Zurück zur Startseite
Kultur
Zurück zur Startseite
Kultur

"Warum ich nicht länger mit Weißen über Hautfarbe spreche" | BR24

© picture alliance / NurPhoto

Buchautorin Reni Eddo-Lodge auf dem Jaipur Literature Festival 2019.

Per Mail sharen
  • Artikel mit Audio-Inhalten

"Warum ich nicht länger mit Weißen über Hautfarbe spreche"

Die Journalistin Reni Eddo-Lodge hat mit ihrem Buch über Rassismus weltweit große Aufmerksamkeit erregt. Darin beschreibt sie, wie sehr Erfolg immer noch von der Herkunft abhängt und warum sie auch von Feministinnen und Linksliberalen enttäuscht ist.

Per Mail sharen

Alles begann im Februar 2014 mit einem Blog-Eintrag der britischen Journalistin Reni Eddo-Lodge. Damals erklärte sie, warum sie es leid ist, mit Weißen über das Thema Hautfarbe und Rasse zu sprechen. Dieser Artikel rief so ein starkes Echo hervor, dass Reni Eddo-Lodge nun noch viel mehr mit Weißen über das Thema Rasse sprechen muss – und ein Buch dazu geschrieben hat. 2017 ist es in Großbritannien erschienen, jetzt liegt es mit "Warum ich nicht länger mit Weißen über Hautfarbe spreche" auf Deutsch vor.

Buch wie ein "Druckventil"

Reni Eddo-Lodges Buch ist ein Geschenk, weil es klar und deutlich beschreibt, was struktureller Rassismus ist und warum Weiß-Sein in unseren Gesellschaften ein Privileg ist. Es ist ein Geschenk an schwarze Leserinnen und Leser, weil es für sie wie ein Druckventil funktioniert – endlich sagt mal jemand, wie es uns ergeht. Und es ist ein Geschenk an die weißen Leserinnen und Leser, denn so gründlich auf einen blinden Fleck hingewiesen zu werden, dass man ihn nicht mehr ignorieren kann – das ist eine Bereicherung.

Keine Chance auf Vorstellungsgespräch

Allerdings will nicht jeder dieses Geschenk annehmen. Denn Reni Eddo-Lodge geht es weniger um den offensichtlichen Rassismus, um Beschimpfungen etc – sondern um den Rassismus, den man gar nicht bemerkt, wenn man nicht davon betroffen ist, wie sie im Gespräch mit der Buchhandelskette Foyles erklärt: "Rassismus ist nichts Zufälliges, sondern existiert, um die Menschen zu stärken - die ohnehin schon die Macht haben - nämlich Weiße. Und in den Machtzentren dieses Landes sitzen kaum Menschen, die nicht weiß sind. Wenn ich den Begriff 'white privilege' verwende, meine ich nicht, dass alle Weißen in Luxus aufwachsen. Sondern ich meine, dass deine Chancen auf ein Vorstellungsgespräch sehr viel größer sind, wenn du einen britisch klingenden Namen hast, statt eines afrikanisch oder asiatisch klingenden. So einfach ist es."

Führt harte Arbeit immer zum Erfolg?

Ihr Blogpost – und noch mehr das Buch "Why I’m no longer talking to white people about race" hatten natürlich zur Folge, dass Reni Eddo-Lodge nun erst recht mit Weißen über das Thema "race" sprechen muss. Für die deutsche Übersetzung wurde der Begriff "Hautfarbe" gewählt, auch wenn der das Konzept von "race" nicht ganz trifft. Für ihr Buch, das vor allem auf Großbritannien zugeschnitten ist, analysiert sie zum Beispiel die Auswirkungen der britische Kolonialgeschichte oder den Erfolg der rechtsextremen British National Party in ehemaligen Arbeitervierteln Londons. Vor allem aber erklärt sie, dass von einem diskriminierungsfreien Miteinander, bei dem nur Leistung und nicht Herkunft eine Rolle spielt, nicht die Rede sein könne. Es käme einem Selbstbetrug gleich, schreibt Reni Eddo-Lodge, würde man glauben, "dass die homogene Schwemme weißer Männer mittleren Alters, die derzeit die höheren Ränge der meisten Unternehmen verstopft, allein aufgrund ihrer Begabung dort angespült wurde. Wir leben nicht in einer auf Leistung gegründeten Gesellschaft, und vorzugeben, dass harte Arbeit immer zum Erfolg führt, ist ein Akt vorsätzlicher Ignoranz.“

© Klett-Cotta

Aufruf gegen Ignoranz: Das Buch von Reni Eddo-Lodge.

"Wir müssen Hautfarbe sehen"

Was auch nicht helfe, so Reni Eddo-Lodge, ist eine Farbenblindheit, wie sie besonders unter linksliberalen Menschen verbreitet sei. Denn diese Farbenblindheit, sagt Eddo-Lodge, können sich auch nur Leute erlauben, für die Hautfarbe keine Rolle spielt – weil sie als Weiße das Privileg besitzen, zur Norm zu gehören. Ihr Fazit: "Um ungerechte, rassistische Strukturen aufzulösen, müssen wir Hautfarbe sehen."

Ihr stärkstes Kapitel ist aber das über Feminismus: ihre Erfahrung mit vielen weißen Feministinnen ist leider, dass diese sehr gut kritisieren könnten, wie sie von patriarchalen Strukturen diskriminiert werden. Gleichzeitig falle es diesen Frauen aber sehr schwer zu erkennen, dass sie gegenüber Schwarzen und People of Colour immer noch privilegiert sind. Doch gerade in den Diskussionen mit anderen Feministinnen – eigentlich ihren Verbündeten – hat Reni Eddo-Lodge die Erfahrung machen müssen, dass sie schnell den Stempel "wütende, schwarze Frau" aufgedrückt bekommt. Oder um es in ihren Worten zu sagen: Wenn man das Problem anspricht, wird man selbst zum Problem.

Auch auf Deutschland übertragbar

Sie ist aber vor allem zu einer erfolgreichen Autorin geworden, zu jemandem mit Experten-Status. In dem Nachwort zur deutschen Übersetzung schreibt sie, dass sie das Gefühl habe, ihr Buch hätte in Großbritannien für viele Debatten wie ein Katalysator gewirkt. Auch wenn die historischen und politischen Beispiele sich vor allem auf britische Begebenheiten beziehen, so ist ihre Analyse von white priviledge und strukturellem Rassismus doch auf alle westlichen Gesellschaften übertragbar – also auch auf Deutschland.

Verpassen war gestern, der BR Kultur-Newsletter ist heute: Einmal die Woche mit Kultur-Sendungen und -Podcasts, aktuellen Debatten und großen Kulturdokumentationen. Hier geht's zur Anmeldung!

Die tägliche Dosis Kultur – die kulturWelt als Podcast. Hier abonnieren!