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"Ein leichtes Mädchen" erzählt von sexueller Selbstbestimmung | BR24

© Bayern 2

Die Unterwäsche-Designerin Zahia Dehar arbeitete früher als Escort-Girl – mit nur 17 Jahren, aber freiwillig, wie sie betonte. Nun spielt sie auch im Kino "Ein leichtes Mädchen". Rebecca Zlotowskis Film untersucht: Wie frei ist diese junge Frau?

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"Ein leichtes Mädchen" erzählt von sexueller Selbstbestimmung

Die Unterwäsche-Designerin Zahia Dehar arbeitete früher als Escort-Girl – mit nur 17 Jahren, aber freiwillig, wie sie betonte. Nun spielt sie auch im Kino "ein leichtes Mädchen". Rebecca Zlotowskis Film untersucht: Wie frei ist diese junge Frau?

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Das ist doch mal eine Provokation für diejenigen, die alle Spielarten emanzipierten Lebens umarmen wollen: Das „leichte Mädchen“, gespielt von Zahia Dehar, liegt, nein: posiert am Strand in Cannes und wirkt dabei gar nicht unglücklich oder fremdbestimmt. Im Gegenteil: Alles scheint perfekt an diesem Bild sommerlicher Lust. Das Glitzern der Wasseroberfläche, die beschauliche Bucht, das warme Sonnenlicht.

Diese Frau feiert die eigene Haut

Und perfekt ist auch der nahezu nackte Körper der Frau – sonnengebräunt, schlank, ölig-schimmernd. Diese Frau, Sophia heißt sie, feiert die eigene Haut, das verrät schon diese erste Szene. Sie feiert das Begehren, die Sexualität, die Blicke der Männer. Und so kann ein Zuschauer gleich zu Beginn spekulieren, ob er oder sie wohl unvoreingenommen genug sein wird, um mehr in dieser Frau zu erkennen als das Klischee, das der Titel – „Ein leichtes Mädchen“ – so unverhohlen aufruft. Etwas Subversives, Freies vielleicht.

Die meisten Frauen im Film können das nicht – sie fühlen sich provoziert von der süßen Schönheit und ihrem Wunsch, auf die Männer zu wirken. Erbärmlich finde er das nicht, wendet der Mann ein, der in den vergangenen Tagen den Körper der 22-Jährigen genossen und sie im Gegenzug auf Jachten, in edle Restaurants und verwunschene Villen eingeladen hat. Eher rührend. Der Zuschauer teilt den Eindruck: Das Höfliche, das Sophia hier an den Tag legt, die Freundlichkeit, mit der sie wiederholt Sticheleien übergeht, um die Aura des Angenehm-Lieblichen nicht zu verlieren, das rührt einen.

Was ist das für ein Leben, lockend und leicht?

Gleichzeitig deutet der Film aber eine andere Facette der Frau an: ihre Selbstbestimmtheit, Autonomie. Sie pfeife auf die Liebe, erklärt sie ihrer jüngeren Cousine Naïma (gespielt von Mina Farid), mit der sie diesen Sommer verbringt. Alles müsse sie selbst bestimmen, sich nicht reinreden lassen – das ist ihr Rat an die Jüngere. Und es sind diese Sätze, die Naïma zu ihr aufblicken lassen und die das unkonventionelle Leben der Cousine als ein mögliches, freies Lebensmodell erscheinen lassen, zumindest für diesen Sommer.

Naïma ist gerade 16 geworden, als Sophia sie besuchen kommt und sie – gemeinsam mit dem Zuschauer – in ihre Welt einführt: in die verlockende Welt der Wohlhabenden, eine Welt der bezaubernden Oberfläche, der vermeintlichen Sorglosigkeit, für die dieser Film intensive Bilder findet. Die Cousine ist beeindruckt von dem Lebenswandel, sie ist – anders als die älteren Frauen im Film – offen genug, um das Lockende, Leichte darin zu erkennen, und doch kritisch genug, um die Einwände derer zu hören, die Sophia ihre behauptete Freiheit nicht abnehmen und befürchten, der Cousine könnte die Nähe schaden:

"Man lebt nur einmal. Aber glaubst du denn, Sophia ist frei?" "Etwa nicht?" "Merkst du nicht, wie fertig sie manchmal ist? Und du siehst auch ganz müde aus."

Doch, das bemerkt sie. Nicht anders als der Zuschauer. Und deshalb bleibt der irgendwann mit der Frage zurück, ob dieser Film wirklich etwas Neues über die Figur des „leichten Mädchens“ zu erzählen hat: Die Frau wird nicht verurteilt, das ist die Stärke des Films. Aber kommt man umhin, die Melancholie, die gerade die stillen Abende begleitet, als Beweis dafür zu lesen, dass sich dieses Leben eben nicht frei und frisch anfühlt? Und wird einem nicht der frühe Tod der Mutter, der im Hintergrund der Geschichte steht, als Grund für den Lebenswandel angeboten? Das alles kann einen berühren, ohne Frage. Aber am Ende hält man das „leichte Mädchen“ eben doch für eine im Kern traurige und unfreie Figur – nicht viel anders als viele vor ihr.

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