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Wie Elif Shafak den Verlorenen der Türkei eine Stimme gibt | BR24

© Bayern 2

Die türkische Schriftstellerin Elif Shafak lebt seit mehr als zehn Jahren im Londoner Exil. In ihrem neuen Roman "Unerhörte Stimmen" erzählt Shafak von jenen, die am Rand der Gesellschaft leben: Prostituierte, Transsexuelle, Verlorene.

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Wie Elif Shafak den Verlorenen der Türkei eine Stimme gibt

Die türkische Schriftstellerin Elif Shafak lebt seit mehr als zehn Jahren im Londoner Exil. In ihrem neuen Roman "Unerhörte Stimmen" erzählt Shafak von jenen, die am Rand der Gesellschaft leben: Prostituierte, Transsexuelle, Verlorene.

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Wenn Elif Shafak heute Abend im Literaturhaus München ihren neuen Roman "Unerhörte Stimmen" vorstellt, wird gewiss auch viel über die aktuelle Situation in der Türkei und das Ergebnis der Neuwahlen in Istanbul gesprochen werden. Shafak wird dann wieder den italienischen Philosophen Antonio Gramsci zu Rate ziehen, der vom Pessimismus des Intellekts und dem Optimismus der Herzen spricht, dem Optimismus des Willens. Das gefiele ihr sehr gut, sagt die Autorin, weil es unmöglich sei, nicht pessimistisch zu werden, wenn man die Politik und türkische Politiker betrachte. Es sei so deprimierend und demoralisierend, was sie dem Land antun. Auf der anderen Seite werde man mehr Vertrauen und mehr Hoffnung haben, wenn man mit den Türken spreche. Weil es schöne Menschen in der Türkei gebe, junge Menschen, Frauen, Minderheiten und fortschrittliche Demokraten. Sie existierten auch, man höre nie ihre Stimmen, aber sie seien da. Wenn man mit den Menschen in der Türkei spreche, fühle man sich optimistischer.

Seit mehr als zehn Jahren im Exil

Elif Shafak ist eine sehr engagierte, eine politische Schriftstellerin. Sie versteht sich als Weltbürgerin, ist viel herumgekommen in der Welt. Seit zehn Jahren wohnt sie in London. Doch sie sagt auch, London sei ein Exil und ein Exil sei ein schwieriges Thema. Manchmal sei es das selbst auferlegte Exil, manchmal werde es von Außen auferlegt. Sie lebe sehr nomadisch und sei eine sehr internationale Seele. In Amerika hat sie schon gelebt, in Jordanien, in Deutschland, in der Türkei, in Großbritannien, in über zwölf Städten. Aber natürlich lebe sie im Exil, sagt Shafak.

© dpa/picture alliance

Die im Londoner Exil lebende türkische Schriftstellerin Elif Schafak

In ihrem neuen Roman "Unerhörte Stimmen" erzählt Shafak die Geschichte von Leila, einer vom Schicksal verprügelten jungen Frau aus ärmsten Verhältnissen. Als Kind wurde Leila vom Onkel missbraucht, sie flüchtet nach Istanbul, wird dort erneut missbraucht, mit 16 Jahren landet sie in einem Bordell. Leila hat keine Chance.

Ihre Charaktere sind Ausgestoßene. Sie sind nicht reich oder privilegiert, sie haben keinerlei Unterstützung. Das Leben für sie ist sehr schwierig. Shafak schreibt über Sexarbeiter, Transgender-Sexarbeiter, Prostituierte oder Menschen, die sehr einsam und sehr verletzlich sind. Ihre Figuren haben keinerlei Schutz, weder rechtlich noch sozial. Das Raue der Stadt ist für sie noch schmerzlicher. Das will sie darstellen.

Shafak glaubt an Außenseiter und Minderheiten

In drei Teile gliedert Elif Shafak ihren Roman. Im ersten Teil, "Geist“, erzählt die Schriftstellerin vom Leidensweg ihrer Hauptfigur Leila. Im zweiten Teil, "Körper“, erfahren wir in kurzen Abschnitten die Zeit nach Leilas Tod. Erst in diesem Kapitel wird klar, welche Bedeutung Leila für ihre Freunde hatte und dass es neben ihrem Unglück auch glückliche Momente gegeben hat. Im kurzen dritten Teil, "Seele“, entwirft Shafak schließlich ein märchenhaftes Ende, eine Befreiung nach dem Tod, und die Solidarität jener, die wenig Solidarität in ihrem Leben erfahren haben. "Ich glaube fest an globale Schwesterlichkeit und Solidarität, insbesondere unter Frauen."

Da sie nicht in die Türkei gehen konnte und sich außen vor fühlte, sei sie Außenseitern noch näher gekommen. In all ihren Erzählungen hätte sie versucht, kulturellen, ethnischen, sexuellen Minderheiten eine Stimme zu geben. Sie habe ihre Geschichte aufgreifen und anderen Menschen verständlich machen wollen.

Istanbul, für Shafak eine weibliche Stadt

Istanbul ist eine weibliche Stadt, behauptet die Feministin Elif Shafak in ein paar Zeilen vorweg. Und so hat sie in diesem Roman mit ihren Frauenfiguren so etwas wie eine Gegenwelt geschaffen. Es ist ein Roman gegen Nationalismus und religiösen Fundamentalismus, gegen Militarismus und Männerherrschaft, gegen Aberglauben und archaische Sitten. Elif Shafak schreibt Romane für eine freie, demokratische und solidarische Türkei.

Die Türkei habe eine sehr reiche Geschichte, sagt Shafak, aber kein Gedächtnis. Als Schriftsteller habe man die Geschichten zu zeigen, die die Menschen vergessen hätten. Erinnerung sei eine Verantwortung: Nicht um in der Vergangenheit festzustecken, aber um aus ihr zu lernen.

Der Roman "Unerhörte Stimmen" von Elif Shafak, aus dem Englischen übersetzt von Michaela Grabinger, ist im Verlag Kein & Aber erschienen.

Am Montag, den 24. Juni liest Elif Shafak im Literaturhaus München.

© Kein und Aber/ Montage BR

Cover: "Unerhörte Stimmen" von Elif Shafak

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