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Eine schwarze Odyssee: Johny Pitts Reisebericht "Afropäisch" | BR24

© Audio: BR / Bild: Johny Pitts/Suhrkamp Verlag

Johny Pitts schreibt auf seiner Reise durch das schwarze Europa nicht nur, er fotografiert auch. Aufnahmen wie diese sind Teil seines Buches.

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Eine schwarze Odyssee: Johny Pitts Reisebericht "Afropäisch"

Ein Wort reichte aus, um Johny Pitts auf Reisen zu schicken: "afropäisch". Schwarzsein und Europäischsein – endlich zusammengeschrieben, ohne Bindestrich. Von der sprachlichen Einheit ermutigt, suchte der Autor in ganz Europa nach "Afropa".

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Johny Pitts tritt in diesem Buch eine Winterreise an, eine schwarze Odyssee und er schlüpft auf den Wegen durch oft regnerische, aber nur selten verschneite Städte in die Rolle des schwarzen Backpackers. Die Schlagworte sind wichtig: Winterreise, weil Pitts sich dagegen entscheidet, im Sommer aufzubrechen, wenn Festivals allerorten Klischeebilder von tanzenden Schwarzen produzieren. Odyssee, weil der schwarze Autor ein Genre, das traditionell weiße Männer bespielen, für die eigenen Zwecke nutzt und mythische Besuche bei Nymphen und Halbgöttern gegen die Bekanntschaft mit Jugendlichen in Pariser Banlieues eintauscht, um nur einen Stopp zu nennen. Aber auch der Backpacker steckt tief in diesem Buch, denn Johny Pitts schreibt keine systematische Abhandlung über das schwarze Europa. Er lässt sich auf das Reisen ein und das heißt: auf Verirrungen im Raum, Ablenkung durch Menschen und Knoten in der Begriffsarbeit.

"Ich reiste im Namen derer, die nicht reisen konnten oder wollten: der Community schwarzer Arbeiter und Kinder von Immigranten, und machte mich auf die Suche nach einem Europa, das sie und ich womöglich als unser eigenes erkennen könnten." So beschreibt Pitts im Buch den Impuls zu seiner Reise, und weiter: "So kam es, dass ich mich als ein extrem seltener Vogel auf den Weg machte: als schwarzer Backpacker."

Ein kundiger Autor und zugleich: ein Suchender

Zu Beginn ist der Leser noch unsicher, und Misstrauen ist erlaubt: Ist die Form des Reiseberichts, das ausführlich zitierte Gespräch mit Zufallsbekanntschaften, die Schleife zu literarischen Vorbildern, ist all das nicht bloß ein geschicktes Formenspiel, um stimmungsvoll und anekdotenreich zu beschreiben, was hinter dem Wort "afropäisch" steckt? Ist die Rolle des Suchenden für einen kundigen und belesenen Autor wie Pitts nicht allzu forciert, fast schon künstlich?

Aber je länger Pitts reist und schreibt, umso klarer wird, dass es der Autor ernst meint mit seiner Form – gerade mit dem Moment der Sucher, der Verunsicherung, der in ihr steckt. Johny Pitts mochte den Begriff "afropäisch", als er die Reise antrat, da war er sich sicher: die Einheit, die er symbolisiert, gefiel ihm, dass das Wort ohne Bindestrich auskommt, um Schwarzsein und Europäischsein zu verbinden. Aber wie dieser Begriff zu füllen ist, sodass er auch schwarze Arbeiter in Europa anspricht, nicht nur Kreative und Künstler, wie sich eine "afropäische Identität" fassen lässt, ohne Klischees zu reproduzieren, das wusste auch Pitts nicht. Was ihn zum Glück nicht davon abhielt, eigene und fremde Unsicherheiten, eigene und fremde Ideen testweise abzuschreiten.

© Johny Pitts/Suhrkamp Verlag

Johny Pitts: Der Autor unterwegs in Europa

"Der Begriff gab mir die Gelegenheit", sagt Pitts und korrigiert sich gleich: "Der Begriff schlug mir vor, durch Europa zu reisen, etwas herauszufinden über die schwarze Geschichte Europas, die oft unterrepräsentiert oder gar nicht repräsentiert ist." Zum Ende der Reise habe sich der Begriff "afropäisch" geradezu aufgelöst, verrät der Autor im Gespräch, "und doch war es mir wichtig, in diese Welt und durch diese Welt zu gehen, die sich mehr wie eine Heimat anfühlte." Pitts schreibt nicht nur – über seine realen und imaginären Aufenthalte in Paris, Berlin, Brüssel, Amsterdam und Moskau, er fotografiert auch. Auf seinen Bildern lernen wir einen schwarzen Vater mit seiner Tochter auf einem Pariser Boulevard kennen. Die beiden sind vor einer weißen Häuserfassade unterwegs, links und rechts gerahmt von weißen Gesichtern. Cafébesucher in Brüssel, ihre Mimik und Haltung studieren wir auf einem anderen Bild.

