BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite

NEU

Ekstase und Einsamkeit: Mit dem Longboard um die Welt | BR24

© BR

Von Bayern bis zum Bosporus - und dann noch 3.500 Kilometer durch Asien. All das auf dem Longboard. Auf seinem ungewöhnlichen Reisegefährt lernt Florian Michl nicht nur viele "Locals" kennen - er lernt auch viel über sich selbst.

Per Mail sharen
  • Artikel mit Video-Inhalten

Ekstase und Einsamkeit: Mit dem Longboard um die Welt

Von Bayern bis zum Bosporus – und dann noch 3.500 Kilometer durch Asien. All das auf dem Longboard. Auf seinem ungewöhnlichen Reisegefährt lernt Florian Michl nicht nur viele "Locals" kennen – er lernt auch viel über sich selbst.

Per Mail sharen

Longboardfahren: Für Florian Michl bedeutet das Freiheit und Unterwegssein. Beim Gleiten über den Asphalt, beim Ausbalancieren seines ganzen Körpers, komme er immer in eine Art Trance, sagt er.

"Natürlich immer wieder unterbrochen von dem Moment an, wo mir auffällt, hoppla, vielleicht sollte ich ein bisschen mehr auf meine Umgebung achten, da kommt gleich das nächste Stöckchen und das nächste Steinchen. Und das könnte mir wehtun." Florian Michl

2015, direkt nach seinem Bachelor-Abschluss, hält es ihn nicht mehr im heimatlichen Bayern. Für sein Gepäck hat er sich extra einen Handwagen zum Hinterherziehen bauen lassen. Er fährt über die Alpen, er rollt über den Balkan. Alles mit dem Longboard. 2.800 Kilometer bis zum Bosporus. Kurz darauf geht Florian Michl auf noch größere Tour: Von Ho-Chi-Minh-Stadt in Vietnam aus fährt er 3.500 Kilometer durch Asien, bis nach Singapur. Eine Herausforderung für seinen Körper, die Technik und für den Umgang mit sich selbst:

"Meine Stimmung ist immer wieder geschwankt zwischen unglaublicher Wut auf mich selbst: Warum mache ich so einen Quatsch? Warum ist es so heiß? Warum habe ich schon wieder so Hunger? Und mir tun meine Füße weh! Und dann wieder Momente mit purer Ekstase." Florian Michl

Er fährt immer auf Nebenwegen und auf der kleinstmöglichen Straße. Dank Longboard stets auf Augenhöhe mit den Leuten vor Ort. Auf dem Longboard braucht er sich nicht mal den Hals zu verrenken, um während der Fahrt in alle Richtungen gucken zu können:

"Man ist immer offen, hat beide Hände frei, um Leuten zuzuwinken oder vielleicht einmal ein Foto zu machen, und da ist man, super super drin und klatscht mit Leuten am Straßenrand ab." Florian Michl

Sein ungewöhnliches Reisegefährt weckt die Neugierde, er knüpft schnell Kontakt zu "Locals", auch weil er seit einem Schüleraustausch fließend Thai spricht. Einmal probieren sogar buddhistische Mönche eine Runde auf dem Longboard aus. Am Straßenrand aber laufen die meisten Begegnungen sehr ähnlich ab, erzählt Florian Michl: "Die Leute sind total begeistert, fragen: Was machst du da?" Danach wollen viele ein Foto mit ihm machen und kurz darauf heißt's schon wieder "ach, wir müssen weiter". Auf Dauer ist das ein bisschen anstrengend, meint Florian Michl, der auf seinen Longboard-Reisen häufig dieselben Geschichten hört, kaum tiefergehende Kontakte knüpft.

Ansporn: Wenn die Follower mitfiebern

Unterwegs zu sein, bedeutet eben auch Einsamkeit aushalten. Davon erzählt er in Selfie-Videos und postet sie auf seinen Social-Media-Accounts. Plötzlich kommen Antworten von Usern. Viele. Eine neue Art von Gemeinschaft entsteht. "Das ist schon ein Ansporn gewesen, dass Leute mitfiebern, dass Leute mir auf meiner Reise folgen und schauen: Schafft er das wirklich?" Übers Internet lernt er einen chinesischen Longboarder kennen. Sie bewältigen die letzte Etappe gemeinsam. Bis heute halten sie Kontakt.

Inzwischen ist Florian Michl wieder zurück in Bayern, auf ganz großer Tour mit dem Longboard war er schon länger nicht. Gerade hat er mit seiner Freundin eine gemeinsame Wohnung eingerichtet. Teresa Graßl skatet nicht: "Weil ich das erste Mal, wo ich Longboarden ausprobiert habe, sofort einen Unfall gebaut habe", sagt sie lachend. "Das war nicht so schön, von daher bin ich dann aufs Radl umgestiegen."

Das Gefühl von Freiheit

Gemeinsam unternehmen sie und Florian Michl inzwischen Tagesausflüge, er auf dem Longboard, sie auf dem Rad. Für längere Reisen bleibt neben der Arbeit momentan kaum Zeit. Florian Michl hat inzwischen fertig studiert und einen Job. "Irgendwann muss man wohl erwachsen werden", sagt er und seufzt, wenn er seinen Büro-Alltag mit seinen Reisen auf dem Longboard vergleicht: "Das ist natürlich ein dramatischer Wechsel, das stimmt, aber ich kann mir immer noch die Welt angucken, diesmal natürlich von oben." Als Umweltplaner und Ingenieurökologe arbeitet er bei einer Firma, die sehr hochauflösende Satellitenbilder herstellt – auch mit Aufnahmen von Gegenden, in denen er unterwegs war: "Da kann ich mich dann wieder reinversetzen." Und manchmal nimmt er sein Longboard mit und fährt damit von der Arbeit nachhause. Dann ist es wieder da, das Gefühl von Freiheit und Unterwegssein.

Mehr zum Thema "Unterwegs sein" in STATIONEN, am Mittwoch, 22. Juli 2020 um 19 Uhr im BR-Fernsehen und in der BR-Mediathek.