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Die Heldengeschichte des Whistleblowers Edward Snowden | BR24

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Er wurde zum Whistleblower, der die US-Geheimdienste erschütterte. Edward Snowdens Enthüllung digitaler Massenüberwachung löste 2013 die NSA-Affäre aus. Bis heute lebt er im russischen Exil. Hier entstand auch seine Autobiografie "Permanent Record".

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Die Heldengeschichte des Whistleblowers Edward Snowden

Er wurde zum Whistleblower, der die US-Geheimdienste erschütterte. Edward Snowdens Enthüllung digitaler Massenüberwachung löste 2013 die NSA-Affäre aus. Bis heute lebt er im russischen Exil. Hier entstand auch seine Autobiografie "Permanent Record".

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Am 9. Juni 2013 schreibt Lindsay Mills, Edward Snowdens Freundin, in ihr Tagebuch: "Ed, was hast Du getan? Wie willst Du da wieder rauskommen?" In seiner Autobiographie "Permanent Record" versucht der 36-jährige Whistleblower eine Antwort zu geben. Er erklärt sich, sein Leben, Amerika nach dem 11. September, die Massenüberwachung und die Freiheit.

Das Memoirenschreiben selbst ist ein Kraftakt. Schon in der Highschool hatte sich Edward Snowden eine Sechs eingehandelt, als er einen autobiographischen Bericht schreiben soll. Seine spätere Mitarbeit als Systemtechniker bei der CIA und NSA, zu der ständige Tarnung und Verheimlichung gehören, macht die Offenlegung des eigenen Lebens nicht unbeschwerter, Snowdon schreibt: "Niemandem mit einem Lebenslauf wie meinem ist der Gedanke an eine Autobiographie sympathisch." Immerhin: "Permanent Record" umfasst 428 Seiten. Koketterie ist immer mit im Spiel.

Man liest gebannt in einem Zug

Trotzdem liest man das Buch gebannt in einem Zug. Denn natürlich fängt Snowden seine Leser ein mit Einblicken in die sonst verschlossene Sphäre der US-Geheimdienste, vor allem ihrer Aufrüstung nach 9/11. Für Laien ist es eine hochkomplizierte Sphäre. Snowden ist sichtlich bemüht, es so einfach und verständlich wie möglich zu halten. Mit dem Leser ist er dabei per Du. Er stellt sich im ersten Satz vor wie bei einer tatsächlichen Begegnung, er preist sein Buch als "Entdeckungsreise", er fragt, mutmaßt und verbündet sich mit dem Leser, gibt Tipps zur Verschlüsselung von Mails und warnt ihn vor den Gefahren der Massenüberwachung. Als erste Zweifel an seiner Arbeit auftauchen und Snowden zu dem Schluss kommt, dass Amerika, anders als China nicht seine eigenen Bürger, sondern die ganze Welt ausspioniert, schreibt er: "Vielleicht verachtest Du mich jetzt dafür, aber ich muss gestehen, dass ich jenes ungute Gefühl damals unterdrückte. Ich tat sogar alles, um es zu ignorieren."

Es fehlt nicht an Pathos

"Permanent Record" ist weniger Autobiographie als eine Heldenerzählung des 21. Jahrhundert. Der von Computerspielen besessene Junge entwickelt sich zu einem digitalen Ass, das von Mächten in Anspruch genommen wird, die sich als korrupt und freiheitsfeindlich erweisen. Um sich zu befreien, setzt der Held alles aufs Spiel. Entsprechend großspurig fällt bisweilen der Ton aus, auch fehlt es nicht an Pathos, aber Snowden hat ja doch Recht, wenn er etwa schreibt: "Du hältst dieses Buch jetzt in Händen, weil ich etwas tat, was für einen Mann in meiner Position sehr gefährlich war: Ich beschloss, die Wahrheit zu sagen."

Das Internet war sein Heiligtum

Das Portrait der Familie fällt skizzenhaft aus. Der technisch begabte Vater bei der Küstenwache, die Mutter bei einem Versicherungsunternehmen für NSA-Mitarbeiter. Eine Schwester. Alle drei bleiben farblos. Zuhause ist der junge Snowden ohnehin nur in Computerspielen, später im Internet. Freunde? Fehlanzeige. "Seit ich zwölf Jahre alt war, bemühte ich mich, in jedem wachen Augenblick meines Lebens online zu sein. Wenn das nicht möglich war, war ich in Gedanken schon bei meiner nächsten Session. Das Internet war mein Heiligtum."

Ein Nerd, der, wie er selbst schreibt, "nach Aufmerksamkeit gierte". Leidenschaftlich beschreibt er die frühe Freiheit des World Wide Web. Nebenher laufen Schule, College, der erste Job als Webdesigner. Am 11. September 2001 dann geht die alte Welt mit dem Terroranschlag auf die Twin Towers in New York unter. Snowden tritt in die Armee ein, nach ein paar Monaten aber versagen beide Beine. Müdigkeitsbrüche wegen Überlastung. Im Buch heißt es: "Wenn ich nach wie vor meinem Land dienen wollte, und das wollte ich unbedingt, dann musste ich ihm mit Hirn und Händen dienen: durch die Arbeit am Computer."

Warum ging er zur CIA?

Die nächsten Stationen waren CIA und NSA. Zu den spannendsten Kapiteln in Snowdens Geschichte gehört die allmähliche Ernüchterung, das Entsetzen über die Missachtung sämtlicher gesetzlicher und ethischer Standards durch die Geheimdienste. Auch das unfreiwillige Exil in Moskau wäre sicher ein interessantes Kapitel, aber darüber berichtet der Whistleblower zwangsläufig sehr verhalten.

"Permanent Record" ist ein Zwischenbericht, die Stimmung ist trotz des pathetischen Plaudertons von Vorsicht getragen, allein die Werdejahre eines Computernerds runden sich zu einer ganzen, wenn auch sehr glatten Geschichte, der Rest verbleibt bruchstückhaft. Fragen bleiben auch, vor allem die, warum ein Mensch, der sich so integer, moralisch und selbstgewiss wie Snowden gibt, überhaupt jemals zur CIA gehen konnte. Aus dieser Frage will Snowden zweifellos selbst herauskommen. Mit der Erzählung, die er in "Permanent Record" vorlegt, gelingt das jedoch nicht, dazu ist sie zu konstruiert.

© S. Fischer

Edward Snowden: "Permanent Record – Meine Geschichte"

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