Das Geheimnis des Fotografen Pitts: Metro fahren

Eines der vielleicht traurigsten Bilder des Buchs zeigt eine stumme Menschengruppe, schwarz und weiß gemischt. Sie steht auf einem Hügel abseits vom eigentlichen Geschehen, das die Aufnahme nicht mehr einfängt, von der der Leser aber im Text erfährt: Es handelt sich um die Gedenkfeier für zwei Pariser Jugendliche, die bei der Verfolgung durch die Polizei ums Leben kamen. Vor allem aber und in jeder Stadt zeigt Johny Pitts uns Menschen unterwegs. Mal erkennen wir sie nur als Spiegelbild im Fenster einer UBahn, dann verschwimmen die Gesichtszüge – vielleicht ja, weil sie gerade noch zu ihrer Bahn hetzen.

Die Aufnahmen erzählen viel von der Stimmung eines Moments, eines Menschen – Eindeutigkeit, eine Botschaft in Sachen "Afropa" kennen auch sie nicht: "Ich habe viel Zeit in Metros verbracht, bin viel rumgefahren in den Städten", erklärt Pitts. Und auf diesen Fahrten merkte er, wie wertvoll Transiträume sein können, wenn es ans Porträtieren mit der Kamera geht: "Dort sehe ich das Alltagsleben. Nicht: Schwarze beim Feiern, Schwarze beim Protestieren, Schwarze im Ghetto – all diese Klischees, in die man so schnell rutscht, wenn es ums Schwarzsein geht. Ich sah Leute beim Pendeln, wie sie zur Arbeit gehen, ihre Kinder zur Schule bringen, Alltäglichkeiten eben. Und das war mir sehr wichtig."

© Johny Pitts/Suhrkamp Verlag

Unterwegs in dem Pariser Metrosystem

In Pitts Fokus: der Alltag schwarzer Europäer

Den Alltag, alltägliche Fragen im Leben schwarzer Europäer streift Johny Pitts immer wieder. Im Gespräch mit einer Frau zum Beispiel, die nur den Kopf darüber schütteln kann, dass ihre Mutter nun schon seit vierzig Jahren in Schweden lebt und immer noch nicht akzentfrei spricht. Auf der Suche nach "Tim im Kongo", einem Titel aus der "Tim und Struppi"-Reihe, die Pitts als Kind so liebte. "Tim im Kongo" wird mittlerweile aber eher versteckt, weil die rassistischen Denkmuster allzu offen zutage liegen. Zum Alltag gehört aber auch die Planung europäischer Städte, die viele schwarze Communities an die Ränder drängt und keinen Hehl daraus macht, dass sie zwar in Paris, Sheffield, Brüssel leben dürfen, aber nie den Stolz der Stadt ausmachen werden.

Fragt man Pitts, wie er zu der Opposition Peripherie und Zentrum stehe, denkt der Autor an Toni Morrison: "Ich glaube, es war Toni Morrison, die einmal gesagt hat: 'Ich stand an der Peripherie und habe behauptet, es sei das Zentrum.' Das gefällt mir und es hat mich inspiriert, an den Orten zu arbeiten, die oft als Peripherie angesehen werden, und ihnen die Bedeutung beizumessen, die andere anderen Dingen, Orten geben." Denn Pitts erkennt in den Orten, die andere als Peripherie, als Hinterland oder Ghetto beschreiben, so etwas wie die Möglichkeitsräume unserer Zeit: "Sie können zum Feind der Zentren werden oder: ein Teil davon", sagt der Autor. Worauf er hofft, spürt man auf jeder Seite des Buches.

Johny Pitts Buch "Afropäisch – Eine Reise durch das schwarze Europa“ Aus dem Englischen von Helmut Dierlamm, erscheint bei Suhrkamp.

© Cover: Suhrkamp / Collage: BR

Das Cover von Johny Pitts Buch "Afropäisch"

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