BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite

NEU

Eingefordert, hinterfragt, abgeschafft? Solidarität und Corona | BR24

© BR/Wawatschek, Veronika

In der Anfangszeit der Corona-Krise schwappte eine Welle der Solidarität durchs Land. Aber was wurde aus dem großen Wir-Gefühl? Und konnten es wirklich alle teilen? Veronika Wawatschek mit kritischen Beobachtungen zu falscher und echter Solidarität.

Per Mail sharen
  • Artikel mit Audio-Inhalten

Eingefordert, hinterfragt, abgeschafft? Solidarität und Corona

In der Corona-Anfangszeit schwappte eine Welle der Solidarität durchs Land. Diese war sogar empirisch messbar und rief eine Vielzahl lokaler Initiativen ins Leben. Aber was wurde aus dem großen Wir-Gefühl? Und konnten es wirklich alle teilen?

Per Mail sharen

Berlin, Ende August 2020. Zehntausende Menschen gehen gegen die Corona-Maßnahmen auf die Straße. In den Medien landen vor allem die Bilder, als es zur Eskalation vor dem Reichstag kommt. Die Gesellschaft sei so gespalten wie lange nicht, sagt Walter Plassmann. Als Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung in Hamburg hat er vor kurzem Kritik dafür eingesteckt, dass er sich öffentlich für weniger Panikmache in Sachen Corona und für einen moderateren Kommunikationsstil seitens mancher Politiker stark machte.

Zwei gesellschaftliche Lager stehen sich unversöhnlich gegenüber

"Wir haben zwei Lager in der Gesellschaft, die auch kaum noch miteinander kommunizieren, auch gar nicht mehr miteinander kommunizieren wollen", so Plassmanns Beobachtung. "Das sind die einen, die die Regeln akribischst einhalten wollen und jeden zur Ordnung rufen, der das in ihren Augen nicht richtig tut. Und wir haben auf der anderen Seite Menschen, die sagen, das ist eine totale Erfindung und dieser Staat ist sowieso nicht mehr zu unterstützen und wir können ihn gleich mit entsorgen. Und diese beiden Lager, die stehen sich absolut unversöhnlich gegenüber und können gar nicht miteinander reden und so stark polarisiert waren wir eigentlich in unserer Gesellschaft selten."

Soziale Medien beschleunigen den Verschleiß der Solidarität

Ganz so schwarz sieht Dennis Snower die Situation in Deutschland derzeit noch nicht. Als Präsident der Global Solutions Initiative berät der Professor für Makroökonomie die G20 Staaten. Dass die Bereitschaft, solidarisch zu sein, nachlasse, sei nicht verwunderlich, meint er: "Nachdem längere Zeit vergangen ist, wird man zum Teil müde, zum Teil sieht man, dass andere nicht so eine Bereitschaft haben. Dass sich die Gesellschaft dann spaltet, besonders weil die sozialen Medien einen sehr schnellen Zugang geben zu Leuten, die so ähnlich denken wie wir, dafür besteht dann am Ende eine sehr große Wahrscheinlichkeit. Das Gefühl des Zusammenhalts geht dann verloren."

Bertelsmann-Stiftung: Zusammenhalt zu Pandemie-Beginn groß

Ein Gefühl, das ähnlich wie im Flüchtlingsherbst 2015, in den ersten Pandemiemonaten sehr groß gewesen sei, so Dennis Snower: "Es ist klar: Am Anfang ist die Bereitschaft groß, weil man sieht, dass man ein gemeinsames Bestreben hat durch die Krise durchzukommen." Zusammenhalten war das Gebot der Stunde und das ließ sich auch wissenschaftlich feststellen. So lautete der Tenor einer repräsentativen Befragung der Bertelsmann-Stiftung: Der gesellschaftliche Zusammenhalt in Deutschland hat sich in der Corona-Krise als robust erwiesen und ist in den ersten Monaten nach Ausbruch der Pandemie sogar noch gewachsen. Der Anteil der Menschen, die den gesellschaftlichen Zusammenhalt als gefährdet sahen, sank demnach von 46 Prozent im Februar auf 36 Prozent im Juni. Und während im Februar noch vier von zehn Befragten fanden, dass sich die Menschen in Deutschland zu wenig um ihre Mitmenschen kümmern würden, waren es im Juni nur noch Zwei von Zehn, die so dachten.

