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Ein Mensch ist kein Schauobjekt: Historienfilm "Angelo" | BR24

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Er wurde vom Wiener Hof wie ein Schauobjekt behandelt: Der aus Nigeria verschleppte Angelo Soliman war im 18. Jahrhundert eine Berühmtheit. Regisseur Markus Schleinzer widmet ihm jetzt ein höchst aktuelles Historiendrama.

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Ein Mensch ist kein Schauobjekt: Historienfilm "Angelo"

Er wurde vom Wiener Hof wie ein Schauobjekt behandelt: Der aus Nigeria verschleppte Angelo Soliman war im 18. Jahrhundert eine Berühmtheit. Regisseur Markus Schleinzer widmet ihm jetzt ein höchst aktuelles Historiendrama.

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Ein weiter Sandstrand mit Dünen. In der sanften Brandung liegen ein paar Ruderboote. Menschen steigen aus, waten durchs Wasser. Aus der Entfernung sind ihre Stimmen zu hören. Die Kamera beobachtet diese Szenerie mit einer gewissen Distanz. Der Blick wird nicht geführt, sondern kann frei wandern in einem Tableau vivant, einer lebendigen Szenerie, die mit starrer Kameraeinstellung aufgenommen wurde und dem Zuschauer über anderthalb Minuten Zeit lässt, in sie einzutauchen.

Moderne Objekte im Historienfilm

Regisseur Markus Schleinzer erzählt die Geschichte des "Hof-Mohrs" Angelo Soliman im Wien des 18. Jahrhunderts als verfremdetes Historiendrama. Das Cembalo klingt so wild, als habe sich ein Rockmusiker dran gesetzt. In der Ausstattung tauchen immer wieder moderne Objekte auf, zum Beispiel eine elegant geschnittene Lederjacke, und das Szenen-Bild nutzt auch zeitgenössische Architekturen, etwa eine aus Stahlträgern und Aluminium-Blech konstruierte Lagerhalle.

© Grandfilm Nürnberg

Szene aus "Angelo" (2019): Als Kind versklavt

"Angelo" ist ein bewusst unkostümhafter Kostümfilm. Markus Schleinzer entwickelt im Blick auf die Vergangenheit eine hochaktuelle, gesellschaftspolitische Reflexion über Identität, Herkunft und Alltagsrassismen. Es handelt sich gewissermaßen um einen Bastard des Heimatfilms, in dem der Regisseur mit den Mitteln des experimentellen Autorenkinos das Schicksal eines jungen versklavten Mannes aus Afrika exemplarisch erlebbar macht. Angelo wird als zehnjähriger Junge nach Europa verschleppt, wo ihn dann eine Comtesse zum Studienobjekt auserwählt.

Er entzückt die Adelshäuser

Angelo wird getauft und genießt eine umfangreiche sprachlich-musische Ausbildung. Er lernt Französisch und Deutsch, tritt in Theaterstücken auf – und wird zu einem Virtuosen der Barockmusik. Spielt schließlich meisterhaft die Flöte und sorgt als irgendwie drolliger Exot im Europa der beginnenden Aufklärung für Aufsehen – entzückt vor allem die Adelshäuser, vom kaiserlichen Hof in Wien bis Messina.

© Grandfilm Nürnberg

Szene aus "Angelo" (2019): Geheime Hochzeit fliegt auf

Alles Unglück beginnt, als das Dienstmädchen Magdalena sich in Angelo verliebt. Als die geheime Hochzeit auffliegt, wird dem "Hof-Mohren" klar, dass er zwar gründlich und auf gewisse Art auch "erfolgreich" integriert wurde, aber trotz Bildung und Christianisierung natürlich nicht dazugehört. Mit herrischer Deutungshoheit teilt ihm der Kaiser mit, was dem Fremdling erlaubt sei und was nicht.

Gewitzter Minimalismus

Regisseur Markus Schleinzer ist ein zugleich poetisch feiner und politisch kluger Film gelungen – ohne klischeehafte Psychologisierungen und platt historisierende Massenszenen. "Angelo" entwickelt als Film seine besondere Energie und Magie durch den gewitzten Minimalismus in Ausstattung und Maske, in der wundersamen Balance zwischen Theatralik und formaler Strenge. Das wirkt übersteigert und gelöst zugleich, ein unaufgeregtes Filmwunder, das eine vergangene Zeit in die Gegenwart holt und Parallelen herausarbeitet. Ein anspielungsreiches Gedankenspiel beginnt.

© Grandfilm Nürnberg

Szene aus "Angelo" (2019): Der Mensch als Objekt

So sind die Dialoge in diesem Film bewusst mehrdeutig – in ihnen schwingt die Historie genauso mit wie das Jetzt. Klar, als Zuschauer stellt man sich Geflüchtete unserer Tage vor, die zwar eine Aufenthaltserlaubnis haben, aber trotzdem nicht arbeiten dürfen. Die willkommen geheißen werden, aber denen vieles auch verwehrt bleibt. Toleranz wird scheinheilig praktiziert. Am Diskurs des "Anderen" oder des "Fremden" hat sich offenbar über die Jahrhunderte gar nicht so viel geändert.

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