Deniz Yücel.
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Deniz Yücel legte im Mai 2022 sein Amt als PEN-Präsident nieder.

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Ein Gegen-PEN? PEN Berlin gibt Gründung bekannt

Seit dem Rück- und Austritt seines Präsidenten Deniz Yücel und der Einberufung eines Notstandspräsidiums steckt die Schriftstellervereinigung PEN in ihrer wohl tiefsten Krise. Jetzt gründet sich ein neuer PEN: der PEN Berlin.

Am vergangenen Freitagvormittag schaltete sich eine Riege namhafter deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller per Zoom zusammen. 113 Autorinnen und Autoren, Publizistinnen und Publizisten waren virtuell versammelt: unter ihnen Franz Dobler, Nora Gomringer, Thea Dorn, Eva Menasse, Lucy Fricke, Nora Bossong, David Wagner, Daniel Kehlmann, Thomas Hettche, Peter Licht, Miku Sophie Kühmel, Michel Friedman, Steffen Kopetzky, und Katharina Hagena.

"Der Schrecken von Gotha"

Fast drei Stunden redete man miteinander. Es fielen die Worte "der Schrecken von Gotha" und "das Trauma von Gotha". Der 85-jährige ehemalige Generalsekretär des PEN, Herbert Wiesner, hielt eine lange, bewegende Rede, in der der Satz fiel: "Der PEN hat sich in Gotha selbst zerlegt."

Auf der hybriden Mitgliederversammlung Mitte Mai in Thüringen – rund 150 Mitglieder waren präsent, viele weitere waren online zugeschaltet – waren die erheblichen Friktionen innerhalb des deutschen PEN-Zentrums manifest geworden. Am Ende hatte der mit großer Mehrheit erst im Oktober 2021 zum Präsidenten gewählten Publizist Deniz Yücel sein Amt demonstrativ niedergelegt und seinen Austritt aus der von ihm so bezeichneten "Bratwurstbude" verkündet. Der PEN schafft es normalerweise nicht in die Tagesschau oder die Tagesthemen – hier aber war es so. Ein Novum auch das.

Alte Kämpen gegen jüngere Generation?

Viele der Teilnehmer in Gotha waren "bisher nur Karteileichen" (Eva Menasse) des PEN-Zentrums und erstmals in die thüringische Stadt gereist oder hatten sich zugeschaltet – aus Sympathie mit dem 48-jährigen Yücel, der ihrer Meinung nach als Präsident für einen Neuaufbruch des PEN stand.

Was jedoch in Gotha zu beobachten war, ist als "Riss" und "Schisma" nur unzureichend beschrieben. Es war die totale verbale Eskalation. Trillerpfeifern waren zu hören, wüste Beleidigungen, Sticheleien, "eine keifende und johlende Menge", wie es ein Mitglied des alten PEN beschreibt. Und als wäre das alles nicht schon schlimm genug, war sich der 72-jährige Generalsekretär des PEN, Heinrich Peuckmann, nicht zu schade, die Länge seines Wikipedia-Eintrags mit der des Präsidenten Yücel zu vergleichen.

Das PEN-Mitglied Ralf Sotschek resümierte peinlich berührt: "Es war zum Fremdschämen!" Der Publizist Jens Bisky reagierte umgehend und trat aus dem PEN aus, die Lyrikerin Nora Gomringer, die in Bamberg das Künstlerhaus "Villa Concordia" leitet, tat es ihm gleich und schrieb auf Facebook: "People! Exodus! Now!".

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Mitgliederversammlung des PEN in Gotha

Die Berliner Autorin Nora Bossong twitterte: "Wieder so ein Tag, an dem man gern aus dem PEN austreten würde, wäre man es nicht schon." Obwohl alle Seiten betonten, dass es sich bei all dem nicht um einen Generationenkonflikt handelte, konnte man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass sich hier vor allem eine Front der Älteren – namentlich die ehemaligen PEN-Präsidenten Johano Strasser (83), Gert Heidenreich (78), Regula Venske (66), Christoph Hein (78) und Josef Haslinger (66), die einen Offenen Brief gegen Deniz Yücel verfasst und also offen intrigiert hatten – gegen einen Neuanfang stemmte und weitere Mitglieder zu mobilisieren verstand. Die Wahl Josef Haslingers zum Interimspräsidenten des PEN in Gotha sprach in dieser Hinsicht Bände.

