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So wurde Ed Sheeran zu einem der größten Popstars unserer Zeit | BR24

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Vom Outsider, der auszog, um in London Musik zu machen, zum Mulitmillionär: Ed Sheeran ist mit seinem roten Struwelschopf und den blauen Augen einer der größten Popstars unserer Zeit. Jetzt sein neues Album erschienen: No.6 Collaborations.

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So wurde Ed Sheeran zu einem der größten Popstars unserer Zeit

Heute ist Ed Sheerans neues Album "No.6 Collaborations" erschienen – Millionen Streams sind dem Sänger sicher. Was macht ihn so erfolgreich? Unser Autor sagt: Sheerans Wellness-Pop ist der passende Soundtrack für die neoliberale Gesellschaft.

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"I'm In Love With Your Body": In Deinen Körper bin ich verknallt. Nicht in deine Gedanken, deinen Charme und auch nicht in die Seele, das Wesen und was sonst noch zählt. Ed Sheeran begeht mit "Shape Of You" einen kleinen Tabubruch, aber der Sänger will dem Mädchen, mit dem er die Nacht verbracht hat, einen Gefallen tun, auch wenn die Zeile "I'm In Love With Your Body" ein wenig sexistisch ist.

Mainstream-Pop, der abgeht

Ed Sheeran, einer der erfolgreichsten Popstars unserer Zeit, liefert keine Moralpredigten oder humanistischen Appelle. Er ist für den Soundtrack durchfeierter Wochenenden zuständig und ein wenig – zumindest mit seinen Herz-Schmerz-Balladen – für den Kater danach. Also kein "Kritisiert nicht, was ihr eh nicht versteht", kein "Alles, was du brauchst, ist Liebe", sondern Musik, die rockt oder – zumindest – enorme Sich-Wegwünsch-Qualitäten hat: Mainstream-Pop, um den Malocher-Modus abzuschütteln und eben mal kurz den Kopf abschrauben. Und zwar von München bis Djakarta, von Ouagadougo bis New Orleans.

Rote Struwelhaare, Fusselbart und blaue Augen. Ed Sheeran hätte man früher wohl einen Lausbub genannt. Der will einem doch nichts Böses, oder? Genau das macht den Wuschelkopf vorhersehbar für Nicht-Fans. Man weiß, was man von ihm erwarten kann. Popmusik, die abgeht, Melodien, die sich sanft im Gehörgang festzurren – ohne Neuerungen und ohne großen Stil zwar, aber trotzdem unausweichlich.

Eine amerikanische Kritikerin bewertete eins von Sheerans Erfolgsalben mit gerade mal zweieinhalb von zehn Punkten. Der Teeniestar verkaufe pfundweise banale Unschuld, schrieb sie, und weiter: Er wuchere mit nichtssagenden, platten Weisheiten und belangloser Musik. Während er so tue, als würde er über das Gute und Schlechte seiner Mitmenschen nachdenken, vergesse er ins eigene Ich zu schauen. Tja, so kann's gehen, wenn man die Texte des Märchenprinzen versteht. Trotzdem hat Sheeran von diesem Album weit über 40 Millionen Exemplare verkauft.

Entdeckt bei einer Talentshow im Fernsehen

Sheeran zog mit 17 aus, um in London Musik zu machen und ist als Superstar ins heimische Suffolk zurückgekehrt. Ein Typ zum Knuddeln ist er, den es nach seinem Mega-Erfolg wieder in Muttis Nähe zog, geblieben. Vor kurzem hat er auch noch eine Jugendliebe geheiratet. Der 28-Jährige, der mehrere Jahre als Outsider ohne Geld lebte, bevor er an einer Fernseh-Talentshow teilnahm, ist längst einer der erfolgreichsten Songschreiber der Gegenwart, einer aus der Riege von George Gershwin, Lennon/ McCartney und Bob Dylan also. Ein Multimillionär, der sich ohne weiteres ein Penthouse in Manhattan sowie eine Bude am Prenzlberg in Berlin leisten könnte.

Stilistisch und musikalisch ist Sheeran übrigens ein Alles-Verwender: Ob Streicher, verzerrte E-Gitarre oder Computer-Beats – kommt alles zum Einsatz. Hauptsache, es funktioniert und die Melodie bleibt hängen. Alles andere, was mal wichtig war im Rock und Pop: Aufstand, Revolution oder zumindest Subversion, Ablösung von den Eltern. Kannste knicken, bringt's nicht, also wo bitte geht's zur nächsten Party? Ohne dementsprechende Musik geht’s auch im Neoliberalismus nicht. Ansonsten wollen die jungen Fans von Politik nichts hören, wenn Party-Time angesagt ist.

Das ist auch so bei den Liedern, die Ed Sheeran mit anderen Teeniestars wie Justin Bieber, Halsey und Khalid eingesungen hat. Selbst der einst talentierte Ober-Bösewicht Eminem, früher ein Rap-Schwergewicht, ist darunter. Dass sich Sheeran in einem Song von den Beautiful People, den Reichen und Schönen absetzt, muss da schon als äußerst sozialkritisch durchgehen.

Echt "nice" und harmlos

Galante Frauenversteher, Softies vom Dienst, nur damit wir uns nicht missverstehen, hat’s immer gegeben im Pop (und wird es immer geben) – von Frank Sinatra über Cat Stevens und Chris de Burgh bis zu D’Angelo. Nur bekommt jede Zeit, jede Ära und jede Zielgruppe auch genau den Popstar, den sie verdient, den Menschheitsbeglücker, für den sie sich würdig erweist. Ed Sheeran, der in einem seiner Songs vom GV in einem Aufzug träumt, ist echt nice und harmlos. Und er ist es gerne. Seine Musik will Wellness verbreiten. Kein Wunder also, dass die Massen so einem Songschmied zu Füßen liegen, wenn er zur Gitarre greift und unverfängliche Lovesongs zum Besten gibt. Das alte Spiel, für immer und ewig. Nur bloß keine Experimente. Am Montag geht die Schule weiter oder die Maloche, aber das nächste Wochenende, das kommt auch – bestimmt.

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