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Juliette Gréco, Muse der Existentialisten und große Chanson-Interpretin, ist im Alter von 93 Jahren gestorben, Roland Spiegel erinnert sich im kulturWelt-Gespräch.

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Ein Leuchtturm in Schwarz: Erinnerungen an Juliette Gréco

Niemand konnte Sprache so zu Klang werden lassen wie sie. Niemand interpretierte literarische Chansons lebendiger. Jetzt ist die Französin Juliette Gréco, Sängerin, Schauspielerin und Ikone des Existentialismus, im Alter von 93 Jahren gestorben.

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Von
  • Roland Spiegel

Auf der Bühne eine einzigartige Erscheinung seit Jahrzehnten. Ganz in Schwarz gekleidet. Eine Silhouette, die fast verschwindet im Dunkel der Szene. Sichtbar: das Gesicht und die Hände, die wie weiße Vögel durch die Luft flattern. So erlebte man sie, wenn sie sang. Juliette Gréco, eine Meisterin des Lebendig-werden-Lassens von Liedertexten. Die Geschichten, die die Lieder erzählten, flogen in der Fantasie der Zuhörenden auf und davon. Ein Leuchtturm in Schwarz war diese Interpretin mit der tiefen, manchmal samtweichen, manchmal schneidend harten Stimme, die Texte zu einem eigenen Schauspiel werden lassen konnte.

Sartre schrieb ihre Chanson-Texte

Niemand sang, sprach, flüsterte Textstellen feiner als die am 7. Februar 1927 in Montpellier geborene Tochter einer Widerstandskämpferin. Mit 15 wurde Juliette Gréco zusammen mit ihrer Mutter von der Gestapo verhaftet, doch wegen ihrer Jugend nach drei Wochen wieder aus dem Gefängnis entlassen. Mit 18 tauchte sie ins Pariser Nachtleben ein. Im Kellerclub "Le Tabou" im Stadtteil Saint-Germain-des-Prés lernte sie unter anderem den Philosophen Jean-Paul Sartre und den Musiker und Schriftsteller Boris Vian kennen. Sartre war es, der sie ein paar Jahre später bedrängte, Chansons zu singen. Er schrieb Texte für sie, ließ sie von dem Komponisten Joseph Kosma vertonen. Sie tat es – und wurde zu einer der besten Stimmen aktueller französischer Lieder mit literarischen Texten.

Juliette Gréco, die selbstbewusste Frau

Was damals begann, blieb über sechs Jahrzehnte lang ihre Berufung. Juliette Gréco fasste auch als Schauspielerin Fuß, spielte etwa schon 1949 in Jean Cocteaus Film "Orphée" mit, 1965 war sie auch in dem Fernseh-Mehrteiler "Belphégor oder Das Geheimnis des Louvre" zu sehen. Doch von den Siebzigern an konzentrierte sie sich auf die Chansons. In dieser Domäne besaß sie nicht nur eine einzigartige Ausdruckskraft, sondern auch eine unverwechselbare Aura als Ikone ihrer Zeit. Juliette Gréco verkörperte wie kaum eine andere bereits in den frühen 1950er Jahren die selbstbewusste Frau, die sich nicht zum Objekt machen ließ, sondern Subjekt sein wollte, ganz im Sinne dessen, was die Autorin Simone de Beauvoir in ihrem Buch "Das andere Geschlecht" gefordert hatte. Ihr frühes Lied "Je Suis Comme Je Suis" mit einem Text des Schriftstellers Jacques Prévert formulierte das deutlich: "Ich liebe den, der mich liebt. Und wenn das nicht jedes Mal derselbe ist, ist das mein Fehler?"

Künstlerin des vielsagenden Pianissimo

Ihrem Stil blieb sie immer treu. Noch in den 2000er Jahren sang sie an Orten wie dem Münchner Prinzregententheater ihre Klassiker und neue Lieder im klassischen Gréco-Stil: stets in Schwarz, mit dunkler, leiser Stimme. Im Unterschied zum extrovertierten Chanson-Idol Edith Piaf, die im Fortissimo erglühte, war sie eine Künstlerin des vielsagenden Pianissimo. In leisen Nuancen ließ sie Worte schillern und Charaktere Gestalt werden. Den sprachspielerischen Klang von Zeilen wie "J’avoue j’en ai bavé, pas vous" von Serge Gainsbourg, in denen Vokale zu tanzenden Rhythmen wurden, konnte kaum jemand klarer artikulieren als sie. Fein, voller Detailwitz und zarter Schönheit, dabei gesellschaftspolitisch gerade am Anfang brisant, war ihre Kunst. Und sie spiegelte sich in ihrem Leben, in dem sie sich die Freiheiten nahm, die sie besang. Juliette Gréco war mehrmals verheiratet, unter anderem von 1966 bis 1977 mit dem Schauspieler Michel Piccoli und seit 1989 mit dem Komponisten und Arrangeur Gérard Jouannest, der im Mai 2018 starb. Jetzt ist sie ihm nachgefolgt, leise und trotz gesundheitlicher Krisen der letzten Jahre für viele plötzlich. Zumindest innerlich trägt die Welt des Chansons jetzt Schwarz, so wie ihre größte Muse.

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