht sogar so tief, dass man im Grunde von zwei Ländern sprechen muss, von zwei Polen... Lernen sich heute zwei Polen kennen, versuchen sie vorsichtig, herauszufinden, auf welcher Seite der jeweils andere steht, zu welchem Land er gehört. Sie tasten sich politisch ab." So schreibt es die in Polen geborene Autorin Emilia Smechowski in ihrem soeben veröffentlichten Buch "Rückkehr nach Polen. Expeditionen in mein Heimatland". Knut Cordsen hat mit Emilia Smechowski über ihre Reportagen-Sammlung gesprochen.

Knut Cordsen: Sie sind im Alter von fünf Jahren mit ihrer Familie von Polen nach Deutschland ausgereist und hier aufgewachsen. Nun, mit Mitte 30, sind Sie zurückgekehrt und haben ein Jahr lang in Danzig gelebt. Was wollten Sie dort herausfinden?

Emilia Smechowski: Ich wollte eigentlich die Nachrichten, die ich natürlich wie alle anderen auch gelesen hatte, und die Kommentare über die politische Situation im Land mit Leben füllen. Für mich persönlich. Ich wollte wirklich verstehen, was eigentlich los ist in Polen und wie die Polen auch diese Situation wahrnehmen, wie präsent überhaupt dieser Regierungs- und Machtwechsel von 2015 ist.

Sie schreiben von einem Land, das sich aufteilt in ein "Polen A" und "Polen B". In die Abgehängten und die Wendegewinner. 30 Jahre nach der friedlichen Revolution ziehe sich ein "Graben" durch das Land, lautet Ihr Befund. Wie erklären Sie sich das?

Das ist natürlich eine sehr schwierige Frage. Ich habe da jetzt nicht die endgültige Erklärung gefunden, aber ich denke schon, das große Problem all die Jahre seit 1989 war, dass dieser Graben sich damals schon abgezeichnet hat. Der Riss war damals noch ganz fein und wurde immer größer. Das ist nicht erst seit 2015, seitdem die neue Regierung an der Macht ist, sichtbar. Nur wollten wir alle diesen Riss nicht sehen. Der große Fehler war, dass man die Leute mehr und mehr vergessen hat, die nicht mit dem Systemwechsel klarkamen und diese Transformation nicht so schnell mitmachen konnten – aus welchen Gründen auch immer. Die waren zum Teil ja auch weniger sichtbar. Sie lebten eher nicht in den Städten, sie waren eher nicht in der Öffentlichkeit präsent, und das war auf jeden Fall ein großer Fehler auch der Vorgängerregierung.

Sie sind in ganz unterschiedliche Teile Ihres Heimatlandes gefahren. Sie waren in jenem Dorf, in dem die Regierungspartei PiS Rekordwerte bei den letzten Wahlen erzielte – 85 Prozent bei den Parlamentswahlen 2015 – und haben dort mit Bauern gesprochen. Sie waren aber auch in Posen, wo der amtierende Bürgermeister zu einer Bastion gegen die rechtspopulistische PiS geworden ist. Der Mann, dieser Bürgermeister oder genauer: Stadtpräsident Jacek Jaśkowiak scheint mir eine hochinteressante Figur zu sein. Ein Boxer, der im Wortsinne in den Ring steigt.

Jacek Jaśkowiak ist eigentlich ein sehr gängiger Typ des Oppositionellen mittlerweile in Polen, denn es sind eigentlich alle Bürgermeister der großen Städte in Polen liberal, also Oppositionspolitiker oder Parteilose, die sich gegen die Regierung stellen. Das müssten Sie ja nicht. Sie könnten einfach ihre Stadtpolitik betreiben, aber sie äußern sich mehr und mehr auch national gegen Warschau, und das ist natürlich schon ein wichtiges Zeichen.

Sein Danziger Kollege, der Stadtpräsident von Gdańsk, Paweł Adamowicz, den Sie auch in Ihrem Buch beschreiben, ist im Januar dieses Jahres auf offener Bühne ermordet worden. Was sagt diese Tat über Polen in diesen Tagen aus?

