Puristischer Innenraum der Waldnaabkapelle bei Tirschenreuth: Holz, Beton, Kreuz und Kerzen
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Innenraum der Waldnaabkapelle bei Tirschenreuth

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Ein Bau wie eine Skulptur: Die Waldnaabkapelle bei Tirschenreuth

Eine alte Kulturlandschaft und ein neues architektonisches Kleinod: In der Oberpfalz steht in der verwunschenen Waldnaabaue seit einigen Monaten eine besondere Kapelle. Schon jetzt ein Ausflugsziel – und für Moritz Holfelder das Haus des Monats März.

Über dieses Thema berichtet: BR24 am .

Verwunschen ist diese Gegend, direkt westlich von Tirschenreuth und rund 50 Kilometer östlich von Bayreuth. Die Waldnaabaue nahe der Grenze zu Tschechien präsentiert sich als ein Landschaftsmosaik aus Feuchtwiesen, Urwäldern und Moorflächen. Im Zentrum die Tirschenreuther Teichpfanne, einer der größten und ältesten Teichkomplexe in Deutschland. Angelegt vor 900 Jahren, als die Zisterzienser damit begannen, diesen Landstrich zu kultivieren und unzählige Karpfenteiche anzulegen.

Ein besonderer Ort

Das sogenannten Stiftland ist ein Naturschutzgebiet, das auf mehr als 3.000 Hektar nicht von öffentlichen Verkehrswegen durchschnitten wird. Bei der Suche nach einem Ort für die Kapelle, erzählt Architekt Peter Brückner, sei der Plan gewesen, dass sie zu einem Teil im Wasser stehen sollte: "Und dann haben wir einen Teich gefunden, der verlandet war, den wir wieder aktiviert haben, und so hatten wir die Möglichkeit, die Kapelle entsprechend zu verankern."

Auf einer alten Bahntrasse, die zum Fahrradweg wurde, lässt sich die Teichlandschaft durchqueren. Das Architekturbüro Brückner & Brückner hat in Zusammenarbeit mit den Behörden in den letzten Jahren drei landschaftsarchitektonische Interventionen vorgenommen, zuerst eine Brücke über die Waldnaab, dann eine 20 Meter hohe Plattform, die Himmelsleiter, und jetzt die interkonfessionelle Kapelle. Gebaut wurde sie aus hellem Kaolinbeton mit dem speziellen Teichsand, der auch für die in der Gegend ansässige Porzellanproduktion gebraucht wird, und mit 325 Fichtenstämmen, die auf dem getreppten, strahlend hellen Sockel sitzen.

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Ein Bau wie eine Skulptur am Wasser

Eine Verbindung zwischen Himmel und Erde

Neun Meter hoch, sechs Meter lang und drei Meter breit ist die monolithische Wegkapelle. Im Inneren sollte sich ein proportional stimmiger Andachts- oder Schutzraum ergeben, erklärt Peter Brückner die Maße: "Es sollte ein Raum sein, der ein paar Leute aufnehmen kann. Wir haben hier diese ehemaligen Wegkapellen analysiert – welche Größen hatten sie, wie sind sie begehbar gewesen – und so kamen wir dann auf einen Innenraum dieser Größenordnung." Die vertikale Ausrichtung der Proportion war den Architekten wichtig, um einen Raumeindruck zu erzeugen, der Himmel und Erde verbindet.

Aus dem kaolindurchtränkten Fundament streben die unbehandelten Hölzer nach oben. In der Landschaft mit ihrer horizontalen Weite steht der simple vertikale Kubus der Kapelle wie eine Skulptur in der Natur. Je nach Licht und Wetter wirkt er fast irreal, eine Erscheinung, die sich wundersam im Wasser des Teiches spiegelt. Das minimalistische Gebäude, das durch öffentliche Fördergelder und Spenden des ansässigen Rotaryclubs Stiftland ermöglicht wurde, strahlt eine magische Anziehungskraft aus. Eine Glocke gibt es auch, das sei ihm wichtig gewesen, sagt Architekt Peter Brückner: dass man einen Ton hinaussenden könne.

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Architektonischer Minimalismus mitten in der Natur

Natürliches Licht und Kerzenschein

Die Kapelle kommt ohne künstliches Licht aus, der Innenraum ist überraschend hell. Durch ein Oberlicht gelangt der Schein des Himmels oder auch der Sonne bis nach unten. Die teilweise silbern belegten Fichtenbalken hinauf bis zum Dachfenster verstärken die Strahlung und reflektieren zudem den Glanz des Kerzenlichts. Das für den Belag verwendete Material: Aluminium, "aus einzelnen Blättchen, vom Kirchenmaler aufgetragen" wie früher, erklärt Peter Brückner.

Fast ist es, als würde der Raum den Eintritt in eine andere Wirklichkeit ermöglichen. Der Betonsockel bildet innen mit Holz belegte Sitzbänke sowie Wandnischen, das puristische Mobiliar ist komplett in die Raumhülle integriert. Die Kapelle ist tags wie nachts offen – und am letzten Juniwochenende wird es im Rahmen der "Architektouren 2023" der Bayerischen Architektenkammer Führungen mit Peter Brückner geben.

Jeden ersten Samstag im Monat gibt es in BR24 das Haus des Monats – unterstützt durch die Bayerische Architektenkammer.

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