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Wenn die Heimat zur Diktatur wird | BR24

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Ece Temelkuran ist Juristin, Schriftstellerin und Journalistin. Wegen ihrer Kritik an Erdogan verlor sie ihre Arbeit bei einer Tageszeitung und musste das Land verlassen. Sie lebt in Kroatien und stellt derzeit in Deutschland ihr aktuelles Buch vor.

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Wenn die Heimat zur Diktatur wird

Wegen ihrer Kritik an Erdoğan verlor die Journalistin Ece Temelkuran ihre Arbeit und musste die Türkei verlassen. In ihrem neuen Buch beschreibt sie, warum neoliberales Denken Rechtspopulismus fördert und sie ihre Hoffnung vor allem auf Frauen setzt.

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Seit nunmehr siebzehn Jahren bestimmt Recep Tayyip Erdoğan die Geschicke der Türkei – anfangs reformorientiert, doch dann immer autoritärer. Seit dem Putschversuch gegen ihn als Präsident im Sommer 2016 hat er das Land in eine de facto Despotie verwandelt. Jede kritische Stimme wird im Keim erstickt. Oppositionelle Politiker, Schriftsteller, Akademiker und Journalisten füllen die Gefängnisse des Landes. Sehr viele Intellektuelle haben sich ins Ausland gerettet, um einer Verfolgung zu entkommen, so auch die Juristin, Journalistin und Schriftstellerin Ece Temelkuran. Sie stellt aktuell ihr neues Buch "Wenn dein Land nicht mehr dein Land ist oder Sieben Schritte in die Diktatur" in Deutschland vor.

"Den Tiger am Schwanz packen"

Ece Temelkuran hält nicht viel von dem Begriff "Hoffnung". Doch das macht sie nicht zu einer Pessimistin. Die Menschheitsgeschichte sei nun mal voller Beispiele von hoffnungslosen Zeiten, sagt die 46-jährige türkische Autorin. Der Mensch sei aber trotzdem nicht davon abzubringen, hartnäckig an der Hoffnung festzuhalten, ergänzt sie bezogen auf die Kommunalwahlen vom letzten Sonntag in der Türkei. Einen Tag vor der Wahl habe es kaum Hoffnung auf eine Verbesserung der politischen Verhältnisse gegeben, aber die Menschen hätten hartnäckig daran geglaubt. An einen schnellen Wandel glaube sie dennoch nicht und mahnt zur Vorsicht: "Es gibt im Englischen den Ausdruck, 'den Tiger am Schwanz packen'. Ich denke, das autoritäre Regime in der Türkei ähnelt einem Tiger, der am Schwanz gepackt wurde. Es wurde ein kleiner, aber sehr hoffnungsvoller Sieg für die Demokratie errungen. Nach 17 Jahren blicken die Menschen in der Türkei wieder auf ein demokratisches Land. Doch leider fühlt sich das autoritäre Regime am Schwanz gepackt. Und der Tiger ist am gefährlichsten, wenn er am Schwanz gepackt wird."

© Igor Kralj/picture alliance

Ece Temelkuran fordert intellektuellen Aufbruch

"Wir müssen genauer hinschauen"

Ece Temelkuran ist Juristin, Schriftstellerin und Journalistin. Wegen ihrer Kritik an der Erdoğan-Regierung wurde sie in der Türkei massiv angefeindet, verlor ihre Arbeit bei einer Tageszeitung und musste schließlich das Land verlassen. Sie lebt in Kroatien und schrieb ihr aktuelles Buch auf Englisch. Der deutsche Titel lautet "Wenn dein Land nicht mehr dein Land ist oder Sieben Schritte in die Diktatur". Das zentrale Thema ist die Kritik am Neoliberalismus und der weltweite Rechtspopulismus: "Ich denke, wir müssen genauer hinschauen, was die Ideologie des Neoliberalismus mit uns Menschen und den Gesellschaften macht. Menschen, die die Rechtspopulisten wählen, haben ein ernsthaftes Problem. Das Problem ist: soziale Ungerechtigkeit, das Gefühl der Menschen, unsichtbar zu sein und ihr Gefühl, das eigene Schicksal nicht verändern zu können. Deswegen haben die Menschen das Gefühl, ihre Würde zu verlieren. In diesem Gefühl der Würdelosigkeit bieten ihnen rechtspopulistische Führer einen Halt, indem sie ihnen sagen, sie würden ihnen ihren Stolz wiedergeben. Aber es gibt einen großen Unterschied zwischen Würde und Stolz. Der Unterschied zwischen diesen Begriff spielt eine zentrale Rolle in dem aktuellen politischen Problem, das wir erleben. Während die Rechtspopulisten anbieten, Menschen ihren Stolz zurückzugeben, geht es kritischen Menschen wie mir darum, die Menschenwürde im Allgemeinen zurückzugewinnen."

Wir brauchen Würde, Sinn, Verstand

Temelkuran hat das Buch auf Englisch geschrieben, um die gesamte Welt anzusprechen und damit die Menschen weltweit über das Phänomen Rechtspopulismus miteinander sprechen, sagt sie. Sie betrachtet in ihrer Analyse nicht nur die Türkei, sondern vergleicht die rechtspopulistischen Bewegungen in ihrer Heimat mit denen anderer Länder wie in Deutschland, Großbritannien, den USA und Niederlanden. In all diesen Ländern beobachtet sie eine ähnliche Entwicklung des Rechtspopulismus, den die Menschen über alle Unterschiedlichkeit ihrer Länder hinweg gemeinsam bekämpfen müssten, sagt Temelkuran: "Das neoliberale Denken beschreibt die Natur des Menschen mit diesen zwei Punkten: Erstens die Angst, nichts zu besitzen und zweitens die Besessenheit, immer mehr zu besitzen. Doch die Menschheit braucht mehr, sie braucht Würde, Sinn und Verstand. Wir müssen darüber nachdenken, wie wir das neu beschreiben. Wenn wir den Rechtspopulismus bekämpfen wollen, müssen wir unter uns klären, wie wir die vorhandenen Probleme selbst definieren."

© Hoffmann und Campe Verlag/BR

Ausschnitt des Buchcovers

Status quo bröckelt

Bei diesem Kampf setzt die Autorin, die zwar nicht viel von dem Begriff Hoffnung hält, ihre Hoffnung auf die jungen Frauen: "Wenn ich von jungen Frauen spreche, meine ich nicht nur die jungen Frauen in der Türkei, sondern alle jungen Frauen auf der Welt. Es erfüllt mich derzeit mit Begeisterung, zu sehen, dass Frauen weltweit ihre Stimme für die Umwelt und die Menschenwürde erheben. Wann immer die Menschheit in eine Krise gerät, erhebt sich die Stimme der Frauen stärker, und zwar so lange, bis ein neuer Status quo hergestellt ist. An diesem Punkt befinden wir uns gerade. Der alte Status quo zerbröckelt, und ein neuer entsteht. Bis der neue hergestellt ist, wird über Frauen gesprochen und werden Frauen selbst sprechen. Ich hoffe nur, wenn der neue Status quo hergestellt sein wird, werden die Männer nicht sagen: Geht ihr nach Hause, wir kümmern uns um den Rest."

Ece Temelkuran: "Wenn dein Land nicht mehr dein Land ist oder Sieben Schritte in die Diktatur", Hanser-Verlag, 22 Euro.

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