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Ein Urteil für künstlerische Freiheit - und für das Urheberrecht

Es geht um zwei Sekunden aus einem Kraftwerkstück, das der Produzent Moses Pelham ohne zu fragen einsetzte. Das Bundesverfassungsgericht hat jetzt das Sampling im Namen der Freiheit der Kunst gestattet. Ein Kommentar von Bernhard Jugel

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Es geht um zwei Sekunden Musik. Zwei Sekunden aus dem Stück "Metall auf Metall" der Düsseldorfer Gruppe Kraftwerk von 1977. 20 Jahre später baute der Frankfurter Produzent Moses Pelham aus diesen zwei Sekunden ein Rhythmusgerüst, dass er in den Titel "Nur mir" der Rapperin Sabrina Setlur einbaute. Allerdings: Pelham hatte weder gefragt noch etwas gezahlt. "Nur mir" kam in die Hitparade. Kraftwerk klagte.

Der Streit ging durch etliche Instanzen, die allesamt Kraftwerk recht gaben. Moses Pelham aber bestand auf seiner künstlerischen Freiheit, legte Revision und schließlich Verfassungsbeschwerde ein. Die wurde gestern vor dem Bundesverfassungsgericht verhandelt und das gab ihm recht. Er durfte sampeln. Das ist die schlichte Variante der Nachricht.

Sampling ist erlaubt...

Das Urteil des Verfassungsgerichts ist allerdings weitaus komplexer. Da geht es nämlich um ein Abwägen zwischen verschiedenen Rechten: zwischen dem Leistungs- und Urheberrechtsschutz einerseits und dem Recht auf künstlerische Freiheit andererseits. Und da hat das Bundesverfassungsgericht in der Tat eine Kehrtwende vollzogen, indem es Sampling als eigenständige Kunstform anerkennt und nicht mehr wie die Gerichte unterer Instanzen versucht hat, die Musikszene von heute mit dem juristischen Instrumentarium von anno dunnemals zu beurteilen. In der Urteilsbegründung des Bundesverfassungsgerichts findet sich bemerkenswerte Sätze:

"Der Einsatz von Samples ist eines der stilprägenden Elemente des Hip-Hop."

Oder:

"Spezielle musikalische Gattungen, die typischerweise auf die Verwendung von Samples angelegt sind, stellen insbesondere die Toncollage, das Sample Medley, der Remix, die Coverversion und der Mashup dar."

Das Urteil gibt also Musikschaffenden die Möglichkeit, sich aus öffentlich zugänglichen Aufnahmen zu bedienen, ohne in jedem Fall erst fragen zu müssen. Das ist löblich und auf der Höhe der Zeit. Nicht auf der Höhe der Zeit - und das mahnt das Urteil ebenfalls an - ist die Tatsache, dass die nachträgliche Vergütung eines verwendeten Samples bisher gesetzlich nicht geregelt ist, Urheber aber ein Anrecht auf Vergütung haben. Da muss der Gesetzgeber nachbessern.

...muss aber bezahlt werden.

Insgesamt also ein salomonisches Urteil, das die Kunstfreiheit stärkt, aber auch die Beteiligung der Urheber an den Erlösen im Auge hat. Ein Urteil, das weit über die Musik hinauswirken dürfte, denn auch in der Literatur und der bildenden Kunst gibt es ähnlich gelagerte Probleme, wenn aus bestehenden Werken zitiert wird.

Die Sache Pelham gegen Kraftwerk geht jetzt zur endgültigen Entscheidung wieder zurück an den Bundesgerichtshof - und für Moses Pelham könnte sich sein Sieg als Pyrrhussieg erweisen: Wenn ihm nämlich bescheinigt wird, dass er das Sample zwar verwenden durfte, er aber für die Verwendung kräftig nachzahlen muss.