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Ein "Archiv der Stimmen" gegen den Europa-Verdruss | BR24

© Audio: BR / Bild: picture alliance

Kardinal Walter Brandmüller, einer der Zeitzeugen im Projekt "Europäisches Archiv der Stimme".

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Ein "Archiv der Stimmen" gegen den Europa-Verdruss

Mit den Erzählungen europäischer Zeitzeugen dem Europa- und EU-Verdruss etwas entgegensetzen: Das will der Autor Simon Strauß mit seinem "Europäischen Archiv der Stimme". Zu Wort kommen Schriftsteller*innen, Historiker*innen und Künstler*innen.

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Der fränkische Kardinal Walter Brandmüller, Jahrgang 1929, gibt dem beinahe sechzig Jahre jüngeren Verleger Robert Eberhardt Auskunft über sein Leben und seine Gedanken zu Europa. Ob er sich schon einmal geschämt habe für Europa, fragt Eberhardt. "Vor wem?", antwortet Brandmüller und auf Eberhardts Nachfrage, "Vielleicht vor Gott?", sagt er: "Das tut man doch jeden Tag." Ein Gespräch, das für das "Europäische Archiv der Stimmen" geführt wurde – und das seit heute online ist.

Die Idee dazu kam dem Journalisten und Autor Simon Strauß vor zwei Jahren. Wie kann man über Europa reden, und zwar nicht aus dem Blickwinkel der Tagespolitik, sondern dem der Kultur? Seine Antwort und die seiner Kollegen vom Verein "Arbeit an Europa": Indem junge Menschen europäische Zeitzeugen interviewen, die bald schon nicht mehr Auskunft geben können. "Durch diese Interviews, durch das gesprochene Wort, durch die Erzählung kriegt man einen Blick wie durch eine Tür, die ein bisschen aufgeht," so die Hoffnung von Simon Strauß, "auf die ganze Mentalität eines Landes, die spezifischen Wünsche, Hoffnungen und Ängste, die in diesem Land mit dem Begriff 'Europa' verbunden worden sind."

Berührende Annäherung an Europa

Zurzeit hätten wir es in Europa nicht mit einem Einheitsgefühl, sondern mit einem feudalistischen Fleckenteppich der Egoismen zu tun, analysiert etwa der französische Drehbuchautor Jean-Claude Carrière in seinem Statement. Unter den Machern des Archivs war es zunächst umstritten, ob und wie viel Platz für kritische und auch sehr konservative Europastimmen sein sollte. Simon Strauß hat sich für die Aufnahme solcher Stimmen ausgesprochen: "Ich finde das wichtig. Es soll ja ein Archiv sein, das auch dazu anregt, zu diskutieren und zu widersprechen. Es soll ja nicht einfach nur eine PR-Angelegenheit für Europa oder gar die Europäische Union sein."

Zum Glück ist es viel mehr geworden: eine erhellende, charmante, oft berührende Annäherung an Europa. Das liegt auch an den klug gewählten Fragen: "Was bedeutet Heimat für Sie?" Oder: "Haben Sie noch Gegenstände aus Ihrer Kindheit?" Als Kind habe sie, erzählt etwa die rumänische Dichterin Nora Iuga, einen ganzen Sack voll Spielsachen gehabt. Den habe sie aber in Deutschland zurücklassen müssen, als ihre Familie nach Hitlers Machtergreifung fliehen musste. Alle Interviews sind ausschließlich in der Originalsprache zu hören. Dazu gibt es immer eine schriftliche englische Übersetzung.

Europa als kultureller Verbund

Ob man mit diesem Archiv wirklich die Europa-Verdrossenen erreicht? Links- oder rechtsradikale Europahasser sicher nicht, gibt Simon Strauß zu. Aber er glaubt schon, dass das Archiv mit seinem Fokus auf ein kulturelles Europa durchaus viele Menschen anspricht. Politiker hätten dagegen bisher oft die Chance vertan, die Diskussionen und Kämpfe der Zeitpolitik auf eine kulturelle Ebene zu heben. Als Beispiel nennt Strauß die Auseinandersetzungen zwischen Deutschland und Griechenland auf dem Höhepunkt der EU-Schuldenkrise: "Was wäre da eigentlich passiert, wenn die Bundeskanzlerin nach Griechenland gefahren wäre und am Anfang einer Rede einfach mal zwei Strophen eines griechischen Gedichts gelesen hätte? Ich sage das immer, um zu betonen, dass Kultur nicht einfach nur so der Zuckerguss ist oder das Nette für das Elitäre, das Intellektuelle. Nein. Ich glaube, dass der kulturelle Schatz, der ja in Europa allgegenwärtig ist, nach wie vor für eine Gesellschaft im Gesamten wichtig ist."

© Arbeit an Europa e.V.

Das Team von Arbeit an Europa e.V.

Leider ist die Audioqualität der Interviews nicht immer optimal. Das ist besonders schade bei einem Projekt, das ja gerade mit Stimmen, und zwar originalsprachlichen, neugierig machen will. Ungeachtet dessen ist diese Audiosammlung aber eine großartige Fundgrube. Cees Nooteboom erzählt etwa, wie ein Mitarbeiter der Pariser Metro einmal seinen ganzen Zehner-Ticket-Block entwertete. Da der damals fast mittellose Niederländer nicht entsprechend auf Französisch reagieren konnte, lernte er nach diesem Erlebnis sofort die Sprache. Wenn Europäer mehr Sprachen sprächen, würde das wohl auch im übertragenen Sinn zum besseren Verständnis der Nachbarn führen, meint er. Denn die Sprachen gehörten genauso wie die Pariser Kathedrale Notre-Dame zu Europa – aber auch die Muslime? Wo sei die Grenze Europas? Fragt Robert Eberhardt Kardinal Walter Brandmüller: "Die Grenze Europas, ich glaube, die findet im Kopf des Einzelnen statt."

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