BR24 Logo
BR24 Logo
BR24 - Hier ist Bayern
© BR
Bildrechte: missingFILMs

Kida Ramadan, sonst vielbeschäftigter Schauspieler, stellt mit "Egalité" seine zweite Regiearbeit vor. Ein Film übers Fremdbleiben in Deutschland.

  • Artikel mit Audio-Inhalten

"Egalité" - ein Kinofilm übers Fremdbleiben in Deutschland

Was staut sich an in einem Menschen, wenn er bei jedem Arztbesuch, jedem Telefonat eine andere Variante seines Namens zu hören bekommt? Wie es ist, hier geboren zu sein und doch nicht ankommen zu dürfen, zeigt Kida Ramadan im Kinofilm "Egalité".

Von
Marie SchoeßMarie Schoeß

Zunächst sieht Familie Aydin aus wie das Vorzeigemodell für gelungene Integration und Emanzipation. Ein modernes, verliebt wirkendes Ehepaar mit zwei Kindern. Die Frau: wieder schwanger, aber nicht alleinverantwortlich für das Familienglück. Attila Aydin weckt die beiden Kleinen genauso auf wie seine Frau, diskutiert genauso mit ihnen, wenn sie Quatsch machen. Er ist ein anwesender Vater, kein Schatten, der durch die Wohnung huscht und hofft, nicht in die Pflicht genommen zu werden.

Geduldig mit dem Sohn, ungehalten mit der Tochter

Aber: Scheinbar unscheinbare Szenen nagen sofort an diesem Bild. Wenn der Vater zum Beispiel den Sohn verwöhnt, ihm Schwimmbad, Kino, Eis verspricht und bei der Tochter ungehalten wird, wenn sie morgens einmal zu lang braucht.

Eile ist angesagt, weil Leila an diesem Tag eine OP hat. Reine Routine: Die Mandeln müssen raus. Eine halbe Stunde nur, dann sollen die Eltern zurück in der Klinik sein und Leila aus der Narkose wecken. Eine halbe Stunde später sind sie zurück. Aber die OP hat sich verzögert. Eine weitere halbe Stunde später: dasselbe Spiel.

Attila fühlt sich nicht ernst genommen

Nicht nur die Eltern, auch die Zuschauer werden in diesem Moment nervös. Denn die Klinik kann nicht begründen, warum all das so lange dauert. Und die Angestellten geben sich keine Mühe, den Eltern das Gefühl zu geben, dass man sie ernst nimmt. Als Attila Aydin irgendwann die Geduld verliert und dem Personal Rassismus vorwirft, ist das allzu verständlich. Auch wenn der Film offenlässt, ob in diesem Moment schon Rassismus im Spiel ist oder einfach nur mies gelaunte und schlecht organisierte Angestellte.

Miese Laune oder Rassismus?

Regisseur Kida Khodr Ramadan spitzt diese Frage zu und macht aus der leisen, unbehaglichen Szene einen lauten Schlagaustausch. Im Film klingt das so:

"Bleiben Sie bitte stehen, ja? Sie machen mir Angst."

"Ich mach Ihnen Angst, ja? Der Gastarbeiter, der Kanake macht Ihnen Angst, ja? Bin ich ein Verbrecher, weil ich wissen will, was mit meiner Tochter ist? Ich warte hier drei Stunden, drei Stunden."

"Es gibt hier noch andere Patienten und keinen Grund, hier eine Szene zu machen."

Nichts als ein Berliner

Es gehört zu den Stärken des Films, dass er unbequem wird. Dass man den Vater etwa nicht in jedem Moment versteht, er nicht bloß das Opfer von Rassismus ist, auf dessen Seite man mit gutem Gefühl springt. Sondern dass die Analyse kompliziert wird: Wer hat hier was gemeint? Was war offen oder latent rassistisch, was Attilas Projektion - Ergebnis von Jahrzehnten Lebenserfahrung in Deutschland, in denen er nichts war als Berliner und doch immer für fremd gehalten wurde?

Verletzter Patriarch

Welche Spuren dieses Leben hinterlassen hat, welche Muster in der Familie überhaupt wirken: All das wird noch deutlicher, als die Tochter aus der Narkose aufwacht und nichts mehr sehen kann. Als die Eltern das Kind retten wollen, den Ärzten aber nicht mehr trauen. Als sie sich zu Hause neu sortieren müssen und der Vater zum trotzigen, verletzten Patriarchen wird, der sich von einer Frau sicher nichts mehr sagen lässt und die Ängste des Sohnes niederschreit.

Spannend, aber überdreht

„Égalité“ ist ein spannendes Familien- und Gesellschaftsporträt und ein zunehmend offener Einspruch gegen alte Männerbilder. Es ist aber auch ein Film, der überdreht, der Rollenbilder, familiäre und gesellschaftliche Konstellationen deutlich macht - manchmal auch unrealistisch-überspitzt und mit einem Soundtrack unterlegt, der jedem klar macht, welches Gefühl gerade geboten ist.

Das ist schade, weil gerade die stillen Szenen Fragen aufwerfen, die einen Zuschauer aus der Komfortzone locken und politische Sprengkraft haben.

Die BR KulturBühne – ein Platz für Konzerte, Events, Debatten und auch großes Vergnügen. Hier geht's lang!

Aktuelle Debatten, neue Filme und Ausstellungen, aufregende Musik und Vorführungen... In unserem kulturWelt-Podcast sprechen wir täglich über das, was die Welt der Kultur bewegt. Hier abonnieren!

Sendung

kulturWelt

Schlagwörter