Statt gemeinsam Durchkommen ist nun Durchhalten gefragt

Beigetragen zu dieser Wahrnehmung hat nach Auffassung von Michael Kosfeld sicherlich die Berichterstattung über die vielen Initiativen, Ideen und Projekte, mit denen der Zusammenhalt spürbar wurde. Als Wirtschaftsprofessor an der Goethe-Universität Frankfurt erforscht Kosfeld unter anderem, wie sich etwa die soziale Interaktion oder eingeschränkt-rationales menschliches Verhalten auf die Wirtschaft auswirkt. "Was wir jetzt sehen, bestätigt eigentlich das, was ich relativ früh vermutet habe: Diese Krise, in der wir uns befinden, ist ja kein Kurzstreckenlauf, sondern ein Marathon. Und diese Anfangseffekte, die viele wahrgenommen haben, wahrscheinlich in ihrem eigenen Umfeld eines Anstiegs des Miteinanders haben aus meiner Sicht sehr viel damit zu tun, dass zu Beginn wirklich alle im selben Boot waren."

Studien zeigen: Nicht alle erleben das große Wir-Gefühl

Möglicherweise waren das aber auch nur die Bilder, die medial dominierten? Die erlebte Solidarität ist jedenfalls nur die eine Seite der Medaille. Die Bertelsmann-Untersuchung stellte auch einen Punkt fest, der in der Berichterstattung weitgehend unterging: Es gibt soziale Gruppen, die den gesellschaftlichen Zusammenhalt systematisch als geringer erleben. Und das sind gar nicht mal so wenige: Rund 43 Prozent aller Befragten weisen mit Werten von weniger als 60 Punkten unterdurchschnittliche Ergebnisse auf. In dieser Gruppe sind Menschen mit geringerer formaler Bildung, niedrigem ökonomischem Status und Migrationshintergrund häufiger vertreten. Ebenso finden sich darunter vergleichsweise viele Personen, die allein leben oder Alleinerziehende sind.

Wer vorher schon am Rand stand, wird noch mehr marginalisiert

Kurz zusammengefasst erleben vier von zehn Menschen diesen Zusammenhalt weniger stark als der Durchschnitt und das nicht ohne Grund: Denn diese vier Menschen haben alle persönliche Geschichten, die sie jetzt in Krisenzeiten einholen: Da ist der Familienvater mit Migrationshintergrund, der sich gerade nicht nur darum sorgt, ob seine Kinder dem Schulstoff folgen können, sondern auch um das wirtschaftliche Überleben seiner Familie, weil das Lokal, in dem er arbeitet, die Krise vielleicht nicht überleben wird. Da ist der alleinstehende Mittfünfziger, der schon in Nicht-Krisenzeiten wenig soziale Kontakte hat. Über Wochen saß er zu Hause. Allein. Die Ängste und Sorgen, die er sich vorher schon gemacht hat, sind nicht geringer geworden. Da ist die Alleinerziehende, die in den Monaten der Notbetreuung nicht nur Mutter, Erwerbsarbeiterin und Hausfrau, sondern auch noch Erzieherin und Lehrerin wurde. Und da ist die Familie mit dem Kind mit Behinderung, die schon in Nicht-Krisenzeiten oft das Gefühl hat, nicht Teil dieser Gesellschaft zu sein. Jetzt hat sie einmal mehr erlebt: Freunde und Verwandte sorgen sich zunächst hauptsächlich um die eigenen Bedürfnisse. 

