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Bildrechte: BR/Foto Sessner

Der Sänger und Schauspieler Charles Aznavour

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Ein Charles-Aznavour-Film wie ein Selfie

Der Sänger und Schauspieler Charles Aznavour hat sein ganzes Leben lang nebenbei mit einer Kleinbildkamera gefilmt. Aus diesem Material ist posthum jetzt der Film "Aznavour by Charles" geworden – gefühlvoll wie ein Chanson.

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Von
  • Judith Heitkamp

Ist es ein Dokumentarfilm oder Autofiktion? Ein Selbstporträt oder sogar Fanfiction? Charles Aznavour, einer der größten und prägendsten Chansonniers überhaupt, 2018 im Alter von 94 Jahren gestorben, hat sein ganzes Leben lang nebenbei gefilmt. Wo immer er war, mit wem immer er dort war. Und angeblich hat er diese Filme danach nie gesichtet. Aufbewahrt aber hat er sie –aus diesem Material ist jetzt der Film "Aznavour by Charles" geworden.

"Ich weiß wohl, dass es euch berührt hat, mich zu sehen. Es ist euer Blick, der Aznavour gemacht hat." Sätze von Aznavour, es ist nicht seine Stimme, die spricht, aber er ist es, den wir zu diesen Worten sehen, auf den Bühnen der Welt, hinter den Bühnen, im Scheinwerfer-Spot, einen langen letzten Liedton mit dem ganzen Körper haltend – seine öffentliche Chansonnier-Existenz. Der Blick der anderen, der einen festlegt, Existenzialismus im Showgeschäft. Dann kommt der Gegenschuss: "Vous m‘avez vu, oui. Mais ce que vous ne savez peut-être pas, c’est que moi aussi, je vous ai vus…", er hat uns auch gesehen, sein Publikum, sein Gegenüber, die Menschen seines Lebens. Gesehen – und gefilmt.

Eine Selbstbehauptung, eine Selbstvergewisserung in Super 8 und auf 16 Millimeter. Er, der dünne, zerknitterte, kleine Mann – viel zu klein für die Bühne, das haben sie alle gesagt! Er wusste schon immer, dass er ein Star sein konnte. Aber die anderen, die wussten es eben lange nicht. Edith Piaf, die ihn entdeckte und förderte, schenkte dem Nachwuchstalent 1948 eine kleine Kamera, die er zeitlebens behielt und benutzte und immer wieder auch anderen in die Hand drückte, um selbst im Bild zu sein.

Film über Aznavour entstand posthum

Man braucht also keine Sorge haben, dass ein filmender Aznavour ganz hinter der Kamera verschwunden wäre, oh nein. Verschwinden sollte da nichts, kurz vor seinem Tod öffnete der Star dem Filmmacher Marc di Domenico sein Super 8-Archiv. Unzählige Bandrollen. "Vielleicht weißt du etwas damit anzufangen", sagte er.

Und so entstand dieser Film. Posthum, der 2018 verstorbene Aznavour hat ihn natürlich nicht sehen können, dennoch, "ein Film von Charles Aznavour", so heißt es korrekt im Vorspann, "in der Regie von Marc di Domenico". Was Bild und Musik nicht erzählen, liefert ein Puzzle aus Aznavour-Sätzen, vorgetragen von dem Schauspieler Romain Duris, die aus Gesprächen, aus den Memoiren und Notaten stammen. "Aznavour by Charles" ist eine einzige große Montage-Arbeit.

"Nehmt mich mit ins Land der Wunder", singt Aznavour in "Emmenez-moi". Die Kamera habe ihn begleitet, heißt es dazu im Off, bis ans Ende der Welt, genau, dorthin, ins Land der Wunder, bei Tourneen, in der Carnegie-Hall, als Aznavour beginnt, auch als Schauspieler zu arbeiten, bei der ersten Liebe, bei der zweiten Liebe und der dritten. Wir sehen fremde Länder, fremde Menschen, Boote, Meer und das Hineinwachsen ins Jetsetleben. Ganz offensichtlich hatte der Chansonnier auch ein Händchen fürs Bild.

Der ganze Film ist ein Wunderland des kleinen großen Charles, ein filmisches Chanson mit vielen Chansons drin. Man braucht die Entschlossenheit zu großen Gefühlen, um in diese 83 Minuten einzutauchen, so wie man sich auf das Pathos und die rollenden französischen Rs (forrrrmidable!), der alten Titel einlassen muss – sonst bleibt ihr Zauber verschlossen. Ein Dokumentarfilm ist dieser Film natürlich nicht, sondern die liebevoll zusammengestellte illustrierte Abenteuerreise eines Helden, der schließlich glücklich wurde.

Ob das so war? Da sterben Lieben schon mal wie Blätter im Herbst oder eben wie im Schlager, unbekannte Großmütter wollen umarmt und bekannte Schauspieler miterwähnt werden. Und doch ist es eine verschobene Selbstinszenierung, aus einer Zeit vor der Erfindung des Selfies, vielleicht wirklich so absichtslos gefilmt wie behauptet. Wer "Aznavour by Charles" sieht, möchte die Intimität gerne glauben, die hier beschworen wird, gemeinsam mit einer anrührenden Vergangenheit der körnigen Filmaufnahmen und botox-freien Stirn-Falten. "Manchmal hat die Gegenwart keine Zeit, zu Text oder Musik zu werden", zitiert der Film Aznavour. In solchen Momenten fing der Sänger ein Stück davon mit der Kamera ein.

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