Wenn wir das wüssten. Das war ein riesiger Schock. Ich war zum Zeitpunkt seines Todes auch in Danzig. Es war eine Tat, die absolut nicht vorhersehbar war, auch wenn man im Nachhinein immer sagt, dass sich darin der Hass in der Gesellschaft manifestiert und gezeigt hat. Man weiß nur, dass der Täter höchstwahrscheinlich psychisch krank ist. Aber trotzdem: Er saß vorher im Gefängnis und er hat natürlich die Medien rezipiert in der Haft, den öffentlich-rechtlichen Rundfunk, der in Polen mehr und mehr zu den Staatsmedien gehört und gelenkt wird. Und er hat als "Begründung" für den Mord auf offener Bühne gesagt, die Oppositionspartei, welcher der Bürgermeister angehört hatte über eine lange Zeit, trage die Schuld an seinem Unglück. Deshalb sprechen viele Beobachter schon von einem politischen Mord.

© picture alliance/ZUMA Press

Trauer in Danzig um den ermordeten Bürgermeister Paweł Adamowicz (Januar 2019)

Paweł Adamowicz war 1980 auch Teil der späterhin weltberühmten Solidarność-Bewegung. Das Gesicht der Solidarność freilich war und ist Lech Wałęsa, der heute 75 Jahre alt ist. Den einstigen Staatspräsidenten Wałęsa haben Sie auch getroffen. Und das muss, so liest es sich, eine ziemlich seltsame Begegnung gewesen sein.

Ja, das stimmt. Ich habe Lech Wałęsa getroffen, weil mir alle Polen immer wieder mantraartig gesagt haben: Wenn du verstehen willst, was heute passiert, musst du nach 1989 schauen, beziehungsweise in die achtziger Jahre, in denen sich dieser Riss durchs Land schon abgezeichnet hat. Lech Wałęsa steht nun mal wie kein anderer für diese Zeit, für die positive Avantgarde, die Polen damals war. Heute ist Polen eher eine traurige negative Avantgarde, politisch gesehen. Er war der große Arbeiterführer. Ich dachte, so ein großer Politiker, der in Rente ist, würde Zeit haben. Das Gespräch hat dann 13 Minuten gedauert. Er ist ein sehr interessanter Mensch, der wirklich mit jeder Erwartung bricht, die an ihn gestellt wird, der sich nicht darum schert, was andere von ihm denken. Als ich in sein Büro kam, stand er mit einem Schraubenzieher in der Hand da – er ist ja Elektriker gewesen damals –, und das war schon sehr skurril.

Sein ewiger Rivale, sein Gegenspieler seit der Solidarność-Zeit ist Jarosław Kaczyński, der heutige PiS-Chef. Jarosław und sein Bruder Lech Kaczyński, der 2010 bei einem Flugzeugabsturz in Smolensk ums Leben kam, kennen Lech Wałęsa seit der gemeinsamen Zeit bei der Solidarność. Aber sie sind völlig unterschiedliche Wege gegangen. Inwiefern stehen sie auch für das in sich zerstrittene Polen?

Lech Wałęsa und Jarosław Kaczyński stehen prototypisch für die beiden unterschiedlichen Seiten, die man in Polen derzeit beziehen kann. Kaczyński wirft Wałęsa vor, nicht genug herausgehandelt zu haben damals, als er mit den kommunistischen Machthabern verhandelt und der Demokratie den Weg geebnet hat. Es war ja eine unblutige Revolution, das ist ja das große Verdienst, dass es keine Toten gab, kein Blut auf der Straße. Wałesa hat einen Kompromiss gesucht. Kaczyński sagt: Dieser Kompromiss war falsch. Wir hätten einen klaren Schnitt gebraucht. Das ist genau der Streit, den viele Menschen um sie herum seit 30 Jahren führen.

