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Eine traurige Geschichte! Aber keine, die traurig macht. | BR24

© Audio: BR; Bild: picture alliance/Jan Woitas

Arthur ist 22, als er wieder aus dem Gefängnis entlassen wird. Birgit Birnbacher schreibt mit viel Freundlichkeit über seinen Lebensweg.

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Eine traurige Geschichte! Aber keine, die traurig macht.

Empathisch, so wurde Birgit Birnbacher oft genannt, als sie 2019 den Bachmannpreis gewann. Ihr soziologisches Interesse, ihre besondere Beobachtungsgabe fielen damals auf –und beides zeigt sich auch in ihrem Roman über den Ex-Häftling Arthur.

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"Da ist es wieder, dieses Licht. Im Zug von St. Pölten nach Wien ist es frühmorgens durch die Scheiben gefallen, auf alle anderen, auf Arthur." So beginnt Birgit Birnbacher über Arthur zu erzählen, einen Mann, der 26 Monate im Gefängnis hinter sich hat und nun "resozialisiert" werden soll – so zumindest heißt das in der Behördensprache. Der Roman buchstabiert aus, was die Bürokratie verschweigt: Er lässt den Leser spüren, welchen Platz die Gesellschaft einem wie Arthur zuweist, und er tut das – das zeigt schon der erste Satz – mit denkbar schlichten Mitteln. Das Licht fällt, schreibt Birnbacher, "auf alle anderen, auf Arthur". Eigentlich steht doch nur ein Komma zwischen Arthur und den anderen, aber der Leser merkt gleich, dass dieses Satzzeichen für eine Kluft zwischen ihm und den anderen steht, die vor allem Arthurs Seite trifft.

Soziale Arbeit: der zweite Beruf neben der Schriftstellerei

Immer wieder fallen solche Sätze in diesem, für den Deutschen Buchpreis nominierten Roman, einfache Sätze, die einen kalt erwischen. Einmal zum Beispiel, da besucht Arthur wieder einmal irgendein Amt, schreibt Birnbacher: "Oft genug ist er nun schon auf dieser Seite der Tische herumgesessen, auf der Seite, die sich erst mal erklären muss." Ein Relativsatz reicht der Autorin, um dem Leser ein Gefühl dafür zu geben, wie unangenehm das Leben auf dieser Seite des Tisches sein muss. Vielleicht macht einem die Direktheit des Satzes sogar zum ersten Mal die eigene Position ganz bewusst und auch: Wie unbekannt das Gefühl auf der anderen Seite ist.

Empathisch wird die Autorin wegen solcher Sätze gern genannt, und das ist nicht falsch: Birgit Birnbacher hat ein besonderes Gespür für Situationen, in denen die Gesellschaft entscheidet, wem sie welchen Platz zuweist. Mehr noch: Sie kennt die Situationen – Soziale Arbeit war immer der zweite Beruf neben der Schriftstellerei. Gespräche auf Ämtern, der Versuch, das eigene Leben nicht ganz so arm aussehen zu lassen – all das ist ihr nicht fremd. Für diesen Roman hat Birnbacher außerdem jahrelang mit einem Mann gesprochen und Briefe gewechselt, den das Gesetz – wie Arthur – einen Betrüger nennt und der gerade erst seine Haft verbüßt hat.

© Bogenberger Autorenfotos

Die Autorin: Birgit Birnbacher

Auf diesen Mann verweist sie auch, fragt man sie, ob sie eigentlich etwas anfangen könne mit dem Etikett "empathische Autorin". Sie denke daran, erzählt Birnbacher im Gespräch, wie sie anfangs vor ihrer Hauptfigur gesessen sei, vor dem echten Menschen also, und wie sie ihm erklärt habe, was sie von ihm möchte und was sie überhaupt so mache: "Und wie er mich da angeschaut hat, das war schon sehr bezeichnend, weil er sich natürlich gedacht hat – das wurde so nie ausgesprochen, aber aus meiner Sicht hat er sich natürlich gedacht: Die spinnt, das ist doch kein Beruf, was die macht! Und er war sich natürlich auch sicher, das wird nie was mit diesem Text. Aber er hat sich die Zeit genommen und mit mir gesprochen – also insofern war er ja auch mir gegenüber sehr empathisch und hat mich einfach leben lassen in meinem Vorhaben – obwohl er sich wahrscheinlich gedacht hat: Oh man."

Ein Leben ist keine in sich schlüssige Geschichte

Vielleicht beschreibt das tatsächlich am Besten, was den "empathischen Blick" der Autorin ausmacht: Birnbacher ist ihrem Protagonisten zugewandt, sie lässt ihn aber auch einfach sein, belastet ihn und den Roman nicht mit dem Anspruch, einen Menschen lückenlos verstehen zu wollen. Die Form dieses Romans, ein Springen vor und zurück in der Biografie, lässt den Leser erst vermuten, er lese hier eine Art Psychogramm, das erklärt, wie aus Arthur ein Gefangener der JVA Gerlitz werden konnte. Ein Kind, "das man gar nicht spürt", war Arthur, verrät uns die Autorin. Ein Kind, das nicht stört, das stillhält, weil die Mutter eine zusätzliche Last schlicht nicht ertragen würde. Der Leser springt auf solche Beschreibungen an, will darin Erklärungen des weiteren Lebenswegs erkennen. Nur sperrt sich der Text: Ein Leben, weiß der, ist keine in sich schlüssige Geschichte, ein Schritt folgt nicht immer logisch auf den anderen. Manches passiert einfach.

Es liegt viel Trauriges in dieser Geschichte und die Traurigkeit trifft den Leser unvermittelt. Gar nicht unbedingt in den harten Szenen der Gewalt, der Schutzlosigkeit im Gefängnis, aber sicher in den stillen Passagen. Wenn Arthur das Leben vorkommt wie eine einzige Übung im Sich-Zusammenreißen. Oder wenn er wieder einmal losrennt, einfach nur rennt, weil er nicht weiß, wie er sich sonst davon überzeugen soll, dass er es jetzt nicht mehr hinnimmt. Was "es" ist – der leere Kühlschrank, das Pech, die eigene Unsicherheit oder das Leben im Ganzen? Das bleibt ungesagt. Aber Birgit Birnbacher bleibt nicht bei der Traurigkeit stehen: Der Lebensweg mache sie nicht so traurig, sagt sie: "Jeder Versuch gegen die Vereinfachung – und das ist dieser Text für mich – ist eigentlich ein Voran-Arbeiten, dass alles irgendwie weitergeht. Und solange es das gibt, solange es auch andere gibt, die bereit sind, einen Menschen doch auch noch einmal ein bisschen genauer anzuschauen als nur als einen, der nicht mehr seine Leistung bringt für diese Gesellschaft, ist eigentlich ein tröstlicher Schritt."

© © Zsolnay / Montage BR

Cover Birgit Birnbacher: Ich an meiner Seite

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