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Einer aus dem schwarz-weißen Lager: Zum Tod von Gernot Roll | BR24

© Audio: BR | Bild: BR

Edgar Reitz, Helmut Dietl, Charlotte Link: Der Kameramann Gernot Roll hat mit vielen bekannten Regisseuren gearbeitet. Er führte auch selbst Regie bei zahlreichen Filmen. Jetzt ist er mit 81 Jahren gestorben.

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Einer aus dem schwarz-weißen Lager: Zum Tod von Gernot Roll

Er war "Bildgestalter" bei den "Heimat"-Chroniken von Edgar Reitz, arbeitete mit Helmut Dietl bei "Rossini" zusammen. Als Regisseur war Gernot Roll für Komödien wie "Männersache" bekannt. Jetzt ist er mit 81 Jahren gestorben.

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"Making of Heimat" heißt ein Dokumentarfilm, in dem man Gernot Roll bei der Arbeit zusehen kann. Zu seinen wichtigsten Werken zählen die Filmreihen "Heimat – Eine deutsche Chronik" und "Die zweite Heimat – Chronik einer Jugend" von Edgar Reitz. Zusammen mit dem Regisseur ersetzte Gernot Roll dort das Wort "Kameramann" durch den Begriff "Bildgestalter". So steht es auch im Abspann der Filme, vollkommen zurecht.

Es lohnt sich, die Aufnahmen noch einmal an sich vorüberziehen zu lassen. Man sieht sofort, wie präzise und atmosphärisch dicht Roll die Szenen über das Leben im fiktiven Hunsrück-Dorf Schabbach von 1919 bis heute komponiert hat. Wie stimmungsvoll er auch die schwarz-weiß Passagen umsetzte. Völlig zutreffend bemerkte er in einem Interview: "Ich glaube, in Deutschland gibt's keinen, der so viele Schwarzweißfilme gemacht hat wie ich. Ich stamme doch aus dem schwarz-weiß Lager – ohne dass ich ein besonderer Fan von Schwarz-Weiß bin. Das kann ich genauso akzeptieren wie einen gut fotografierten Farbfilm."

Inszenierungen mit Kerzenlicht

Der 1939 in Dresden geborene Gernot Roll absolvierte seine Ausbildung in den DEFA Studios in Babelsberg, von 1953 bis 1956. Ein Jahr vor dem Mauerbau siedelte er aus der DDR in die Bundesrepublik Deutschland über und ging 1961 zur Bavaria Film nach München. Dort arbeitete er an über 100 Produktionen mit, darunter auch viele große Fernsehserien. Bei Kinofilmen wie Sönke Wortmanns Komödie "Der bewegte Mann" stand Roll ebenso hinter der Kamera wie bei Caroline Links "Jenseits der Stille" oder bei Helmut Dietls "Rossini".

Ungemein fließend wirkt dort seine Kamera und das Licht ist außergewöhnlich. Bis zu 900 Kerzen wurden für manche Szenen angezündet – seit Mitte der 70er Jahre habe er immer wieder mit Kerzenlicht herumexperimentiert: "Ich habe dann 1977 den ersten großen Film mit viel Kerzenlicht gemacht: die "Wallenstein"-Verfilmung. Ohne dass wir uns nur auf das Kerzenlicht verlassen haben, weil das langweilig ist. Es macht keine schönen Bilder, das ist nur so zum Filmen. Man muss künstliches Licht dazu addieren, um ein Kerzenlicht selbst zur künstlerischen Aussage zu bekommen."

© BR

Gernot Roll (r) mit Regisseur Joseph Vilsmaier (l)

Gernot Roll hat seine ersten Filme Ende der 60er gedreht. Rund 50 Jahre lang fand und erfand er die Bilder für Geschichten, die über das Leben in Deutschland erzählten. Von "Die Buddenbrooks" über "Brecht" bis zur Comicfigur "Werner – Eiskalt!". Roll stammte aus einer Zeit, in der noch nicht digital, sondern mit Filmmaterial gedreht wurde.

Über die Jahre erarbeitete er sich einen besonderen Ruf als einer, der zwar eine klassische Ausbildung besaß, sich aber nie auf einen Spruch wie "Früher war alles besser!" versteifen wollte: "Also ich bin ein ganz überzeugter, digitaler Kameramann geworden. Ich habe mich 2008 dazu entschlossen, mal einen Test zu drehen und habe dann versucht, die Regina Ziegler und vor allen Dingen den Jo Baier als Regisseur zu überzeugen, den "Henri IV", diesen großen, historischen Film digital zu drehen. Wo jeder früher immer gesagt hat, ihr habt wohl einen Vogel! Einen historischen Film auf Video! Nein, wir haben ihn digital gedreht. Und da waren viele Momente, die dazu geführt haben, dass die Ergebnisse mit Sicherheit besser waren, als wenn wir es auf Film gedreht hätten. Seitdem habe ich dann gesagt: Nie wieder auf Film! Dabei ist es auch geblieben."

© BR Bild / Ralf Wilschewski

Der Vater Kameramann, der Sohn Schauspieler: Michael (l) und Gernot Roll (r) beim Bayerischen Filmpreis 2010

Gernot Roll war als Typ einer, der lieber machte und ausprobierte, statt viele Worte darüber zu verlieren. Er arbeitete pragmatisch, wirkte bodenständig und sah sich nicht als Künstler, sondern als Handwerker. Für seine höchst kreative Arbeit an den Heimat-Chroniken wurde er als einer der besten Bildgestalter im Land 2014 mit dem Ehrenpreis beim Bayerischen Filmpreis ausgezeichnet. Für Gernot Roll war das tatsächlich eine Ehrung, die ihn tief im Herzen berührte: "Ja, das ist unglaublich. Ich habe nie damit gerechnet. Deswegen bin ich so überrascht und bin so glücklich darüber. Für mich ist das der interessanteste Preis von allen deutschen Filmpreisen."

Gernot Roll ist heute Morgen nach schwerer Krankheit friedlich im Kreise seiner Familie verstorben. Er wurde 81 Jahre alt.

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