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Eine Vision für Frieden in Israel - die "Republik Haifa" | BR24

© Audio: Bayern 2 / Bild: picture alliance / Bildagentur-online/Schöning

"Israel – eine Utopie": Der israelische Philosoph Omri Boehm hat ein Buch über eine demokratische Föderation für Juden und Palästinenser geschrieben.

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Eine Vision für Frieden in Israel - die "Republik Haifa"

Die Nervosität wächst: Annektiert Israel Teile des Westjordanlandes? Geht der Kampf um Land also weiter? Der israelische Philosoph Omri Boehm entwirft in seinem Buch "Israel – eine Utopie" eine andere Perspektive für den Nahost-Konflikt.

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Die Utopie, die Omri Boehm in seinem aktuell so brisanten Buch beschreibt, ist eine demokratische Föderation unter dem Dach einer gemeinsamen Verfassung für Juden und Palästinenser. "Die Idee besteht darin, zwei untergeordnete Staaten zu schaffen, ähnlich wie die Bundesländer in Deutschland", erklärt der in New York lehrende Philosoph im Gespräch mit dem BR.

"In jedem der beiden Staaten können die Palästinenser und die Juden ihre nationale Selbstbestimmung verwirklichen. Aber sie sind vereint durch eine gemeinsame Verfassung, die weder jüdisch noch palästinensisch ist, sondern demokratisch. Eine Verfassung, die sicherstellt, dass sich alle auf dem gesamten Gebiet frei bewegen können, alle wirtschaftlichen Rechte besitzen und dass sich Palästinenser und Juden auf dem ganzen Gebiet niederlassen können." Omri Boehm, israelischer Philosoph

Boehms Vision ankert in früheren zionistischen Konzepten

Boehm verankert diese Idee in der Geschichte des Zionismus und bezieht sich dabei vor allem auf den Plan des israelischen Ministerpräsidenten Menachem Begin aus dem Jahr 1977, der die Selbstbestimmung der Palästinenser vorsah. Omri Boehm meint, die von ihm vorgeschlagene Trennung in zwei Bundesländer schütze die Rechte der verschiedenen Bevölkerungsgruppen und ermögliche auch die Rückkehr der palästinensischen Flüchtlinge.

Dabei geht Boehm – anders als etwa Deutschland und die EU – davon aus, dass die Möglichkeit einer Zweistaatenlösung, wie sie Anfang der 1990er-Jahre im Friedensprozess von Oslo eingeleitet wurde, längst unter der Last der Fakten zusammengebrochen ist. Zum anderen – so argumentiert er – könne ein jüdischer Staat in letzter Konsequenz keine liberale Demokratie sein, weil die Zugehörigkeit zum jüdischen Volk durch Geburt festgelegt ist.

Auf die Frage, wer der Souverän, das Volk ist, könne die einzige Antwort eines liberalen demokratischen Staates nur sein, dass das Volk aus allen Bürgern bestehe. "Israel als ein Staat, der die Souveränität des jüdischen Volkes geltend macht, widerspricht dieser Idee, dass das souveräne Volk aus allen Bürgern besteht. Muslime gehören nicht zu dem souveränen jüdischen Volk, Christen auch nicht."

Haifa, Boehms Heimat und gelebte Utopie

Omri Boehm nennt sein Modell "Republik Haifa". In Haifa, der kleinen Hafenstadt nahe Tel Aviv, sieht er die Möglichkeit eines friedlichen Zusammenlebens von Juden und Arabern. "In Haifa findet man Krankenhäuser, in denen arabische und jüdische Ärzte tatsächlich zusammen arbeiten. In den Krankenhäusern liegen jüdische und arabische Patienten Bett an Bett, weil Haifa das Zentrum von Galiläa ist, wo noch immer viele arabische Israelis leben. In der Universität von Haifa lernen Studenten unterschiedlicher Herkunft. Und in den Cafés von Haifa treffen sich jüdische und arabische Nachbarn regelmäßig und trinken ihren Kaffee. Natürlich habe Haifa auch viele Probleme, aber die Tatsache, dass diese Kultur bereits unter extrem feindlichen Bedingungen existiert, zeige das große Potenzial, das ein Zusammenleben haben könnte.

Omri Boehm, dieser liberale Intellektuelle mit großer Liebe für zugespitzte Thesen, wurde 1979 in Haifa geboren und wuchs in der Gemeinschaftssiedlung Gilon in Galiläa auf. In seiner Biografie spiegeln sich die komplexen Verhältnisse Israels wider. Seine Eltern sind Sozialarbeiter, seine Mutter promovierte über Post-Traumatic Growth, also über die Fähigkeit einer Gemeinschaft, nach dem Trauma eines Krieges neue Widerstandskraft zu entwickeln. Sein Vater, ein Reserveoffizier der israelischen Armee, stammt aus einer säkularen Familie und beschäftigt sich privat mit dem Buddhismus. Seine Militärzeit leistete Omri Boehm beim israelischen Geheimdienst Shin Bet ab. Danach zog ihn die Liebe zu Kant nach Heidelberg, und in der Tradition der Kantischen Aufklärung steht auch sein Buch "Israel – eine Utopie."

© picture alliance / AA

Israelische Soldaten intervenieren bei den Protesten in Jericho gegen die geplante Annexion der Westbank

Neue Allianzen möglich

Die von Netanjahu angekündigte und von Trump unterstützte Annexion von Teilen des Westjordanlands hätte Boehm nach zwei Konsequenzen. Zum einen würde sie zu einer weiteren Vertreibung der Palästinenser führen. "Sie werden sich auf einmal auf israelischem Staatsgebiet befinden, aber nicht alle sind als legale Bewohner anerkannt. Im Moment leben sie in den besetzten Gebieten und selbst wenn ihre Gemeinden nicht von Israel anerkannt sind, hat Israel nicht die Macht, sie zu vertreiben. Wenn die besetzten Gebiete annektiert werden, dann geht es nicht nur um die Logik der Apartheid, sondern wir werden es mit Vertreibungen zu tun haben."

Zum anderen aber, so glaubt Omri Boehm, könne eine solche Politik die Opposition in Israel stärken. Denn möglicherweise bildet sich eine Allianz von liberalen Zionisten, die den Traum der Zweistaatenlösung aufgegeben haben, rechten, aber liberalen Juden, die für ein Land stehen und den arabischen Israelis, die wählen dürfen und im Parlament derzeit die stärkste Kraft gegen die Regierung Netanjahu bilden.

Mit einer starken Opposition, glaubt Omri Boehm, könnte sein Entwurf einer binationalen Föderation eine Chance bekommen. Sein leidenschaftliches Buch ist eine Herausforderung zur Diskussion. Es beginnt mit einem Weckruf an die deutschen Intellektuellen, ihr vorsichtiges Schweigen gegenüber der momentanen Politik Israels aufzugeben. "Sagt, was ihr denkt", schreibt Boehm, "kritisiert und lasst Euch kritisieren".

"Israel –eine Utopie" von Omri Boehm ist, übersetzt von Michael Adrian, bei Propyläen /Ullstein erschienen.

© Ullstein/ Montage BR

"Israel –eine Utopie" von Omri Boehm, Cover

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