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Ein Roman über die RAF als Uraufführung in Berlin | BR24

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Ein Roman über die RAF als Uraufführung in Berlin

Der Titel des Buchs von Frank Witzel ist lang: „Die Erfindung der Rote Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969“. Nun hat der Regisseur Armin Petras den Text für die Berliner Schaubühne adaptiert. Von Eberhard Spreng

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Ein junger Schauspieler flüstert in ein Mikrophon. Er trägt einen grünen Nicki-Pullover und eine Jeans und berichtet von seiner krisengeschüttelten Kindheit in einem zunehmend in die Identitätskrise geratenen Land. Alles beginnt mit einer Fahrt auf verschneiter Strasse in einem gelben NSU Prinz, der von einem Polizeiwagen verfolgt wird. Im Handschuhfach liegt als Waffe nur eine Wasserpistole; die ist nicht mal geladen. Und kaum ist er der Wagen im nächsten Dorf, verflüchtigt sich das erste Bild und lässt dem Gespräch über die Mathe-Hausaufgaben für den kommenden Montag Raum. Die Schülergruppe wähnt sich wie in einem Kollektivtraum von der Polizei und einer erstarrten Gesellschaft verfolgt, aber ist das alles nicht nur der Wahn eines einzelnen seelisch instabilen Teenagers? Auf der Bühne ist ein Tischlein aufgebaut, auf dem Tilman Strauß eine Straße malt, auf dem er ein aus Papier ausgeschnittenes Auto herumschiebt. Eine Kamera überträgt die papierene Wirklichkeit auf eine Leinwand, dann Mattel-Figürchen, später auch ein Etikett der Bärenmarken-Kondensmilch, eine Flasche Bluna-Limo und anderes, das an Konsumartikel der Nachkriegsjahrzehnte erinnert: Das Theater folgt dem Romanautor treu in die Errungenschaften der westdeutschen Nachkriegshaushalte.

Politik und Popgeschichte

Essayistische Einschübe finden sich wie im Roman auch in Armin Petras’ Theaterrealisation. Hier sind sie in ein Geschehen eingebettet, das in rasch hingeworfenen Szenen eben nur einzelne Stationen einer labyrinthischen Literatur bebildern kann. Allerdings begnügt sich das Theater hier mit einer Zeitebene, tilgt die Rückschau des Erwachsenen auf seine Kindheit. Es geht ausschließlich um die Erlebnisse des 13-jährigen Sohnes eines Fabrikbesitzers, der zwischen eigener Geschichte und der Geschichte der Bundesrepublik nicht unterscheiden kann. Bilder aus Politik und Pop-Geschichte vermischen sich. Die Schauspieler imitieren in erstarrter Pose die Beatles auf dem Zebrastreifen auf dem Abbey-Road-Cover, streifen sich rasch die Kleider ab und präsentieren sich wie auf dem berühmten Foto von Langhans’ nackter Berliner Kommune. Und doch, von dem spezifischen Mief der 60er Jahre, aus dem die Revolte und die Popkultur ins Weite führen sollte, bekommt der Abend an der Schaubühne wenig zu fassen.

Grelles Kabarett

Armin Petras vertraut in seiner Theaterversion aufs griffig kabaretthafte, das Grelle, auf die Karikatur im Wechsel mit den elegischen Passagen der politisch-philosophischen Zeitanalyse. Die Komplexität des Romans bleibt auf der Strecke. Das war zu erwarten. Aber schwerer wiegt, dass auch die Epoche, die hier zu zeichnen wäre, flach bleibt, keinen Geruch bekommt, keine Konturen, keine atmosphärische Dichte.