Vertrauen auf die Solidarität anderer ist schnell verspielt

Gruppen und Einzelpersonen, die vorher schon am Rand standen, stehen es also in Krisenzeiten noch mehr. Corona lasse wie unter einem Brennglas bereits bestehende soziale Verwerfungen deutlicher zum Vorschein kommen, schlussfolgert die Bertelsmann-Stiftung. Droht da also eine weitere Spaltung, die gesellschaftlichen Zündstoff birgt? Vertrauen, ob in Medien oder politische Institutionen, sei jedenfalls schnell verloren, aber schwer zurückzugewinnen, sagt der Verhaltensökonom Michael Kosfeld von der Universität Frankfurt: "Ich verliere Vertrauen. Das geht schnell und ist asymmetrisch: Es braucht lange, um wieder aufgebaut zu werden. Letztendlich basiert Vertrauen auf positiven Erfahrungen, die bestätigt werden. Das ist im Kern ja etwas, was Vertrauen ausmacht. Und es ist schon kritische Vorleistung: Ich muss etwas investieren, einen riskanten ersten Schritt tun. Und wenn mich etwas in diesen Erwartungen regelmäßig oder auch sehr überraschend oder sehr stark mal verletzt, dann fange ich an zu zweifeln."

Abgehängte integrieren und so Vertrauen wieder aufbauen

Vertrauen zurückgewinnen lässt sich Kosfeld zufolge nur, indem die Gegenseite in Vorleistung gehe, etwa durch Transparenz, wenn Medien beispielsweise ihre eigene Rolle in der Berichterstattung kritisch hinterfragen. Dem stimmt auch der Makroökonom Dennis Snower zu: Zwar dürfe das Verhalten der Menschen in der Pandemie nicht allein vom Vertrauen auf Institutionen abhängen. Schließlich werde nicht jedes Gesetz, etwa das Anschnallen im Auto, von den Bürgern hinterfragt. Umgekehrt seien ohne Vertrauen aber auch alle Gesetze machtlos. In der Pandemie seien soziale Klüfte verschärft worden und Menschen, die bereits am Rand standen, noch mehr abgehängt worden, bestätigt auch der G20-Berater Snower und will dennoch keinen Pessimismus verbreiten: "Das bedeutet noch lange nicht, dass wir machtlos sind. Wir können mit diesen Problemen umgehen, indem wir einfach schauen, dass wir diesen abgehängten Gruppen besonders gute Möglichkeiten geben, sich in den Arbeitsmarkt einzubinden, Bildung und Ausbildung zu bekommen."

Solidarität als kollektive Lernerfahrung der Gesellschaft

Ist das vielleicht der Zusammenhalt und die Solidarität, die sich als kollektive Lernerfahrung aus der Pandemie verfestigen sollte? Ist es vielleicht nicht die Anzahl der aus Solidarität zu Hause verbrachten Stunden, die Anzahl der Balkongesänge und die Anzahl der spontanen Einkaufshilfen, Zoom-Tutorials oder die Anzahl der für einen begrenzten Zeitraum ins Altersheim geschickten Postkarten, die sich langfristig gesellschaftlich auszahlen? Und heißt gesellschaftlicher Zusammenhalt vielleicht vielmehr Teilhabe für diejenigen am Rand? Vielleicht bedeutet Solidarität, dass der Familienvater mit Migrationshintergrund in die Rentenkasse einzahlen kann. Dass seine Kinder eine Schule besuchen können. Dass Alleinstehende nicht aus Einsamkeit depressiv und letztlich arbeitsunfähig werden. Dass Alleinerziehende nicht über dem Alleinsein, der Überforderung und zu viel Verantwortung verzweifeln. Oder dass das Kind mit Behinderung und seine Familie auch in Pandemiezeiten das Gefühl haben, teilhaben zu können an dieser Gesellschaft.

Newsletter abonnieren

Interessieren Sie sich für Themen aus Religion, Kirche, Glaube und Spiritualität. Unser Newsletter hält sie auf dem Laufenden - jeden Freitag frei Haus. Hier geht's zum Abo.