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Mit glücklichen Gesichtern bemalte Finger.

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    Echter Wohlstand: Was es bedeutet, wirklich reich zu sein

    Braucht es viel Geld, um glücklich zu sein? Ein Jahr Corona habe gezeigt, dass das wirklich wichtige im Leben nicht mit Geld zu kaufen ist. Das glaubt die Autorin Vivian Dittmar. Wohlstand bedeutet für sie etwas ganz anderes als Geld zu haben.

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    Von
    • Matthias Morgenroth
    • Martin Jarde

    Immer unterwegs sein, das neueste Outfit tragen, den Terminkalender ständig bis auf den letzten Slot gefüllt: Die Corona-Krise hat unser früheres Leben ausgebremst, teilweise in Frage gestellt. Während des Lockdowns, als Geschäfte geschlossen und Treffen mit Freunden begrenzt waren, hätten viele Menschen gemerkt, das materieller Wohlstand nicht alles ist, sagt Vivian Dittmar.

    Vivian Dittmar: Warum sich die Investition in inneren Reichtum lohnt

    Die Gründerin der Stiftung "Be The Change" ist Expertin für Gefühle und den inneren Kompass, bietet dazu viele Kurse an und nennt sich selbst Impulsgeberin für kulturellen Wandel. Im Interview mit Matthias Morgenroth in der Sendung Theo.Logik auf Bayern 2 erklärt sie, was für sie echter Wohlstand ist, und warum sich die Investition in inneren Reichtum lohnt.

    Matthias Morgenroth: Frau Dittmar, wir befinden uns nun seit einem Jahr in der Corona-Krise. Ein Jahr Corona, bedeutet auch ein Jahr Verzicht auf die eine oder andere Art. Was hat das mit den Menschen gemacht?

    Vivian Dittmar: Das Innehalten hat bei vielen Menschen deutlich gemacht, wie viel uns fehlt. Davor konnten wir uns viel besser ablenken und viel mehr kompensieren. Das fällt gerade weg. Wir haben einen großen Unfrieden mit der Zeit: Entweder wir haben zu wenig davon, oder wir kämpfen gegen sie an, versuchen sie irgendwie loszuwerden. Und da erst mal in einen Frieden zu kommen, bedeutet, gleichzeitig auch Beziehungs-Wohlstand und Kreativitäts-Wohlstand zu kultivieren. Die Formen fast so ein magisches Dreieck. Denn nur, wenn ich reich bin an Beziehungen und reich bin an kreativen Ausdruck, kann ich meine Zeit auch wirklich als Wohlstand empfinden und leben.

    Ist es das, was vielleicht dieses Corona-Jahr, das jetzt schon hinter uns liegt, sichtbar gemacht hat? Plötzlich war Zeit da, und plötzlich war auch Zeit da Bilanz zu ziehen?

    Wir haben jetzt im Corona-Jahr gemerkt, dass diese Zeitvertreibe einfach ihre Grenzen haben und da eine innere Leere nicht mehr zuzudecken ist.

    Wir haben, denke ich, zu viel von den Falschen Dingen. Also wir haben zu viel Ablenkung, zu viel Information, zu viele Optionen und sind damit überfordert - vielfach ja fast schon zugemüllt -, sodass uns der Raum fehlt für das, was uns wirklich Halt gibt. Und das sind wirklich gesunde Beziehungen und das, was uns wirklich glücklich macht. Und das ist eben gesunde Beziehung plus eine wirklich gelebte Kreativität. Und das ist etwas, was wir wenig kultivieren als Gesellschaft also weder in unserem Bildungssystem noch in unseren Arbeitswelten.

    Sie schreiben in Ihrem Buch "Echter Wohlstand – Warum sich die Investition in inneren Reichtum lohnt" ganz viel davon, dass wir versuchen, alles in eine einheitliche Währung, in Geld zu verrechnen. Und daran messen wir Wohlstand. Was ist das Problem an dieser Formel für Sie?

    Das Problem daran ist, dass das, was wirklich das Leben lebenswert, Sinn erfüllt, schön macht - das können wir nicht mit Geld kaufen. Wir haben ganz viele Anreize, das Geld oder den Status zu priorisieren - vor den Beziehungen, vor unserem spirituellen, inneren Leben oder auch vor dem ökologischen. Das heißt, wir haben ganz viele Anreize, die sagen, dies ist wichtig, dies ist wichtig, dies ist wichtig - und das andere ist wie unsichtbar.

    Wie kommen wir denn jetzt an andere Maßeinheiten sozusagen für bewussten, echten Wohlstand, inneren Wohlstand?

    Ich weiß nicht, ob wir da individuell neue Maßeinheiten brauchen. Persönlich ist es, glaube ich, viel wichtiger anzuerkennen, dass echter Wohlstand qualitativ ist und nicht quantitativ. Und deshalb können wir ihn nicht akkumulieren oder horten. Wir können ihn lediglich kultivieren, wie einen Garten. Und wenn ich das mal verstanden habe, dann sehe ich: Okay, es ist in Ordnung, wenn ich ein bisschen Zeit oder die Hälfte vielleicht meiner Arbeitszeit der Erwerbsarbeit widme. Aber dann brauche ich ganz viel Zeit für all diese anderen Arbeiten, die wirklich den Reichtum, den inneren Reichtum des Menschen ausmachen.

    Sie haben als Kind in Bali gelebt. Sie haben danach in den USA gelebt, jetzt in Deutschland, und vergleichen immer wieder auch die Gesellschaften: Das, was sie erlebt haben, in einer eher traditionellen Gesellschaftsordnung, und jetzt in der postmodernen Gesellschaftsordnung. Hier in Europa ist ja immer die Gefahr, sozialromantisch auf Kulturen zu schauen, die irgendwie doch ganz nah beieinander und naturverbunden leben. Das versuchen sie zu vermeiden. Aber dennoch beschreiben Sie es so, als hätten sie dort etwas gefunden, was Ihnen hier fehlt.

    Es ist wirklich die Muße, die uns fehlt. Es ist die Zeit für Beziehungen. Beziehungen brauchen Zeit, brauchen wirklich langes Miteinander. Genau wie eben Kreativität, genau wie Spiritualität und genau auch wie die Verbindung zu den Ökosystemen, in die wir eingebettet sind, von denen wir einen Teil sind. Und das sind Verbindungen, die in traditionellen Kulturen ganz selbstverständlich kultiviert wurden, weil es überlebensnotwendig war.

    Und wir haben ein Bild vom Leben entwickelt, wo wir glauben, das Wichtigste ist, dass wir Geld haben und Status und das sichert unser Überleben. Das System sichert unser Überleben. Und das führt eben zu dieser Verarmung. Und das hat mich als Kind fasziniert, dass ich einen Wohlstand dort gespürt habe - ich konnte ihn nicht in Worte fassen -, den ich hier vermisst habe und gesucht habe, und ich habe ihn nicht gefunden in all diesen Dingen.

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