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Ein Kinderlied als Spiegel des digitalen Debattenklimawandels | BR24

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Eine vom WDR-Kinderchor gesungene Umweltsatire hat eine Welle der Empörung ausgelöst

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Ein Kinderlied als Spiegel des digitalen Debattenklimawandels

"Meine Oma ist ne alte Umweltsau": Mit einer vom WDR-Kinderchor gesungenen Umweltsatire hat der öffentlich-rechtliche Sender eine Welle der Empörung ausgelöst. Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen über die zunehmende Polarisierung der Gesellschaft.

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"In deutschen Landen ist augenblicklich ein Lied im Schwange, das den vollendetsten Ausdruck der Volksseele enthält, den man sich denken kann – ja, mehr: das so recht zeigt, in welcher Zeit wir leben, wie diese Zeit beschaffen ist, und wie wir uns zu ihr zu stellen haben." Das hat am 14.12.1922 der große Kurt Tucholsky geschrieben. Das Lied, welches damals für viele Diskussionen sorgte, gesungen von einer "Korona grölender Enkel", hieß "Wir versaufen unser Oma ihr klein Häuschen". "Das kleine Lied", so Tucholsky seinerzeit, "enthält klipp und klar die augenblickliche volkswirtschaftliche Lage: Wir leben von der Substanz." Die junge Generation zehrte damals das mühsam zusammengesparte Vermögen der älteren Generation, der Großmama auf – und bekannte sich auch noch keck dazu.

Wie jeder weiß, ist dieses Lied "Wir versaufen unser Oma ihr klein Häuschen" später umgedichtet worden zum Spaß-Lied "Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad", und nun ist es neuerlich variiert und gesungen worden vom Kinderchor des WDR. Weil diese neue Version des Oma-Liedes das Reizwort "Umweltsau" enthält, ist es von der Bild-Zeitung zum "Schmäh-Lied" ernannt worden – und es hat eine Empörungsspirale ausgelöst, deren Ende noch nicht absehbar ist, weil hier leider mal das deutsche Sprichwort nicht stimmt, demzufolge jeden Tag eine andere Sau durchs Dorf getrieben wird. Die Erregung über die inkriminierte Klima-Lied-Dichtung analysiert der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen im Gespräch mit Knut Cordsen.

Knut Cordsen: Ist das, was uns seit dem Wochenende beschäftigt, ein Beispiel für das, was Sie in Ihrem Buch "Die große Gereiztheit. Wege aus der kollektiven Erregung" behandeln?

Bernhard Pörksen: Ja, ich würde sagen unbedingt. Wir erleben hier so eine emporschießende Empörung, und es schalten sich die unterschiedlichsten Player zu. Dass medienmächtig gewordene Publikum ist maximal polarisiert. In Boulevardmedien und auf Twitter wird darüber intensiv diskutiert. Wir erleben etwas, was ich versuche in meinem Buch als symbolische Aufladung zu beschreiben. Es ist ja nicht nur ein mehr oder minder aus meiner Sicht nicht sehr witziges Lied, eine missglückte Satire. Es ist nicht nur ein dussliger Tweet, der durch die sozialen Netzwerke rauscht, sondern es geht hier um einen Grundsatz-Konflikt, nämlich um die Frage: Wie könnte eine seriöse Klimapolitik aussehen? Stehen wir womöglich nach der Flüchtlingsdebatte vor einem neuen Polarisierungsschub in der Gesellschaft, den nachweislich, das zeigen die Umfragen, viele befürchten? Und verläuft dieser Polarisierungsschub entlang der Generationengrenzen?

Sie sprechen in diesem Zusammenhang von einer "Empörung zweiter Ordnung". Was meinen Sie damit?

Aus meiner Sicht leben wir mediengeschichtlich gesehen in einer Art Übergangszeit, in einer Zwischenphase der Medienevolution. Auf dem Weg von der Mediendemokratie alten Typs, gruppiert um mächtige Zentren, Institutionen hin zur Empörungsdemokratie des digitalen Zeitalters. Das bedeutet: Jeder kann sich zuschalten, jeder kann mitmachen. Der Satiriker genauso wie der Empörungsjunkie oder der ernsthafte Analytiker, der sich wie wir jetzt in die Meta-Analyse gleichsam flüchtet. Das heißt, dass die Empörung über die Empörung der jeweils anderen Seite zum kommunikativen Normalfall wird. Und genau das ist hier passiert. Am Ende des Tages regen sich alle irgendwie über alle anderen auf: über die Rechtsradikalen, die vor dem Funkhaus des WDR demonstrieren; über die AfD, die versucht, diese Debatte im Sinne einer Attacke auf den öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu instrumentalisieren; über einen Intendanten, der sich vom Krankenbett des eigenen Vaters ins Radio-Programm zuschaltet und wortreich entschuldigt und damit natürlich auch gewissermaßen die Debatte in einer Art und Weise bestimmt, bei der sich die Journalistinnen und Journalisten des Hauses fragen müssen, ob er ihnen hier womöglich einen Bärendienst erwiesen hat. Dieses Gegeneinander-Miteinander, die Sofort-Eskalation und vor allem die Empörung über die Empörung der jeweils anderen Seite, das alles sind Merkmale unserer Zeit. Einer Zeit, in der jeder medienmächtig geworden ist, aber vielleicht noch nicht medienmündig.

