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Kultur

Ein Heimatalbum: "Direct-to-Disc Sessions" von Seu Jorge & Rogê | BR24

© Elaine Groenestein

Seu Jorge & Rogê

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    Ein Heimatalbum: "Direct-to-Disc Sessions" von Seu Jorge & Rogê

    Schellackplatten wurden einst im Direktschnittverfahren hergestellt. Seit der Renaissance des Vinyls ist es wieder en Vogue – Brasiliens Superstar Seu Jorge und sein Kumpel Rogê nutzen es, um die Intimität ihrer Songs in den Vordergrund zu stellen.

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    25 Jahre kennen sich die beiden Musiker bereits, sie haben schon zahlreiche Songs miteinander geschrieben, aber erst jetzt zum ersten Mal gemeinsame Aufnahmen veröffentlicht.

    Der Star aus den Slums & der Samba-König

    Rogê hat den steilen Aufstieg seines Freundes Jorge Mário da Silva alias Seu Jorge hautnah miterlebt – als Jugendlicher lebte Jorge drei Jahre lang in den Slums von Rio auf der Straße, bevor er bei einer Theatergruppe als Musiker und Schauspieler arbeiten konnte, bald darauf mit Farofa Carioca eine von Rio de Janeiros wichtigsten Bands ins Leben rief und schließlich als Schauspieler und Solokünstler Karriere machte. Durch große Rollen in international erfolgreichen Kinofilmen wie "City of God" oder Wes Andersons "Der Tiefseetaucher" wurde er über Brasilien hinaus bekannt. Seine portugiesischen Coverversionen bekannter David-Bowie-Songs erregten 2005 weltweites Aufsehen.

    Im Unterschied dazu hat sich die Prominenz von Rogê bisher auf Brasilien beschränkt: Er hat dort sechs erfolgreiche Alben veröffentlicht, eine Duo-Aufnahme mit Musikerlegende Arlindo Cruz brachte ihm eine Nominierung für den Latin Grammy ein, in Rios Nachtclubs galt er als Samba-König.

    © 2020, Night Dreamer

    Seu Jorge & Rogê bei der Aufnahme

    Exil in Los Angeles

    Damit ist es jetzt vorbei. Nach der Machtübernahme von Brasiliens rechtspopulistischem Präsidenten Jair Bolsonaro ist Rogê nach Los Angeles gezogen. "Die jetzige Regierung unterdrückt die Kultur und den Samba mag sie schon gar nicht", sagt er.

    Seu Jorge, der schon seit 2015 in Los Angeles lebt, unterstützt seinen Freund und dessen Familie mit gemeinsamen Auftritten und einem eigentlich längst fälligen gemeinsamen Album. Denn Lieder schreiben die beiden schon länger zusammen – vor 25 Jahren haben sie damit begonnen und ihr erstes gemeinsam komponiertes Lied "Caminhão" musste selbstverständlich auch mit aufs Album.

    Lieder voller Heimweh

    Obwohl beide in Interviews deutliche Kritik am regierenden brasilianischen Präsidenten äußern, bleiben bei ihren Liedern politische oder sozialkritische Inhalte außen vor. "Wir hatten nicht die Absicht, uns in die Politik einzumischen", sagte Seu Jorge in einem Interview mit der New York Times, "wir wollten Musik machen, die unsere Gefühle widerspiegelt und die Tatsache, dass wir weit weg von unserer Heimat leben."

    Ein Heimweh-Album ist diese Studiosession also – mit federnden Samba-Rhythmen, melancholischen Balladen, weiten Melodiebögen. Die Arrangements sind überwiegend akustisch, als Begleitmusiker haben Seu Jorge & Rogê nur zwei Perkussionisten und gelegentlich einen Bassisten und Keyboarder mit im Studio gehabt. Der Roots-Charakter der Lieder und ihre Intimität wird durch das puristische Aufnahmeverfahren noch betont. Beim Direktschnittverfahren wird die Studiomischung direkt in eine Folie geschnitten, hinterher kann nichts mehr korrigiert werden. Ein paar akustische Unschärfen verzeiht man den Künstlern aber gern, denn insgesamt vermitteln diese sieben Songs einem das Gefühl, man würde direkt zwischen den Musikern im Studio sitzen.

    Die "Direct-to-Disc Sessions" von Seu Jorge & Rogê sind auf Vinyl und als Download bei Night Dreamer / H’Art erschienen.

    © Night Dreamer / H’Art /Montage BR

    Die "Direct-to-Disc Sessions" von Seu Jorge & Rogê

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