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Fotografin Elizaveta Porodina holt Bilder aus dem Unbewussten | BR24

© Stadtmuseum München

"Ohne Titel" (Ausschnitt)

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    Fotografin Elizaveta Porodina holt Bilder aus dem Unbewussten

    Sie liebt den Surrealismus ebenso wie den Impressionismus. Die in Moskau geborene Künstlerin arbeitet seit 2000 in München als viel gefragte Mode-Fotografin. Zwei Jahre arbeitete sie in der Psychiatrie. Ihre Motive entspringen dem Unbewussten.

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    Was für ein Bilderschatz! Wie rätselhaft und überbordend diese Fotografien, die aus allen Kunstepochen und Kulturräumen, Anleihen zu nehmen scheinen -und dann doch eine ganz eigene Magie verbreiten: Ein Frauenporträt, so ruhig, klar und schön wie von einem niederländischen Meister, aber mit einer aufgemalten schwarzen Linie von der Stirn bis zum Mund, ähnlich der rituellen Bemalung eines Naturvolkes, eine irritierend schöne Kulturvermischung. Daneben der Kopf eines Models, das aus einem Meer großäugiger Puppenköpfe ragt, ein bisschen unheimlich und surreal. Oder dann ein Gesicht umweht von Rapsblüten, auf den geschlossenen Augenlidern farbiger Glimmer, als habe eine Fee ein Farbbeutelchen mit dem härtesten Pink, das sie finden konnte, über der schwarzhäutigen Träumerin im stechend gelben Feld ausgeschüttet.

    © Stadtmuseum München

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    "Ich liebe den Surrealismus"

    Wie kann man einen so knalligen Kontrast so zart verhandeln? Elizaveta Porodina: "Ich kann mich erinnern, dass Bilder schon immer eine riesige Rolle in meinem Leben gespielt haben, für mich hat das einen krass emotionalen Wert mit meiner Mutter zusammen zu hause zu sitzen und ewig in den Bilderbüchern der Klassiker zu blättern, Matisse und Renoir und Degas zu sehen, und das sind auch große Vorbilder zum Teil, aber auch aus der russischen Kunst natürlich. Also, ich liebe sehr viele künstlerische Richtungen, ich liebe den Surrealismus, ich liebe den Impressionismus, ich liebe den Expressionismus, das alles hat meine visuelle Sprache schon sehr früh in meiner Kindheit geprägt und ich finde das sind alles valide, potente und starke Stilmittel, um sich auszudrücken."

    Aus dem eigenen Unbewussten geholt

    Elizaveta Porodina kam mit 13 Jahren aus Moskau nach München. Als Fotografin ist sie Autodidaktin, man glaubt es kaum, so handwerklich meisterhaft erzählt sie. Aber vielleicht liegt darin der Schlüssel: wie sie mit Licht und Überblendungen experimentiert, um vorzudringen zu einer vielsprechenden Mehrdeutigkeit. Vor der Fotografie hat sie Psychologie studiert und zwei Jahre in der Psychiatrie gearbeitet. Ihre Fotografien haben etwas Traumhaftes - die vielen Spiegelungen, Brechungen, Mehrfachbelichtungen wie aus einer alptraumartigen Bedrängung, Augen, die sich in offenen Handflächen spiegeln. Was die Künstlerin offenbar aus ihrem eigenen Unbewussten hoch holt, ist zugleich auch Ausdruck einer sich permanent selbstbespiegelnden und sich selbst suchenden Gesellschaft. Flirrende Melancholie liegt über den Fotografien. Tränenschleier, nennt Porodina das, ihr russisches Erbe: "Tiefe ist ein krasses Schlagwort in meiner Arbeit und für mich selbst. Wenn ich jemanden kennen lerne, wenn ich ein Bild mache, wenn ich nach etwas suche –mein Ziel ist, immer rauszufinden, was drunter ist. Und drunter kann manchmal etwas Verstörendes sein oder was Düsteres. Kann aber auch was Wunderschönes sein, etwas, was blüht und aus einem heraus wächst. Was auch immer da drunter ist, nehme ich - ist mir alles lieb."

    © Stadtmuseum München

    "Ohne Titel" (Ausschnitt)

    Leidenschaft für die Realität

    Deswegen fixen ihre Fotografien einen auch so an. Sie weisen über die Bewertungen der üblichen Wahrnehmung hinaus. Benjamin Clementine, Musiker und Stilikone, hat die Fotografin in den 45 Minuten der Aufnahme im Kabuff der Plattenfirma in gelbes und blaues Licht getaucht, als sei Clementine in das aufflackernde Gewitter seiner eigenen Aura geraten. Ein Foto für den Musikexpress. Stellt sich bei allem Zauber die Frage, wie stark die Bilder eigentlich nachbearbeitet sind? Porodina: "Das hat sich im Laufe der Jahre extrem verändert. Und ich muss sagen, auch wenn man mit das jetzt nicht glaubt, wenn man sich diese Bilder ansieht, dass ich immer mehr eine Leidenschaft für eine Realität bekommen habe und dass ich viel eher die realen Situationen belassen will, so magisch wie ich sie vorgefunden habe. Insofern sind die meisten Bilder, die ich hier zeige so gut wie nicht nachbearbeitet, sondern so fotografiert."

    Wie ein Wesen aus einer besseren Welt

    Oberflächlichkeit? Das Klischee der Modeindustrie löst Elizaveta Porodina nicht ein. Für das Label „Fomme“, eine Mischung aus homme und femme, den französischen Wörtern für Mann und Frau, fotografiert sie junge Männer in einer Rolle, die diesen noch nicht selbstverständlich zugewiesen wird: in ihrer Verletzlichkeit. Und sie porträtiert Menschen, die sie Musen nennt, wie Lilli, eine 15-jährige amerikanische Schauspielerin mit Down-Syndrom: "Das erste Mal, dass ich sie gesehen habe, ich hab mich in ihren Augen und in ihrem Ausdruck verloren und ich wollte unbedingt mit ihr arbeiten. Und als ich sie dann live erlebt habe, also das ganze Team lag sich in den Armen. Mit ihr zu arbeiten war einfach ein unglaubliches Privileg, weil sie mir vorkam wie ein Wesen aus einer besseren Welt. Sie war pure Emotion, ohne Hemmungen, ohne alles, was die Menschlichkeit schlecht macht, das alles war irgendwie komplett weg."

    Kaleidoskopische Wahrnehmungsfähigkeit

    Eine gute Entscheidung der Kuratorin Katharina Zimmermann, so viele Bilder wie möglich in diesem einen Raum zu zeigen, wie in einem Rausch, einem visuellen Sog: 130 Fotografien sind es geworden. Eine wunderbare Herausforderung , die kaleidoskopische Wahrnehmungsfähigkeit dieser jungen Fotografin aufzusaugen.

    Noch bis 20. Januar 2019 im Stadtmuseum München

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