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Die Integrierte Gemeinde galt als Reformprojekt in der katholischen Kirche. Doch viele ehemalige Mitglieder berichten über ein totalitäres System in der lange kirchlich anerkannten Gemeinschaft. Sie fordern Aufarbeitung.

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Ein Leben in einer kirchlichen Sekte

Die Integrierte Gemeinde galt als Reformprojekt in der katholischen Kirche. Doch viele ehemalige Mitglieder berichten über ein totalitäres System in der lange kirchlich anerkannten Gemeinschaft. Sie fordern Aufarbeitung.

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Von
  • Christian Wölfel

Der Eintritt von Gudrun Mann in die Katholisch Integrierte Gemeinde ist keine freie Entscheidung. Denn sie ist zwei Jahre alt, als ihre Eltern sich der Gemeinschaft anschließen, die streng nach dem Evangelium leben will. Das heißt für die Mitglieder: Sie leben gemeinsam in Integrationshäusern, die Kinder werden zeitweise von ihren Eltern getrennt. Das alles beschließt die Leitung, "die Gemeindeversammlung".

Kinder zeitweise von Eltern getrennt

Das hatte System, wie viele interne Dokumente belegen, die dem BR zugespielt wurden. So heißt es etwa über die Erziehung der Kinder im "Handbüchlein für Christen": "Die Kinder der Gemeinde anvertrauen heißt also, selbst der Gemeinde zu trauen und auf sie in allem zu hören."

Wer nicht auf die Entscheidungen der Leitung hörte, galt schnell als ungläubig - ein enormer Druck. "Irgendwie hatte ich immer das Gefühl, alles, was ich mache, ist schlecht und es liegt an mir. Dass ich einfach nicht erkenne, wie wunderbar die Gemeinde ist, in der ich aufwachse. Uns wurde immer gesagt: Wir sind Königskinder", sagt Gudrun Mann. Sie wurden ferngehalten von der Welt und sozialen Kontakten außerhalb der Gemeinschaft.

Keine eigene Entscheidung über Beruf und Beziehung

Mindestens zwei Mal im Jahr musste sie als Kind und Jugendliche umziehen, weil es die Integrierte Gemeinde so wollte. Eine Versammlung hat darüber entschieden, oft ohne Beteiligung der Betroffenen. Auch ihrem Berufswunsch kann Gudrun Mann nicht nachgehen. Sie muss Hauswirtschafterin in den verschiedenen Häusern der Integrierten Gemeinde sein.

Auch über die Liebe und Beziehungen entscheidet die Gemeinde. Gudrun Mann lernt ihren Freund "außerhalb" kennen. Ein Jahr solle er - strikt getrennt von seiner Freundin - in der Gemeinde leben, um sich zu prüfen. Das ist für Gudrun Mann zu viel. "Und da wussten wir beide dann: nein. Und weil ich halt schwanger war, hatte ich auch die Stärke zu sagen: Ne. Ich glaube, ansonsten hätte ich es echt nicht geschafft."

Erzbistum München-Freising löst Verein auf

Immer wieder werden in den vergangenen Jahrzehnten Vorwürfe gegen die Integrierte Gemeinde laut. Doch die kirchliche Anerkennung wird ihr nicht entzogen. Die ehemaligen Mitglieder machen weiter Druck. Im Februar 2019 dann lässt das Erzbistum München-Freising die Vorwürfe gegen die Integrierte Gemeinde kirchenrechtlich untersuchen. Im November 2020 löst der Münchner Kardinal Reinhard Marx sie auf. Ein eigener Ansprechpartner wurde für ehemalige Mitglieder benannt. Viele von ihnen fordern eine tiefgehende Aufarbeitung.

Theologen, die der Integrierten Gemeinde nahestehen, sprechen in Stellungnahmen zwar von unbestreitbaren Defiziten und Fehlern, doch der Bericht der Visitatorinnen und des Visitators des Erzbistums spiegele nicht die Realität wider, so ihr Argument. Anfragen vom BR lassen sie unbeantwortet.

Der Würzburger Theologie-Professor Matthias Reményi war als Student in den 1990er-Jahren mehrere Tage bei der Integrierten Gemeinde zu Gast. Später beschäftigte er sich mit ihrer Theologie und ihrer Geschichte. Das Kernproblem für ihn ist, dass die Gemeindeleitung glaube, dass durch sie Gott spricht. "Sobald Menschen zerbrechen, kann es nicht mehr der Wille Gottes sein. Sobald Menschen in den Suizid getrieben werden, kann es nicht der Wille Gottes sein", so der Fundamentaltheologe. Das sei so vielen passiert, die dies glaubwürdig schilderten. Deshalb sei es nicht das Problem einzelner und deren psychischer Struktur, sondern ein systemisches.

Treffen mit anderen Betroffenen hilft

Gudrun Mann gründete eine Familie. Trotzdem versuchte sie immer wieder, von der Integrierten Gemeinde akzeptiert zu werden. Sie wird psychisch krank, versucht sich das Leben zu nehmen. Die Schuld sucht sie bei sich. Erst im Herbst vergangenen Jahres, zeitgleich mit dem Ergebnis der Prüfung der Integrierten Gemeinde durch das Erzbistum trifft sie andere Betroffene. Das ändert alles. Denn sie merkt: Nicht nur ihr ging es so. "Es war für mich eine riesige Erfahrung, dass ich nicht alleine dastehe und nicht nur ich zu schwach und ungläubig war, sondern dass das wohl mit unserem Aufwachsen zu tun hatte."

Link zu: Beratung für Betroffene geistlichen Missbrauchs

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