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Ein gelungenes Experiment: 20 Jahre Neues Museum Nürnberg | BR24

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Das Neue Museum in Nürnberg feiert seinen 20. Geburtstag.

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Ein gelungenes Experiment: 20 Jahre Neues Museum Nürnberg

Mitunter hat es geknirscht, Konflikte blieben nicht aus, aber insgesamt ist es eine Erfolgsgeschichte. Obwohl die Festreden ausfallen und die geplanten Sonderausstellungen verschoben werden mussten: Das Neue Museum Nürnberg gehört trotzdem gefeiert.

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Das Neue Museum in Nürnberg ist in mancher Hinsicht einzigartig. Schon der spektakuläre Bau aus Glas und Beton des renommierten Architekten Volker Staab mitten in der Nürnberger Altstadt ist bemerkenswert und wohl einer der meist fotografierten Orte in der Stadt. Dann die Sammlung: Staatliches Museum für Kunst und Design - der Untertitel verrät, dass das Museum eigentlich zwei Museen in einem beinhaltet. Heute feiert das Neue Museum sein 20-jähriges Bestehen. Wobei "feiern" in Zeiten von Corona wohl nicht richtig passend ist: Der Festakt abgesagt, die feierlichen Grußworte stehen auf der Homepage, die geplanten Sonderausstellungen zum Jubiläum im Aufbau steckengeblieben und überhaupt ist das Museum geschlossen.

Sichtbeton und Sandstein

Wie ein Tunnel führt der schmale Weg zwischen Glas und Sandstein zum Museum. Und plötzlich wird es weit. Die 100-Meter-Glasfassade des Neuen Museums mit ihrer leichten Links-Krümmung tauchen in ihrer vollen Schönheit auf. Mitten in der Nürnberger Altstadt hat der Berliner Architekt Volker Staab seinen Kubus aus Glas, Sichtbeton und Sandstein in die mittelalterlichen Gassen perfekt hineingefügt. Wie in riesige Schaufenster können Passanten ins Museum schauen.

Architekt Volker Staab wollte zum Jubiläum eigentlich in den sechs Fassaden-Räumen seine Visionen von Architektur präsentieren, sagt er: "Unsere Arbeitsweise zeichnet sich dadurch aus, dass wir keine auf den ersten Blick erkennbare Handschrift haben. Und das liegt daran, dass wir uns immer bei jedem Projekt die Frage stellen, was sind die Themen, was ist der Kontext dieses Projekts und so ist auch nach Name der Ausstellung. Was ist so der Resonanzraum, in der so ein Projekt entsteht."

© Laura Thumer/Neues Museum Nürnberg

Philipp Messner "Clouds"

Der Kontext in Nürnberg war vor dreißig Jahren, also 1990, der Beschluss der Staatsregierung nicht nur in München die Pinakothek der Moderne zu bauen, sondern auch das Neue Museum in Nürnberg, das erste staatliche Museum außerhalb Münchens. Auf städtischen Brachland zwischen Stadtmauer, Rotlichtviertel und Einkaufsstraßen sollte ein besonderes Museum entstehen, das Kunst und Design in einem Haus zeigt. Volker Staab war damals 1991 bei der Ausschreibung der einzige Bewerber, der nicht die gesamte Fläche bebauen wollte, sondern mit dem Klarissenplatz einen Ort für Kunst im öffentlichen Raum geschaffen hat.

Experiment gelungen

Im Haus bewegen sich die Besucher über Rampen und die Treppenspirale zu den insgesamt 20 Sammlungsräumen. Die Treppenspirale ist selbst mehr Skulptur als Architektur und lässt an das berühmte Guggenheim-Museum in New York denken. Eva Kraus leitet das Haus seit sechs Jahren. Zum Jubiläum hat sie den gesamten Bereich im Erdgeschoss neu gestaltet und lässt unter dem Motto "Mixed Zone", also gemischte Zone, Kunst und Design aufeinander treffen. "So haben wir versucht, einmal ganz anders unsere beiden Sammlungen zu beleuchten und denken, dieses Experiment ist gelungen", so Eva Kraus "Es ist auf alle Fälle ungewöhnlich, es ist sehr stark inszeniert vom Künstler Tilo Schulz, also ich denke, es ist ein großer Meilenstein in unserer Sammlungs-Präsentation."