"Wir wollen einen neuen PEN"

Rückblickend sagt Eva Menasse: "Diese Eskalation war ein Glücksfall." Sie sprach als erste während der denkwürdigen digitalen Zusammenkunft vor Pfingsten, an deren Ende der Beschluss zur Gründung eines neuen PEN-Clubs innerhalb des bestehenden deutschen PEN stand: der PEN Berlin. 100 Jahre nach der Gründung des Internationalen PEN im Jahre 1922 (die Abkürzung steht für Poets, Playwrights, Essayist, Editors and Novelists) hat dessen deutsche Sektion bei ihrem desaströsen Jahrestreffen in Gotha einen so tiefe Gespaltenheit über die Ziele der Schriftstellervereinigung offenbar werden lassen, dass sich nun eine an Anzahl wie Renommee beträchtliche Gruppe entschlossen hat, ein deutliches Zeichen zu setzen und einen Neuanfang zu wagen. "Wir wollen einen neuen PEN", hebt eine heute veröffentlichte Erklärung des "PEN Berlin" an: "Einen neuen und diversen PEN, in dem sich auf Deutsch schreibende oder in Deutschland lebende Schriftsteller:innen aller literarischen und publizistischen Genres zusammenfinden. Einen PEN von und für Schriftsteller:innen, die sich für größtmögliche Meinungsfreiheit und einen offenen Diskurs einsetzen [...] Im Geiste unserer Namensgeberin Berlin, der Stadt, die heute für Offenheit und für die Überwindung von Grenzen steht, nennen wir uns PEN BERLIN – eine NGO, die sich den Idealen der Aufklärung, der Meinungsvielfalt, der Toleranz und der Solidarität verpflichtet. Denn die Freiheit des Wortes ist weltweit bedrohter als jemals zuvor."

Ein streng genderparitätisch besetztes, elfköpfiges und altersmäßig recht junges Board, das sich als "Geburtshelferin" versteht, stellt sich zur Wahl: Mithu Sanyal, Ronya Othmann, Alexandru Bulucz, Eva Menasse, Sophie Sumburane, Konstantin Küspert, Simone Buchholz, Joachim Helfer, Deniz Yücel, Ralf Nestmeyer und Elke Schmitter werden diesem Board angehören, das laut Satzung als "Kollegialorgan" die laufenden Geschäfte führen soll. Da man "weniger hierarchisch aufgestellt sein" will, muss es laut Initiativgruppe nicht unbedingt einen Präsidenten geben. Wohl aber sollen zwei Mitglieder des Boards als Sprecher fungieren.

Auch Australien hat zwei PEN-Zentren

Im Gespräch mit dem BR erklärt Eva Menasse, dass auch andere Länder zwei PEN-Zentren hätten. In Australien etwa gebe es den PEN Melbourne und den PEN Sydney. Auch Spanien hätte mehrere PEN-Zentren. Alles ganz normal also? Man merkt: Der Eindruck des Separatismus, der Revolte und der Rache soll auf jeden Fall vermieden werden. Dazu gehört, dass betont wird: Keiner, der dem neuen PEN Berlin beitreten möchte, muss dafür aus dem PEN Darmstadt austreten. Man könne durchaus auch beiden deutschen PEN-Vereinigungen angehören.

Wie viele Doppel-Mitgliedschaften es indes realiter geben wird, kann zum jetzigen Zeitpunkt nicht gesagt werden. Fragt man Eva Menasse, mit welcher Reaktion vom Darmstädter Notstandspräsidium unter Josef Haslinger sie rechnet, erwidert sie am Telefon: "Ich hoffe, dass wir uns nicht als Feinde begegnen werden. Der alte PEN erscheint mir kaum mehr reformierbar. Natürlich ist das kein freundlicher Akt, aber wir müssen den Schwung und die positive Energie, die jetzt da ist, nutzen zu einem Aufbruch in einen dynamischeren Verein und den Diskurs wieder breiter machen."

Vor wenigen Tagen erst hatte das Darmstädter PEN-Zentrum bekanntgegeben, dass bis zur außerordentlichen Mitgliederversammlung im Herbst folgende Aufgabenverteilung im neuen Interims-Präsidium vorgesehen sei: Vorbehaltlich der Zustimmung durch die Mitglieder würde Claudia Guderian das Amt der Generalsekretärin versehen, Leander Sukov das des Schatzmeisters, Cornelia Zetzsche wäre für das Writers-in-Prison-Programm zuständig und Astrid Vehstedt für das Writers-in-Exile-Programm.

Außerdem, so hieß es in einer dürren Pressemitteilung, sei das Präsidium "intern übereingekommen, so zu verfahren, als gäbe es eine gemeinsame Leitung. Sie besteht aus Maxi Obexer und Josef Haslinger." Ein Führungsduo also. Offensichtlich fühlte man sich in Darmstadt unwohl mit der Gothaer Allein-Notlösung Haslinger.

