BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite
© BR
Bildrechte: MIZAFO/Neuköllner Oper Berlin

Polit-Duell irgendwo in der bayerisch-sächsischen Provinz zwischen Grün-Schwarz und der AfD: Im neuen Musical an der Neuköllner Oper in Berlin kämpfen zwei Frauen um die Macht, und zwar mit allen Mitteln - auch mit Alkopops und deutschem Schlager.

Per Mail sharen
  • Artikel mit Audio-Inhalten

"Eine Stimme für Deutschland": So böse ist das Wahlkampf-Musical

Polit-Duell irgendwo in der bayerisch-sächsischen Provinz zwischen Grün-Schwarz und der AfD: Im neuen Musical an der Neuköllner Oper in Berlin kämpfen zwei Frauen um die Macht, und zwar mit allen Mitteln - auch mit Alkopops und deutschem Schlager.

Per Mail sharen
Von
  • Peter Jungblut

Das ist schon ein ziemlich starker Satz, jedenfalls einer, der hängen bleibt an diesem Abend in der Neuköllner Oper in Berlin: "An die Sache glauben nur Leute in der zweiten Reihe", sagt die rechtsnationale Politikerin zu ihrer emsigen Wahlkampfleiterin. Mit anderen Worten: Die Spitzenleute sind demnach immer Heuchler, Taktiker, Opportunisten - und mit etwas Ironie ließe sich behaupten: Wenn die anfangen, an sich selbst und ihre Sache zu glauben, dann wird es entweder gefährlich oder lächerlich. Texter Peter Lund und Komponist Thomas Zaufke haben schon viele Musicals zu aktuellen gesellschaftspolitischen Themen geschaffen - ein Wahlkampf-Drama war noch nicht darunter.

"Schon ein recht böser Ansatz"

Auch "Eine Stimme für Deutschland" dreht sich eigentlich weniger um Politiker, als um die Wähler und deren Erwartungen, Sehnsüchte und teils sehr widersprüchlichen Wertvorstellungen. Peter Lund: "Es ist ja unglaublich erwartbar, was Politiker sagen. Grundsätzlich haben wir hier den Weg gewählt, dass das alles Theater ist. Wir behaupten nicht eine Minute, dass jemand auf der Bühne inhaltlich hinter dem steht, was er sagt. Das ist schon ein recht böser Ansatz. Den will ich nicht für jeden Politiker unterstreichen, aber wir haben es ja vor allem auch auf alle Parteien gleich verteilt. Also eigentlich geht unser Stück nicht um die Inhalte der Politik, sondern darum, dass uns die AfD, die Rechte, unglaublich aufgestachelt hat in der Sprache, im Hass, und dass wir anfangen, das zu übernehmen, um uns zu verwahren, um uns zu wehren."

© MIZAFO/Neuköllner Oper Berlin
Bildrechte: MIZAFO/Neuköllner Oper Berlin

Am Telefon: Wer wird gewinnen?

Lund lässt eine grüne und eine rechte Kandidatin irgendwo in der Provinz gegeneinander antreten, und schnell wird klar: Beide sind keine Sympathieträgerinnen. Die Grüne ist chronisch gestresst, kauft Billigklamotten aus der Dritten Welt, fährt heimlich Auto statt Fahrrad und hat was gegen Lesben und Schwule. Außerdem will sie ihre Gegnerin ausspionieren und schreckt sogar vor Gewalt nicht zurück. Die Rechte interessiert sich überhaupt nicht für Politik, sondern ausschließlich für Verschwörungstheorien, Schlager und Alkohol und sieht aus wie eine platinblonde Mischung aus Emmy Göring und Magda Goebbels - Kennzeichen: Der geflochtene Haarkranz. Kochen kann sie nicht, rührt für die Presse jedoch gern im Topf und reicht bei passender Gelegenheit Alkopops und reichlich Sekt.

Wählen wir den "dummen Spruch" selber?

Peter Lund: "Eine Politikerschelte in dem Sinne ist es nicht. Es ist eher eine Quittung für uns alle, dass wir die platte Wahrheit, die schnelle Erregung, auch den dummen Spruch selber wählen, weil wir das Gefühl haben, dass das doch alle machen. Und hier haben wir, glaube ich, einen sehr charmanten szenischen Mittelpunkt, der das erfunden hat, der das mit einer so großen Gelassenheit über die Bühne bringt, und alle anderen fallen drauf rein."

© MIZAFO/Neuköllner Oper Berlin
Bildrechte: MIZAFO/Neuköllner Oper Berlin

Warten auf das Ergebnis

Es geht auch deshalb hoch her auf der Bühne, weil die Jugend schwer durchblickt bei diesem Polit-Tauziehen. Sie erst enttäuscht, dass die Kandidatinnen ihre Werte verraten, dann geschockt, wie skrupellos es im Wahlkampf zugeht. Selbstverständlich werden allerlei modische Verschwörungsmythen eingestreut, von den wirren Theorien der Reichsbürger bis zu den angeblich links "versifften" Mainstream-Medien.

"Erst mal wollen wir das Publikum verführen"

Komponist Thomas Zaufke verfiel nicht auf die platte Idee, die Auftritte der Rechten etwa nur mit Marschmusik zu untermalen, er bediente sich bei Beethoven und Bach, bei Brecht und Kurt Weill. Und ein paar vergiftete Ohrwürmer sind auch dabei. Peter Lund: "Natürlich haben wir uns etwas den Bierzelt-Schlager zum Vorbild genommen, aber die dürfen eben auch richtig gut singen. Und unser Countersopran, der ist ja ganz was Besonderes, der unsere AfD-Kandidatin singt, das haben wir uns richtig was kosten lassen, damit die gut da steht, weil sonst klappt ja die Verführung nicht, und erst mal wollen wir das Publikum ja verführen, damit es mitklatscht."

© MIZAFO/Neuköllner Oper Berlin
Bildrechte: MIZAFO/Neuköllner Oper Berlin

Mit OP-Haube

Leider schwankt der zweieinhalbstündige Abend letztlich zu sehr zwischen Satire, Farce, Klamotte und Kabarett. So richtig in Fahrt kommt "Eine Stimme für Deutschland erst nach der Pause, obwohl es ziemlich hektisch hin und her geht zwischen Grün und Rechtsnational und auch ein paar überraschende Pointen geboten werden, vor allem am Schluss. Was fehlte, war noch mehr Tempo und wohl auch Erfahrung, denn auf der Bühne standen Studenten der Universität der Künste Berlin, darunter die beiden gebürtigen Bayern Joel Zupan aus Straubing in der Rolle der rechten Wahlkämpferin Alina Deutschmann und der Münchner Fabian Sedlmair als Neonazi mit Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom. Ganz so unterhaltsam wie der laufende Bundestagswahlkampf war dieses Musical nicht - dafür aber viel schneller zu Ende!

Bis 25. Juli 2021 an der Neuköllner Oper Berlin

Die BR KulturBühne – ein Platz für Konzerte, Events, Debatten und auch großes Vergnügen. Hier geht's lang!

Aktuelle Debatten, neue Filme und Ausstellungen, aufregende Musik und Vorführungen... In unserem kulturWelt-Podcast sprechen wir täglich über das, was die Welt der Kultur bewegt. Hier abonnieren!