© Roman März/ Neues Museum Nürnberg

Peter Buggenhout "On Hold 4/On Hold 5"

Ein riesiges Lounge-Möbel, bestehend aus Hunderten übereinander geschichteten Militär-Stoffe, trifft hier auf eine Flaggen-Installation eines rumänischen Künstlers. Diese neue Nachbarschaft, ja der fast verspielte Dialog zwischen freier und angewandter Kunst wäre vor 20 Jahren bei der Eröffnung des Museums noch undenkbar gewesen.

Manchmal hat es geknirscht

Die beiden Gründungsdirektoren Lucius Grisebach und Florian Hufnagl verband die Liebe zu klaren Formen. Ihre Sammlungen ließen sie aber lieber getrennt. Der erst im vergangenen Dezember verstorbene Florian Hufnagl war Direktor der Neuen Sammlung München und verantworte den Bereich Design. Lucius Grisebach kuratierte die städtische Sammlung aus 1.500 Werken zeitgenössischer Kunst, die den Grundstock der Sammlung des Neuen Museums bildete. Ein Miteinander und Nebeneinander, das nicht immer leicht war, erzählt Eva Martin, die stellvertretende Direktorin: "Damals hatte man sich entschlossen, im Erdgeschoss das Design zu zeigen und im ersten Stockwerk die Kunst und ab und an auch gemeinsame Ausstellung zu machen und das hat funktioniert, aber manchmal hat es auch geknirscht, weil auch die beiden Direktoren sehr eigenwillige Köpfe waren und sich erst auch zusammenfinden mussten."

© Annette Kradisch / Neues Museum Nürnberg

Katharina Grosse, Ohne Titel

Die Designabteilung war damals nach Jahrzehnten geordnet: Für die 50-Jahre stand zum Beispiel die Cola-Flasche, die Plattenspieler von Braun führten in die 60-Jahre und das Antidesign von Memphis verkörperte die 80-Jahre. 2007 wurde nach Grisebach Angelika Nollert Direktorin im Neuen Museum.

Schatzkiste des Museums

Angelika Nollert gelang es dann, mit der Sammlung Böckmann eine der größten Sammlungen von Gerhard-Richter-Werken als Dauerleihgabe nach Nürnberg zu holen. Eva Kraus konnte dann vor sechs Jahren ihren Einstand gleich mit einer großen Richter-Schau geben. Im oberen Stock befindet sich die Schatzkiste des Museums mit dem Richter-Raum, in dem wechselnd immer zehn bis fünfzehn Werke des Künstlers gezeigt werden, sagt Eva Kraus, die Direktorin: "Die sind natürlich ständig auf Reisen, in China, in den USA, also wir wechseln ständig durch, deswegen haben wir immer was Neues hängen. Aber die Meisterwerke, zum Beispiel der Totenschädel mit Kerze, hängt hier, das ist eines der wichtigsten Werke aus der Sammlung Böckmann, also man kann bei uns immer Richter bestaunen."

© Annette Kradisch/Neues Museum Nürnberg

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Neben den ganz großen Namen setzen die Kuratorinnen und Kuratoren des Museums in ihren Sonderschauen auch auf fast vergessene Künstler wie gerade Norbert Schwontkowski oder noch jüngere Künstler und Künstlerinnen wie Raphaela Vogel. Direktorin Eva Kraus liebt die freie und angewandte Kunst zu kombinieren, das hat sie im vergangenen Jahr mit einer großen Sonderschau zum Bauhaus gezeigt. Mit der Umgestaltung des Erdgeschosses in eine Mixed Zone hat sie dem Museum ein prägendes Abschiedsgeschenk hinterlassen. Im August übernimmt Eva Kraus die Intendanz der Bonner Kunsthalle. Gerade laufen die Bewerbungsgespräche für ihre Nachfolge.

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