Margarete Stokowski und Antje Rávik Strubel dabei

"Wir brauchen diesen neuen PEN, um dem Wort, der Literatur, der Poesie und jedweder weiteren textuellen Gestaltung den Raum zu geben, den sie brauchen, um sich frei zu entfalten. Und wir brauchen diesen neuen PEN, der gemeinsam und losgelöst von Herkunft, Gesinnung und Haltung Missstände anprangert und denjenigen hilft, die sich in ihrer freien Meinungsäußerung bedroht fühlen oder bedroht werden. Uns sind alle willkommen, die mit dem Wort arbeiten und bereit sind, sich uns bei diesem Vorhaben anzuschließen. Wir stehen im Wort." So schließt die heutige Erklärung derer, die sich künftig unter dem Vereinsnamen "PEN Berlin" versammeln wollen.

Unter ihnen die Kolumnisten Margarete Stokowski und Jan Fleischhauer, die Trägerin des Deutschen Buchpreises Antje Rávik Strubel, der Münchner Lyriker und Autor Friedrich Ani, der 94-jährige Georges-Arthur Goldschmidt, der Romancier Kristof Magnusson, der Träger des Preises der Leipziger Buchmesse Tomer Gardi sowie viele weitere angesehene Namen: David Schalko, Hanns Zischler, Seyran Ateş, Gert Scobel, Michail Schischkin, Jaroslav Rudiš, der Tocotronic-Sänger Dirk von Lowtzow, der Autor Dinçer Güçyeter und der Feuilleton-Redakteur Patrick Bahners von der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" sowie Jan Feddersen von der "tageszeitung". Auch die Verleger Jörg Sundermeier (Verbrecher Verlag) und Gunnar Cynybulk (Kanon Verlag) sind mit von der Partie. Insgesamt haben laut heute versandter Pressemitteilung 232 Personen ihren Willen bekundet, Mitglied des PEN Berlin werden zu wollen.

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Die Schriftstellerin Eva Menasse

Michel Friedman als juristischer Beistand

Der Plan sieht nun so aus: Am 10. Juni bereits soll es zur Gründungsversammlung des eingetragenen Vereins PEN Berlin im Literaturhaus Berlin kommen. Für alle juristischen Fragen hat man als Berater (und Neumitglied) den Frankfurter Publizisten Michel Friedman gewonnen. Man will genauso wie der bisherige PEN ein Writers-in-exile- sowie ein Writers-in-prison-Programm aufsetzen und sich um die Förderung durch die Beauftragte für Kultur und Medien im Bundeskanzleramt, Claudia Roth, bemühen.

Auf der nächsten Versammlung des Internationalen PEN, die vom 27. September bis 1. Oktober in Uppsala stattfindet, bewirbt sich der neugegründete PEN Berlin, der sich der Charta des Internationalen PEN verpflichtet sieht, um die entscheidende Anerkennung durch den Internationalen PEN.

Als Bürgen hat man bereits mehrere Verbände gewonnen, darunter den PEN der Ukraine und den ugandischen PEN. Dem gehört auch die ugandische Schriftstellerin Stella Nyanzi an, die an der Gothaer PEN-Tagung teilgenommen und ein Klima der "Toxizität" festgestellt hatte. An der Zoom-Schalte, die die Gründung des PEN Berlin am vergangenen Freitag vorbereitete, nahm sie auch teil. Im Chat schrieb sie: "I stand with the spirit of PEN Berlin." Eine Solidaritätserklärung, die jenen, die sich da gerade im Aufbruch zu etwas Neuen befanden, eine Ermutigung gewesen sein wird.

Das Darmstätter PEN-Zentrum sieht die angekündigte Neugründung einer Autorenvereinigung als Ergänzung seiner Arbeit. "Wir sehen das als Bereicherung der Arbeit des PEN in dem Bemühen, uns neu aufzustellen", sagte die Generalsekretärin Claudia Guderian am Dienstag. Man wolle den Kontakt suchen. Die Autoren, die sich zu der Neugründung bekannt hätten, seien überwiegend weiter auch Mitglieder im PEN. Es habe nur sehr, sehr wenige Austritte gegeben. Darüber hinaus habe Jeder die Freiheit, einen Verein zu gründen.

Transparenzhinweis: Der Verfasser dieses Artikels ist dazu eingeladen worden, der Neugründung PEN Berlin beizutreten und hat diese Einladung angenommen.

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