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"Otello" als Stasi-Drama | BR24

© Gabriela Knoch/Mainfrankentheater

Agenten-Kampf: "Otello"

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"Otello" als Stasi-Drama

Am Mainfrankentheater Würzburg wird aus Verdis Eifersuchtsdrama "Otello" ein spannender Agententhriller. Die venezianische Staatssicherheit beseitigt den lästig gewordenen Feldherrn mit einer Stasi-würdigen Intrige. Kritik von Peter Jungblut.

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Stasi-Dramen sind ja gerade sehr in Mode, wie die ARD-Erfolgsserie "Weissensee" und weitere Fernsehformate gerade bewiesen haben. Es gibt eben nichts Schöneres, als bösen Menschen bei ihren Missetaten zuzuschauen, und neuerdings erwartet das Publikum offensichtlich nicht mal mehr, dass die Täter angemessen bestraft werden. Insofern passt der Würzburger "Otello"  in den Trend, denn Regisseur Guy Montavon zeigt Verdis Oper ebenfalls als düstere Staatssicherheits-Geschichte.

Täter kommen ungestraft davon

Die Mächtigen in Venedig beschließen, ihren erfolgreichen, aber lästig gewordenen Heerführer Otello auszuschalten, aber weil er populär ist, muss das natürlich ganz im Geheimen geschehen. Folgerichtig planen die Stasi-Offiziere eine teuflische Intrige, "zersetzen" kaltblütig die Ehe von Otello und treiben ihn in den Wahnsinn, bis er als Mörder seiner Frau liquidiert werden kann. Der so intelligente wie gefährliche Ober-Bösewicht Jago wird daher im Schlussbild auch nicht etwa zur Rechenschaft gezogen, sondern von seinen Offizierskollegen und Vorgesetzten allseits beglückwünscht. Vorgang erfolgreich abgeschlossen, sozusagen.

Selbstbewusste Desdemona 

Das ist eine äußerst pessimistische, aber durchaus plausible Deutung des schwierigen "Otello"-Stoffs. Als bloßes Eifersuchtsdrama, wie sonst oft zu sehen, wirkt die Oper heute arg betulich und unglaubwürdig, auch deshalb, weil Otellos Gattin Desdemona in solchen Fällen als sehr einfältiges, um nicht zu sagen begriffsstutziges Opferlamm erscheint. In Würzburg dagegen ist sie raffiniert genug, eine Attrappe ins Ehebett zu legen, ihren rasenden Gatten also zu täuschen und sich selbst vor ihm in Sicherheit zu bringen. Guy Montavon schien es aber wohl zu gewagt, auch Desdemona zur Stasi-Agentin bzw. Mitwisserin zu machen und so ließ er sie doch noch sterben, nicht ganz im Einklang mit seinem Regiekonzept.

Spartanische Ausstattung

Trotzdem war es eine packende, zeitgemäße, und politisch interessante Deutung. Lediglich das Bühnenbild von Francesco Calcagnini wirkte etwas sehr spartanisch, und das, obwohl das Mainfrankentheater Würzburg und das Theater Erfurt in diesem Fall in Koproduktion zusammenarbeiteten, also grundsätzlich einen höherer Ausstattungsetat möglich gewesen wäre. Stattdessen blieb es bei ein paar schwarzen Podesten und viel Dunkelheit auf der Bühne. Sehr gut dagegen war die Bebilderung der Eingangsszene: Das Stampfen von Otellos Schiff im Sturm wurde durch Überblendungen optisch eindrucksvoll erfahrbar.

Bösewicht Jago im Mittelpunkt 

Ursprünglich sollte die Oper übrigens nicht Otello, sondern Jago heißen, nach dem rücksichtslosen und verbrecherischen Offizier, der die ganze Handlung in Bewegung hält. In Würzburg spielte und sang Adam Kim diesen Jago tatsächlich so, dass er allzeit im Zentrum stand. Eine großartige Leistung. Ray M. Wade als Otello war der äußerst anspruchsvollen Rolle zwar stimmlich weitgehend gewachsen, wirkte als Getriebener und Verzweifelter schauspielerisch aber etwas passiv. Karen Leiber war eine erfrischend selbstbewusste, kluge, seelenvolle Desdemona, nicht das herzige Dummchen, das oft aus dieser Rolle gemacht wird. 

Keine Fortsetzung geplant

Dirigent Enrico Calesso neigte diesmal zu sehr ruppigen Bewegungen und einem sehr scharfkantigen Klangbild. In den wild bewegten Sturm- und martialischen Volksszenen war das durchaus angebracht, auch zum ausgesprochen handfesten Regiekonzept passte es vorzüglich, womöglich hätte Desdemonas Schluss-Auftritt aber doch etwas mehr lyrisches Pathos vertragen. Erfreulich gut geprobt und konzentriert waren das Philharmonische Orchester Würzburg und der Opernchor, der szenisch allerdings nicht über Gebühr gefordert wurde. Herzlicher Beifall für eine durchweg diskussionswürdige, anregende Otello-Interpretation. Anders als bei "Weissensee" ist aber keine Fortsetzung geplant.

 

© Gabriela Knoch/Mainfrankentheater

Schwacher Feldherr: Otello

© Gabriela Knoch/Mainfrankentheater

Gespenstischer Raum: Otello

© Gabriela Knoch/Mainfrankentheater

Selbstbewusste Desdemona