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Ein Verleger-Urgestein - Zum 90. Geburtstag von Klaus Wagenbach | BR24

© Audio: BR / Bild: picture-alliance / Sven Simon

Verleger-Urgestein Klaus Wagenbach wird 90.

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Ein Verleger-Urgestein - Zum 90. Geburtstag von Klaus Wagenbach

Eine Wiese auf dem Feldberg stand am Anfang. Der Erlös aus ihrem Verkauf floss 1964 in die Gründung eines Verlags: des Wagenbach-Verlags. Heute feiert das Berliner Verleger-Urgestein Klaus Wagenbach seinen 90. Geburtstag.

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Einer seiner letzten öffentlichen Auftritte fand schon 2014 statt, im Berliner Maxim-Gorki-Theater. Seitdem ist Klaus Wagenbach, das einst so kampfeslustige enfant terrible der deutschen Verlagsszene verstummt. „Es erheitert mich, immer wieder gefragt zu werden, mindestens drei Mal im Jahr: ‚Sagen Sie mal: Wie geht’s Ihnen denn, wie überleben Sie denn, Sie werden doch sicher bald verkaufen müssen?‘ Das höre ich seit 40 Jahren. Alles Quatsch!“ So sagte es Wagenbach vor einigen Jahren. Das Urgestein der deutschen Verlagslandschaft ist immer komischer Kommunist und Konservativer in einer Person gewesen. Sein Markenzeichen sind knallrote Socken. Sein Lieblingsland: Italien. Italienische, aber auch spanische und französische, kurzum: romanische Literatur hat der Rotweinliebhaber jahrzehntelang verlegt.

Der souveräne Verleger

Begonnen hat er freilich mit deutschen Autoren: Wolf Biermann („Die Drahtharfe“) und Erich Fried, dessen Band „Liebesgedichte“ eines der erfolgreichsten Bücher des Verlags – bis 2008 Alan Bennetts Bestseller „Die souveräne Leserin“. Wagenbach, der den Streit nie scheute, wird man als souveränen Verleger bezeichnen dürfen. Er ist in der Buchbranche einer der wenigen Kleinen, die lustvoll poltern gegen die Großen, das Kapital, die Konzernverlage mit ihren „Marketingdirektoren“. Die riesigen Verlagskonglomerate wie Random House/Bertelsmann sind ihm ein Gräuel – bringen sie seiner Meinung nach doch nur unnötigen „Event-Schmonzes“ heraus: „Inhaltlich bedeutet das: Dieter Bohlen ja, Nathalia Ginzburg oder Ermanno Cavazzoni nein. Man kann es zusammenfassen in dem wunderbaren Satz von Hans Magnus Enzensberger: ‚Bertelsmann ist ein großer Verlag. Einen Autor des Bertelsmann-Verlages wüsste ich im Moment nicht zu nennen.‘ Hans Magnus zieht dann so ein bisschen das Maul schief und wird ein bisschen zynisch, aber in der Sache hat er vollkommen recht: Die neue, interessante, junge, ungewöhnliche Literatur ist vollständig in die Hände der unabhängigen Verlage gegeben - vollständig.“

Leidenschaft und Italianità

Ach ja, ein Verleger aus Leidenschaft, mit dem Hausheiligen Franz Kafka im Rücken, über den er promovierte und als dessen „dienstälteste Witwe“ er sich gern bezeichnet. Der Kunsthistoriker Peter Burke zählt ebenso zu Wagenbachs Programm wie Schriften des Film-Regisseurs Pier Paolo Pasolini. Der nunmehr 90-jährige Wagenbach hat die Führung seines Verlags 2002 an seine Frau Susanne Schüssler abgetreten, ist nurmehr Gründer und Namensgeber und sagt: „Wir sind zwar ein Berliner Verlag, aber kein Verlag für Berlin. Ein internationaler Verlag.“ Kann man stolz darauf sein, muss man wirklich nicht klagen. Allein: „Unser Gewerbe, dieses schöne Gewerbe vom Büchermachen, ist ein Jammergewerbe. Was leider von manchen Kollegen dafür genutzt wird, dass sie nun besonders laut jammern, während ein kluger Verleger ja lernt, zu jammern ohne zu leiden.“ Humor ist eine seiner großen Begabungen. Zu den Grundpfeilern des Berliner Wagenbach Verlags zählen seit je drei Grundideen: Anarchie, Geschichtsbewusstsein und Hedonismus. Ein Label mit hohem Wiedererkennungswert im immer unübersichtlicheren deutschen Buchmarkt. Politisch engagiert, das war Wagenbach immer, verlegte Werke der späteren Terroristin Ulrike Meinhof und zitierte gerne Heinrich Heine: „Solche Bücher läßt du drucken! / Teurer Freund, du bist verloren! / Willst du Geld und Ehre haben, mußt du dich gehörig ducken.“ Einige seiner signalfarbenen Bücher wurden beschlagnahmt in den 1970er Jahren, der spätere Bundesinnenminister Otto Schily, ein enger Freund, verteidigte damals Klaus Wagenbach als Rechtsanwalt.

Erfinder der „Herzklausel“

12 Mitarbeiter hat der Verlag, davon vier Lektoren. Diese Vierer-Bande hat sich eine eigene Verfassung gegeben: Bücher werden nur dann gemacht, wenn jeder der vier Lektoren zustimmt: Aber: Da wir ein linker Laden sind, müssen wir natürlich auch über Minoritäten nachdenken. D.h.: Was ist, wenn einer recht hat und die anderen unrecht? Das ist ja in Deutschland auch historisch schon öfters vorgekommen.“ Für diesen Fall hat man die sogenannte „Herzklausel“: „Wenn einer in der Runde sagt, ihr anderen seid alle Idioten, wir müssen dieses Buch machen. Dann frage ich oder eben jetzt schon seit langem meine Frau Susanne Schüssler: Hängt dein Herz dran? Und wenn derjenige dann ja sagt, ist das Buch ohne Diskussion angenommen.“

Vorbild für Jüngere

Kein Wunder, dass so einer wie der Jubilar Wagenbach ein Vorbild gerade für Jüngere ist: „Es sitzen da natürlich immer wieder, weil ich so’n Dinosaurier bin, viele junge Leute mit glänzenden Augen da, haben irgendwie das Glück eines reichen Vaters gehabt oder so und fragen mich: ‚Soll ich Verleger werden?‘ Ich habe allen immer gesagt und sage es auch heute: Macht bitte einen Verlag auf. Nichts ist schöner. Ob’s gut geht oder nicht, das entscheiden wir nicht allein, das entscheiden natürlich auch die Leser. Aber das ist ein wunderbares Gewerbe und daran wird es nicht fehlen in Zukunft, weil Verrückte immer nachwachsen, Gott sei Dank.“

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