Sie beschreiben ja auch abseits der großen Politik den Kita-Alltag Ihrer vierjährigen Tochter, Ausflüge an den Strand, Besuche in Einkaufszentren. Sie liefern so immer wieder interessante Einblicke wie etwa den, dass Alkohol nahezu verpönt zu sein scheint und dass Fußball in Polen gar nicht jenes alle verbindende Massenphänomen ist, das es in Deutschland ist.

Genau, das hat mich sehr überrascht, weil ich das eben aus Deutschland anders kenne. Alkohol wird hier nicht nur in gewissen Schichten konsumiert, sondern in allen. In Polen ist das anders. Ich habe viele Freunde und Familienmitglieder in Polen, die abstinent leben und komplett auf Alkohol verzichten. Das hat mich schon sehr überrascht, wenn ich das mit meiner linksliberalen Berliner Großstadt-Blase vergleiche. Für Fußball interessieren sich in Polen eigentlich nur Kenner oder die unteren Schichten – wenn man von Schichten sprechen will. In Deutschland ist das ganz anders.

© dpa - Fotoreport

Lebende Legende: Lech Wałęsa als Elektriker in der Danziger Werft "Lenin" (1989)

Polen ist das katholischste Land in Europa, es stellte 1978 mit Karol Wojtyla den ersten nicht-italienischen Papst. Gerade was das rückständige Frauenbild anbetrifft, was Abtreibung und Frauenrechte angeht, spricht die katholische Kirche nach wie vor Machtworte und unterstützt so ja auch die reaktionäre Linie der PiS, oder?

Absolut. Da gibt es eine Allianz zwischen der PiS und der Kirche, die auch zum Wahlsieg der PiS beigetragen hat durch Predigten sonntags aber auch durch den weitverbreiteten Sender "Radio Maryja", der gerade auch die Dörfer und ländlichen Gegenden erreicht. Es ist aber so, dass gerade beim Frauenbild Polen sehr zwiegespalten ist. Ich habe sehr viele sehr feministisch denkende Frauen erlebt, die trotzdem einen sehr starken Mutterkult pflegen, in Polen ähnlich wie in Italien. Der führt dann eben doch dazu, dass man Frau und Mutter immer gleichsetzt. Die Frauen sind alle in Jobs, zum Teil auch in Führungspositionen – es gibt ja sehr viele Frauen in Führungspositionen in Polen – , aber wenn es um die Kinder und den Haushalt geht, sind vor allem sie es, die sich darum kümmern, und nicht die Männer.

Das ist dann das Ideal der "Matka Polka".

Richtig, angelehnt an die heilige Muttergottes.

Sie schreiben, das Land sei "auf dem Weg in totalitäre Strukturen". Das klingt dramatisch. Für manchen zu dramatisch, gerade angesichts der Tatsache, dass im Herbst ja freie Parlamentswahlen in Polen stattfinden. Ist Polen doch schon verloren?

Nein, das würde ich nicht sagen. Aber ich finde schon, dass man an manchen Entwicklungen sehr wohl sehen kann – nehmen Sie die Justizreform oder auch die von der PiS betriebenen Umbesetzungen beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk –, dass die Regierung diese Umstrukturierungen bis an den Rand des Möglichen durchgeführt hat. Was die Justiz angeht, da mache ich mir sehr große Sorgen. Es ist meiner Meinung nach überhaupt keine unabhängige Justiz mehr. Klar, man kann sagen, "totalitäre Strukturen" ist ein großes Wort. Ich finde aber, man sollte da sehr gut hinschauen und nicht die Augen davor verschließen. Bisher haben wir mit der EU kein Regulativ gefunden. Die EU kann eigentlich nur zuschauen und Warnsignale senden, nicht mehr.

"Rückkehr nach Polen. Expeditionen in mein Heimatland" von Emilia Smechowski ist bei Hanser Berlin erschienen.

© Hanser Berlin

Emilia Smechowski, "Rückkehr nach Polen"

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