Seelsorge in der Container-Kapelle: Militärpfarrer Gunther Wiendl hat immer ein offenes Ohr
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Seelsorge in der Container-Kapelle: Militärpfarrer Gunther Wiendl hat immer ein offenes Ohr.

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Eine provisorische Kapelle und ein Seelsorger für Soldaten

Sich bereithalten für den Ernstfall – das müssen sich Soldatinnen und Soldaten bei der Bundeswehr. Ihr Job: Das Land zu verteidigen und sich für Frieden, Freiheit und Demokratie einsetzen. Unterstützt werden sie von der Militärseelsorge.

Über dieses Thema berichtet: STATIONEN am .

Keine zwei Autostunden von der Grenze zur Ukraine entfernt liegt der Militärflughafen von Sliac in der Slowakei. Bis vor kurzem waren hier zwei Patriot-Luftabwehrsysteme installiert – aufgestellt von der Bundeswehr und rund um die Uhr besetzt. Denn seit dem Beginn des Angriffskriegs Russlands gegen die Ukraine hat auch die Slowakei als ehemaliges Ostblock-Land die Sorge, dass Putin es im Visier hat.

Seelsorger sind bei Krisen vor Ort oder zu Hause gefragt

Die Bundeswehr ist aber nicht nur mit militärischem Gerät angereist, um den Nato-Partner zu unterstützen, sondern auch mit einer Küche und Betreuungszelten – und sogar einer provisorischen Container-Kapelle. Am Flughafen in Sliac und dem nahegelegenen Truppenübungsplatz in Lest betreute der evangelische Militärpfarrer Gunther Wiendl aus Neuburg an der Donau die rund 500 Soldaten aus Husum und Bad Reichenhall.

Als Seelsorger hat Wiendl immer ein offenes Ohr für die Sorgen und Nöte der Truppe – ob bei Problemen vor Ort, Vorfällen mit der Familie zu Hause oder Schicksalsschlägen wie plötzlichen Todesfällen. Beim Einsatz trägt auch er das Olivgrün der Bundeswehr – aber keine Uniform. Auch einen militärischen Rang hat er nicht, ebenso wenig untersteht er dem Befehl der Bundeswehr. Zu seinen Gottesdiensten in der kleinen Containerkapelle kamen die Soldaten der Bundeswehr auch in der Slowakei regelmäßig.

Bundeswehr und Militärseelsorge in Deutschland entstanden etwa zeitgleich

Zeitgleich mit der Gründung der Bundeswehr im Jahr 1955 begannen die katholische und die evangelische Kirche, eine eigene Militärseelsorge einzurichten. Bis zur Wiedervereinigung Deutschlands konzentrierte sich die Bundeswehr auf die Verteidigung des eigenen Landes und der Nato. Einsätze außerhalb des Nato-Territoriums gab es lediglich bei Naturkatastrophen. Mit der Wiedervereinigung änderte sich das. Seither ist und war die Bundeswehr auch außerhalb des Nato-Territoriums tätig – etwa im Kosovo, in Mali oder Afghanistan. Nun steht die Nato-Ostgrenze im Fokus. Die Militärseelsorge begleitet solche Einsätze.

In der Bundeswehr gibt es aktuell etwa 100 evangelische und 80 katholische Militärpfarrämter, zudem zehn Militärrabbiner von jüdischer Seite. Über die Einführung einer muslimischen Militärseelsorge wird derzeit diskutiert.

Auch Militärpfarrer Wiendl war schon in verschiedenen Ländern stationiert. Für ihn als Seelsorger ist auch die Auseinandersetzung mit der Friedensethik wichtig. Trotzdem sieht er den Einsatz von Waffen und Militär als richtig an, wenn etwa, wie im Fall der Ukraine, ein Land überfallen wird. Dennoch hofft Wiendl, dass über Frieden verhandelt wird. Denn ein Krieg könne niemals wirklich gewonnen werden, sagt der Seelsorger.

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Militärpfarrer Gunther Wiendl im Gespräch mit Soldaten

Major Nils: "Erst, wenn die Freiheit abwesend ist, merkt man, dass sie fehlt"

In Zeiten, in denen die Bundeswehr weltweit eine immer größere Rolle spielt, beobachtet Pfarrer Wiendl nicht nur eine größere Ernsthaftigkeit und Disziplin der Soldaten, sondern auch ein Bewusstsein für eine gewachsene Verantwortung weltweit. Nicht nur, aber auch durch den Krieg in der Ukraine. "Sie sind gerne hier, weil sie einen Auftrag haben", erzählt er. "Und zwar nicht nur einen Auftrag, den sich ein militärischer Führer ausgedacht hat, um sie zu beüben. Sondern einen Auftrag, dass sie bereit sind, unser Land und unser Bündnis zu verteidigen."

Auch die Soldaten selbst nehmen eine gewachsene Verantwortung ihres Berufes wahr. Für Major Nils ist klar, dass es auch eine Verantwortung für die Freiheit ist. "Mit der Freiheit ist es ein bisschen so wie mit der Gesundheit", findet er. "Man merkt erst, wenn man krank ist, dass sie fehlt. Und erst, wenn die Freiheit abwesend ist, merkt man, das sie fehlt. Wir müssen rechtzeitig für die Freiheit eintreten und jedem, der sie uns nehmen will, mutig entgegenstehen."

Er hat den Eindruck, dass es auch in der Bevölkerung einen dementsprechenden Bewusstseinswandel gegeben habe. "Man merkt das immer mehr, dass man als Soldat weniger skeptisch betrachtet wird." Diese neue Verantwortung motiviert ihn bei seinem Dienst. Und auch Militärpfarrer Wiendl hat den Eindruck, dass es in der Bevölkerung eine neue Wertschätzung für die Arbeit der Soldaten gibt. "Das tut jedem einzelnen Soldaten gut."

Wie geht es in der Slowakei weiter?

Die Patriot-Luftabwehrsysteme aus der Slowakei sind mittlerweile nach Litauen transportiert worden. Dort sollen sie zum Schutz des Nato-Gipfels beitragen, wenn sich am 11. und 12. Juli die Spitzen des westlichen Militärbündnisses in der litauischen Hauptstadt Vilnius treffen. In der Slowakei sind mittlerweile Leopard-Panzer stationiert, die in nächster Zeit die Nato-Ostflanke in der Slowakei sichern sollen. Sie lösen die Gebirgsjäger aus Bad Reichenhall ab, die ein halbes Jahr lang die Nato-Ostflanke in der Slowakei gesichert haben.

  • Zum Artikel: "ICE-Unglück in Eschede – Geburtsstunde der Notfallseelsorge"

Rund um das Thema "Verantwortung" geht es in der Sendung STATIONEN, am Mittwoch, 5. Juli 2023, um 19 Uhr im BR Fernsehen und in der ARD Mediathek.

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