BR24 Logo
BR24 Logo
Kultur

Klapischs "Einsam Zweisam": Jung, frei – und schlaflos in Paris | BR24

© Bayern2

Cédric Klapisch erzählt gern von jungen Leuten auf der Suche nach sich selbst. Diesmal von zwei 30-Jährigen, denen die Entscheidungslast ihres Alters den Schlaf raubt. Sein atmosphärischer Film stellt auch die Frage: Kann man sich digital verlieben?

Per Mail sharen
Teilen
  • Artikel mit Audio-Inhalten

Klapischs "Einsam Zweisam": Jung, frei – und schlaflos in Paris

Cédric Klapisch erzählt gern von jungen Leuten auf der Suche nach sich selbst. Diesmal von zwei 30-Jährigen, denen die Entscheidungslast ihres Alters den Schlaf raubt. Sein atmosphärischer Film stellt auch die Frage: Kann man sich digital verlieben?

Per Mail sharen
Teilen

Schon klar – 30, das ist ein prima Alter. Alle Chancen stehen einem da offen, jeder Weg ist noch denkbar, alles hat allein man selbst in der Hand. Und wenn die 30-Jährigen zu allem Überfluss noch in einer Stadt wie Paris leben, so wie Rémy und Mélanie es tun, dann lässt sich endgültig nicht mehr erklären, warum sie nicht ablassen vom Zaudern und eine der endlosen Glücksoptionen ergreifen. Die beiden wissen um ihr formidables Alter, ihre überhaupt glückliche Lage in dieser Welt, und doch oder gerade deshalb finden sie keinen Schlaf.

Kann man sich in ein Bild oder eine Nachricht verlieben?

Regisseur Cédric Klapisch, selbst fast doppelt so alt wie seine Protagonisten, könnte sich nun über sie erheben. Aber das Wunderbare an seinem Film ist, dass er das nicht tut und den schlaflosen 30-Jährigen mit freundlich-fragendem Blick folgt: in die Arbeit, die sie immer auch mit ins Bett nehmen, zurück ins Elternhaus, in dem sich Zuneigung und Zorn mittlerweile überlagern, oder auf Datingportale. Mélanie wischt dort einen Mann nach dem nächsten weg und nimmt doch deren Gesichter mit in wirre, wenig erholsame Träume.

"Du kannst menschliche Kommunikation nicht vergleichen mit dem Vorgang, eine Pizza oder Sushi zu bestellen", sagt Cédric Klapisch. "Die Geste ist dieselbe: Du klickst auf etwas. Aber alles andere ist grundverschieden: Was du von jemandem wissen musst, um dich zu verlieben zum Beispiel. Und darüber denke ich im Film nach: Wie komplex Beziehungen sind, und dass es nicht ausreicht, wenn du ein Bild, eine Nachricht von jemandem magst. Du kommst nicht umhin, ihn zu treffen, ein Gefühl für ihn zu kriegen, ihn zu berühren, zu riechen."

© STUDIOCANAL / Emmanuelle Jacobson-Roques

Ein echtes Gespräch: Rémy im Laden an der Ecke

Leben und schlafen: analog und digital

Cédric Klapisch spielt nicht den einen gegen den anderen Raum aus, er zeichnet kein nostalgisches Bild der alten, schönen analogen Welt, um die digitale und vermeintlich kalte davon abzusetzen. Er beobachtet schlicht, was seine Protagonisten hier wie dort suchen und wie beide Räume ihr Leben und Schlafen beeinflussen. Um das zu tun, zoomt er in eine Pariser Nachbarschaft: Rémy und Mélanie wohnen hier Tür an Tür, vieles verbindet die zwei und eigentlich könnten sie sich auch jeden Tag im Laden um die Ecke begegnen.

Beide gehen hier ein und aus, kaufen ein, was sie anderswo schneller und günstiger erstehen könnten. Aber, und das scheint das Kostbare an diesem Ort zu sein, der Verkäufer bietet im Gegenzug für allzu teure Oliven ein Gespräch. Das Gefühl, zu Hause zu sein, ist für Regisseur Cédric Klapisch wichtig: "Es gibt ein neues Wort im Französischen, um zu sagen, dass du in einem Bioladen lokale Produkte kaufst. Und ich glaube, diese Vorstellung, dass es besser ist, wenn Produkte nicht weit reisen, bedeutet im Sozialen: Vertrau dem, der neben dir ist. Ich glaube, dass die Nachbarschaft deshalb so wichtig wird – wenn du viel Zeit online verbringst und mit dem Rest der Welt kommunizierst, dann ist es wichtig, nicht zu vergessen, wer nebenan wohnt."

Feines Gespür für Stimmungen

Was diesen Film ausmacht, ist das feine Gespür für die Stimmungen seiner Figuren: Wenn Mélanie zum Beispiel unausgeschlafen durchs charmante Paris taumelt und die Kamera gleich mit, oder wenn Rémys Familie wieder einmal die Sprachlosigkeit befällt, als der versucht, das eigene Unglück in Worte zu fassen. Klapisch zeigt diese Stimmungen schon in den Wohnräumen seiner Figuren, die sorgsam gestaltet sind und von Beengtheit, Farblosigkeit oder Lebensfreude erzählen. Er schickt seine Figuren aber auch in die richtigen Winkel von Paris, um ihre Gefühle in der Stadtkulisse zu spiegeln oder zu konterkarieren. Kurz: Er kennt, so scheint es, die Stimmungen seiner Figuren sehr genau, und es gelingt ihm, mit seiner Inszenierung auch den Zuschauer mitschwingen zu lassen – mit diesen beiden 30-Jährigen auf der Suche nach kurzen Momenten der Resonanz.

Verpassen war gestern, der BR Kultur-Newsletter ist heute: Einmal die Woche mit Kultur-Sendungen und -Podcasts, aktuellen Debatten und großen Kulturdokumentationen. Hier geht's zur Anmeldung!