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Ein taiwanesischer Blick auf Familie und deutsche Identität | BR24

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Die Künstlerin Huang Li-Hui beschäftigt sich in München mit den Identitätsproblemen von Deutschen und ihrer eigenen, taiwanesischen Familie. Dabei arbeitet sie mit puristischen, aber eindrucksvollen künstlerischen Mitteln und hält sich an Nietzsche.

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Ein taiwanesischer Blick auf Familie und deutsche Identität

Die Künstlerin Huang Li-Hui beschäftigt sich in München mit den Identitätsproblemen von Deutschen und ihrer eigenen, taiwanesischen Familie. Dabei arbeitet sie mit puristischen, aber eindrucksvollen künstlerischen Mitteln und hält sich an Nietzsche.

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Im Fernsehen beteuert die Trapp-Familie: "My Mom is a good German": Meine Mutter ist eine gute Deutsche. Im Amerika der 1950er und 1960er Jahre konnte es leicht passieren, dass man das zur schnellen Orientierung dazu sagen musste. Eine Art Instant-Moral.

Die in den USA lebende taiwanesische Künstlerin Huang Li-Hui hat diesen Rechtfertigungsdruck ins Zentrum ihrer Ausstellung im Münchener "Apartment der Kunst" gerückt und untersucht Formen des Verstehens und Missverstehens in ihrer eigenen, multinationalen Familie: "Diesen Satz hat mein Mann als Kind immer gesagt. Er wurde in den USA geboren und ist Amerikaner, aber wenn seine Freunde erfuhren, dass seine Mutter aus Deutschland war, hat er immer versichert: Meine Mutter ist eine gute Deutsche. Er war weit von Deutschland entfernt und trotzdem stand er zwanzig Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs unter diesem Druck. Das sind Narrative, die von Generation zu Generation weitergeben werden."

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Die Trapp-Familie im Fernsehen

Huang Li-Hui kennt diesen Druck aus eigener Erfahrung. Ihr Vater ist strenger Kommunist und war ein politischer Gefangener in Taiwan, weil er sich für die Wiedervereinigung der 1949 abgespaltenen Inselrepublik mit China stark gemacht hat: "Als Kind erklärte ich meinen Freunden immer, dass mein Vater eben so tickt, aber niemand konnte mich verstehen."

Die stillsten Worte bringen Sturm

Eine Fotografie zeigt Vater und Tochter in Taipeh, irgendwo im Hinterhof eines Hochhauses auf einer Wippe. Die Tochter ist diejenige, die in der Luft hängt. Ein vordergründig harmloses Bild über destabilisierende Ortlosigkeit und fehlende Bodenhaftung. Huang Li-Hui arbeitet mit einer minimalistischen Konzeptkunst und bleibt in ihrer Ästhetik puristisch, gemäß Friedrich Nietzsches Beobachtung, wonach es die "stillsten Worte sind, die den Sturm bringen". Ein Wandbild, das einer Parteilosung mit schwarzen Schriftzeichen auf rotem Grund nachempfunden ist, besagt sinngemäß: "Ihr Deutschen seid wirklich großartig. Ihr habt so beeindruckende Menschen wie Marx und Engels."

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Identitätsprobleme in Taiwan

Wut über Vietnam

Das waren die Worte Li-Huis Vater für die deutsche Schwiegermutter seiner Tochter, die sich allerdings zu einer amerikanischen Hardcore-Imperialistin entwickelt hatte und bei Jimmy Carter prompt wütende Beschwerde einreichte, nachdem der Präsident sich Mitte der 1970er Jahre bei den Vietnamesen für die brutale Kriegsführung der Amerikaner entschuldigt hatte. Auch dieser Brief hängt gerahmt in der Studio-Ausstellung, die die Mehrdeutigkeit von Haltungen und Überzeugungen poetisch reflektiert und zu einem anspielungsreichen Tableau zusammenfügt.

Damit ist "My Mom is a Good German" eine mustergültige Schau im "Apartment der Kunst", das der Münchener Künstler Lars Koepsel als deutsch-taiwanesischen Ausstellungsraum seit 2013 betreibt: "Entstanden ist es eigentlich durch meine langjährige Beziehung zu Taiwan", sagt Koepsel. "Dadurch, dass meine Frau von dort kommt, bin ich seit Anfang der 1990er Jahre fast jedes Jahr in Taiwan und da sind sehr stark Identitätsfragen aufgebrochen in der taiwanesischen Gesellschaft und mit als Erste haben sich die Künstler viel damit beschäftigt."

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Parteilosung an der Wand

Der suchende und diagnostische Blick der Taiwanesen auf Identität fällt zusammen mit einer Entgrenzung, die immer dynamischer wird und einer weltweiten Debatte, in der "Rasse", Geschlecht und Sexualität als Kategorien unwichtig geworden sind. Eine fluide Gemengelage, die reichlich Stoff bietet für Ausstellungen im „Apartment der Kunst“ und in der Partner-Galerie in Taipeh. Lars Koepsel: "Das Programm läuft so ab, dass wir einen Künstler aus München, aus dem S-Bahn Bereich der Stadt, nach Taiwan schicken in dieses Programm, für drei Monate, und umgekehrt kommt ein taiwanesischer Künstler hierher."

Mit der Harley in die Nacht

Ein Perspektiven- und Reichweitenaustausch. Das Münchener Künstlerduo M&M etwa hat bei einem Arbeitsaufenthalt in Taipeh das Zusammenspiel von totaler Verwestlichung und meditativen Ritualen untersucht. Marc Weis‘ und Martin de Mattias Film begleitet eine junge Frau bei ihrer innigen, meditativen Versenkung im Tempel und sieht ihr dann dabei zu, wie sie auf einer Harley Davidson in die neongrelle Nacht rast. Was führt uns alle eigentlich zusammen, ist so eine Frage, die im Apartment der Kunst künstlerisch immer so oder anders gestellt wird.

"My Mom is a Good German" bis 26. Juli 2019 im "Apartment der Kunst" in München, Schönfeldstraße 19 Rückgebäude, dienstags bis donnerstags 10.00 bis 16.00 Uhr, freitags 10.00 bis 13.30 oder nach Vereinbarung.

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