© picture alliance/Horst Galuschka/dpa

Medienwissenschaftler und Autor Bernhard Pörksen auf der 6. phil.cologne im Juni 2018 in Köln

Längst sind wir im Stadium des Überdrusses angelangt, in dem das Thema ironisiert wird. Patrick Bahners, Feuilleton-Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, twitterte: "Gleich: Walter Moers und Thomas Pigor entschuldigen sich für 'Adolf, du alte Nazisau'." Ist diese satirische Überspitzung eine Art von Entlastungshandlung, weil einen die hohldrehenden Aufgeregtheiten einfach nerven?

Das sehe ich in der Tat so. Man flüchtet gleichsam in die Satire. Man flüchtet in die Ironisierung, weil man merkt, dass dieses Thema keine wirkliche Erkenntnis bereithält. Man möchte sich irgendwie abreagieren durch Erschöpfung. Und Sie sehen noch etwas Anderes. Satire ist unter den gegenwärtigen Äußerungsbedingungen auf der Weltbühne des Netzes, und das Netz ist eine Weltbühne, eine ziemlich riskante Äußerungsform geworden. Wir haben hier eine wirklich schlechte, mies gemachte Satire, die keineswegs irgendwie künstlerisch zu überhöhen ist meines Erachtens. Aber unter den gegenwärtigen Bedingungen, in denen Kontext-Grenzen nicht mehr gelten – und jede Satire braucht Kontext, es muss klar sein, in welchem Zusammenhang sie formuliert wird - unter diesen Bedingungen, in denen Kontexte kollabieren, kann eben auch eine solche Sofort-Eskalation zustande kommen. Menschen nehmen dann etwas, was satirisch gemeint ist, gar nicht als satirisch wahr und reagieren massiv. Und noch etwas fällt mir auf in diesem Zusammenhang: Wir ringen ja im Moment als Gesellschaft um die große Frage: Wie kann eine seriöse, wirksame Klimapolitik aussehen? Und ob das endlose Diskussionen über ein Foto von Greta Thunberg im ICE sind oder ähnliches: Immer wieder taucht dabei dasselbe Phänomen auf, dass man im Grunde genommen von dieser großen, oft Ratlosigkeit erzeugenden Frage ‚Wie kann seriöse Klimapolitik aussehen?‘ ab- und wegkommt und dass die Suche nach einer Vision ökologischer Modernisierung ersetzt wird durch die permanente Eskalation und Emotion. In diesem Sinne scheint mir die Debatte über dieses Lied auch von großer zeitgenössischer diagnostischer Brisanz.

Um es allgemeiner zu fassen: Die Empörung nahm ihren Anfang in den Kanälen der sozialen Medien, auf Twitter war der Hashtag "Umweltsau" der bestimmende am Wochenende – und aus dieser Parallelwelt der sozialen Medien hat es das Thema in die traditionelle Medienwelt geschafft, in die Zeitungen, aber natürlich auch in den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Das geschieht ja immer häufiger. Vom sogenannten #OmaGate ausgehend: Wird das die Debatten der Zukunft prägen, und was bedeutet das auch für unsere demokratische Streitkultur, dass Diskussionen zunehmend in den sozialen Medien angestoßen werden, in denen es ja oft ein klares Freund-Feind-Denken gibt?

Es bedeutet im Endergebnis, dass sich Konflikte sehr viel schwerer eingrenzen lassen. Denn die Zahl der Player - derjenigen, die in der Erregungsarena der Gegenwart auf einmal mitspielen - hat sich ungeheuer vervielfacht. Die lassen sich nicht mehr an einen Tisch zusammenrufen, schon gar nicht im direkten persönlichen Gespräch, in dem sich etwas klären und womöglich deeskalieren ließe. Nein, das Publikum ist selbst medienmächtig geworden. Das Publikum ist, so würde ich sagen, eine Art fünfte Gewalt, diese fünfte Gewalt ist die vernetzte Gewalt. Es setzt eigene Themen. Und dann entsteht so ein Zusammenspiel zwischen der vierten Gewalt des klassischen Journalismus und der fünften Gewalt der vernetzten Vielen. Es entsteht eine Art Wirkungsnetz, es gibt plötzlich aufschäumende Aufmerksamkeits-Exzesse und etwas wird gleichsam vom Rand, von der Peripherie ins Zentrum der Wahrnehmung hinein gespült. Auf einmal schaltet sich ein Ministerpräsident ein, auf einmal schaltet sich ein Intendant ein und so wird das Thema auf den unterschiedlichsten Ebenen analysiert und traktiert. Mit diesen neuen Erregungsergebnissen und Erregungserlebnissen umzugehen, ist aus meiner Sicht die große, noch unverstandene Bildungsherausforderung der digitalen Zeit. Techniken der Abkühlung zu trainieren in Zeiten der kollektiven Erregung, darum geht oder ginge es.

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